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Der Israelit · 1891-01-12 · Heft 4 (12.1.1891) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 4 (12.1.1891)
Date
1891-01-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
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ürdnung lesen und sie werden sehen, daß nichts gegen die bestehende Ordnung unternommen wurde. Ich muH daher erklären, daß alle Beschlüße, welche unter dem Vorsitze meiner Wenigkeit oder unter jenem des Dr. Brofchke gefaßt werden, nach unserem Statute volle Gesetzeskraft haben. Diese präcise und correcteAntwort wurde von der Majorität mit Beifall ausgenommen, Dr. Lueger aber blieb sich consequent und sprach im Laufe der Verhandlung den Vorsitzenden mit Herr Gemeinderath an. A!S schließlich über ein Referat abgestimmt werden sollte, wozu die Anwesenheit von 80 Gemeinderäthen erforderlich war, verließ die oppositionelle Phalanx den Saal, so daß der Gemeinderath beschlußunfähig war. Die Herren Antisemiten bezwecken eben mit ihrer Obstruktionspolitik nur dem Gemcinderathe Verlegenheiten zu bereiten und hegen die Hoffnung, daß die Regierung, dieser ewigen Plänkeleien überdrüssig, die Gemeinde-Repräsentanz auflösen wird. Die Antisemiten beabsichtigten selbst aus der „Volkszählung" Kapital zu schlagen und in die letzte Rubrik „Anmerkung" der betreffenden Zählungsliste schrieben viele „Antisemiten" ein. Darob kam es in vielen Häusern zu Conflikten, da die Hausbesitzer diese eigenmächtigen Beisätze nicht gelten lassen wollten. Ein derart ausgcsüllter Bogen wurde auch von der Zählungs-Commission zerrissen und die betreffende Partei auf die strafgerichtlichen Folgen einer nicht vorschriftsmäßigen Ausfüllung der Zäylungslisten aufmerksam gemacht. Der Mann nahm Raison an und stellte einen neuen Bogen ohne antisemitische Glossen aus. Rußland. Der durch seine Unterredung mit dem Fürsten Bismark bekannt gewordene Mitarbeiter der „Nowoje Wremja", Jewgeni Lwow, sucht in einer Korrespondenz aus Moskau an das genannte Blatt den Eindruck zu verwischen, welchen im Auslande die Nachricht von dem Protest einer Anzahl russischer Schriftsteller und Künstler gegen die Judenhctze gemacht hat. Zu diesem Zweck muß er freilich auch zu Unwahrheiten seine Zuflucht nehmen. Daß die „Moskauer Universität" oder das „ganze intelligente Moskau" oder „Tausende von^Jntelligenten" den Protest unterzeichnet hätten, hat nicht in den ausländischen Blättern gestanden, wie Herr Lwow behauptet. Nur von einigen sechzig Personen war die Rede. Herr Lwow muß nun selbst zugeben, daß allerdings achtundreißig Personen den Protest oder die Petition, wie er sagt, unterschrieben haben, darunter eine Dame, die wohl den russischen Namen ihres Gatten führe, selbst aber nicht russischer Herkunft sei. Elf seien in der That Männer der Wissenschaft, wie Moskau sich hiervon aus ihrer genauen Unterzeichnung überzeugen konnte, jedoch seien von ihnen sieben fremdländischen Ursprungs. Von den übrigen Unterzeichneten seien 22 Niemandem bekannt und der Rest bestehe aus Juden, die aber, wie es heiße, allerdings das Lhristenthum angenommen hätten. Von einem Herrn russischen NamenS behaupten zudem seine Bekannten, daß er bereits seit sechs Monaten verrückt sei, — wohl eine Verdächtigung eines sehr berühmten Namens? „Ich weiß nicht," fügt Herr Lwow hinzu, „ob die Regierung diese ganze Geschichte erstickt hat, oder ob sie selbst erlosch, aber ich weiß genau und eingehend, daß dank ihrem Mißerfolg wir von einer anderen hundertmal schlimmeren Unannehmlichkeit bewahrt geblieben sind, für deren Beseitigung vor Allem die Juden selbst, die sie fast hervorgerufen hätten, dankbar sein müßten." Herr Lwow hat nämlich aus Universitätskreisen erfahren, daß es unter der Moskauer Studentenschaft seit dem October abermals stark zu gähren begonnen habe; es hätten unter den Studenten Adressen kursirt, die den ginn* ländern Sympathien bezeugen und ein Bedauern wegen Schließung der Petrowski-Landwirthschaftlichen Akademie zum Ausdruck bringen sollten; man wollte einen Professor auszischen u. s. w. Da sei Mitte November in den russischen' Blättern die Geschichte von der Inden-Petition aufgetaucht und wider Erwarten habe dieselbe auf die Jugend eine ernüchternde Wirkung ausgeübt, dieselbe habe plötzlich eingesehen, von wo die ganze Bewegung ausgegangen sei und habe sich rasch vollständig beruhigt. Man gewinn den Eindruck, als ob Herr Lwow gegen die Unterzeichner des Protestes nur deshalb loszieht, um überhaupt ohne Gefahr für die „Nowoje Wremja" mitheilen zu können, daß ein solcher Protest unterzeichnet worden ist und daß es unter der Moskaner Studentenschaft gährt. > Vermischtes. * Interessante Proben antisemitischer Kampfesweise finden wir in den neuesten Nummern des in Floersheim erscheinenden „Bürger- und Bauernfreund" und des „Badischen Volksboten." „In der badischen Pfalz — so heißt es im erstgenannten Blatte — besorgt die Geschäfte der Alliance israelite u. A. ein erst kürzlich nach Heidelberg berufener Profesfor G. Mayer, Hofrath und Reichstagsabgeordneter a. D." — „Die deutschen Gelehrten sind in ihrer überwiegenden Mehrheit zu Zuhältern der Juden heruntergekommen." — „Das Verhalten der deutschen Universitäts- Professoren ist ein fortgesetzter Landesverrath. Sie verrathcn unser Volk an seinen ärgsten Feind, an Israel." — Dasselbe Blatt druckt aus dem polizeilich verbotenen Ahlwardtschen Buche das Kapitel: „Kronprinz Friedrich in Wucherhänden" ab. — Die Nachricht von dem Stempelstenererlaß für den ehemaligen Minister v. Lucius wird durch den Zusatz: „von jüdischer Abstammung" den Lesern mundgerecht gemacht, ebenso die Notiz von der Verurtheilung Kurt Abels, des Verfassers der Broschüre: „Vier Wochen Vizewachtmeister" durch den Zusatz: „judendienerischer Schriftsteller". — Der „Badische Volksbote" schreibt: „Ein praktischer Antisemit war seiner Zeit der Markgraf Georg Friedrich von Baden.Er zog ein Drittel sämmtlichen Judenvermögens ein und war damit reich genug, sein Heer zu halten, ohne sein Ländchen allzusehr zu belasten. Ob bei der nächsten Militärvorlage es sich nicht empfehlen dürste, das Borgeben des seligen Georg Friedrich nachzunahmen? Man braucht nicht ‘/s, schon l/io des Judenvermögens genügte für etliche militärische Forderungen und man dürfte sicher sein, daß die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes nichts dagegen einzuwenden hätte." — Das ist die geistige Kost der Antisemiten Liebermann von Sonnenbergscher Richtung, mit welchen die Konservativen sich neuerdings immer mehr verbrüdern! Wochen - Kalender. Freitag, 16. Januar, 7. Schebat. Sabbat-Anfang 4 Uhr — Min. (Mainzer Uhr.) Samstag, 17. Januar, 8. Schebat. NU. Sabbat-Ausgang 5 Uhr 20 Min. (Mainzer Uhr).

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