Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-01-05 · Heft 2 (5.1.1891) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 2 (5.1.1891)
Date
1891-01-05
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448125--31356-2479152
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Mirel, glaube nicht, daß es die schwarze Pesse allein gewesen, es waren auch mehrere weiße . . .", mit welchen der in den letzten Athemzügen liegende Musikant den Vorwurs seiner Frau „nie hast Du mich geliebt, immer war eS die schwarze Pesse, die Du bevorzugt hast", beantwortete, sind Worte, die keineswegs geeignet, belehrend und veredelnd auf das Gemüth des Lesers zu wirken. Ist diese Frivolität für ein jüdisches Blatt im höchsten Grade verwerflich, so ist das Vermächtniß des sterbenden Musikanten an seine Söhne gerade zu empörend nicht nur für einen Juden orth. Richtung, sondern auch für einen solchen, der nicht mehr auf dem Boden des gesetzestreuen Judenthums steht. Zur richtigen Beurtheilung dieser Behauptung cittren wir hier das obenerwähnte Vermächtniß des Musikanten. „Höret Kinder, mein letztes Wort, ich gehe jetzt einen langen Weg, von dem ich nie zurückkommen werde, Ihr sehet mich heute zum letzten Mal, aber meine Worte sollen ewig in Euch leben. Treu sollt Ihr Eurem Gotte, der nur der Einzige ist, bleiben, keine Schuld soll Euer Gewissen belasten. Daß Ihr keine Zizith traget, Butter mit Fleisch esset — das thut nichts, damit thut Ihr weder Euch, noch irgend einem Menschen was Schlechtes und an solche Dinge glaube ich nicht. Unser Gott ist zu hoch, daß er auf solche Kleinigkeiten achten sollte. Bleibt nur immer ehrlich, Ihr sollt nicht durch Betrug, sondern durch redliche Arbeit Euer tägliches Brod verdienen. Liebet den Nächsten — stützet den Armen und sättiget den Hungrigen u. s. w." Wahrlich solche Worte in einem jüdischen Blatte sind ein höchst trauriges Zeichen der Zeit und dürften zum ernstlichen Nachdenken Anlaß geben. Aus Sachsen, 26. Dec. Die Antisemiten arbeiten bei uns seit einiger Zeit mit Hochdruck. Nachdem einige niedere Geister das Terrain sondirt haben, soll jetzt Stöcker durch Sachsen eine Agitationsreise machen. In Chemnitz hegt man die Absicht, ein antisemitisches Blatt zu gründen. Wie die Verhältnisse in Sachsen liegen, wird eine selbständige antisemitische Partei — und die ist das Ideal der Fritsch und Genossen — nichts anderes als ein Keil zur Zertrümmerung des Kartells sein, das ohnehin schon in allen Fugen kracht. Der Antisemitismus wird die „Ordnungs"-parteien schwächen und damit die Geschäfte der Sozialdemokratie besorgen. Diese selbst hat von ihm nicht das Geringste zu fürchten, denn die sächsischen Arbeiter sind politisch so stramm geschult, daß sie an den Leimruthen der Herren Fritsch, Liebermann, Stöcker u. s. w. keinesfalls hängen bleiben werden., Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 30. Dez. Das antisemitische „Volksblatt" hatte am Weihnachtsabend einen angeblichen Brief des verstorbenen pariser Botschafters Grafen Wimpffen an den Banquier Baron Hirsch veröffentlicht, in welchem dieser unter vielfachen Beschuldigungen alsUrsache des Selbstmordes Wimpffens bezeichnet wurde. Heute hat nun das „Volksblatt" ^durch die Staatsanwaltschaft eine Berichtigung des Ministers des Aeußern, Grafen K a lno ky, erhalten, welcher schreibt: Zur Wahrung des guten Angedenkens des Verstorbenen, der sowohl als hervorragender Staatsdiener, wie seines streng ehrbaren Charakters wegen nicht nur von mir, sondern in weiten Kreisen hochgeachtet war, halte ich mich verpflichtet, von Amtswegen zu erklären, daß obiger Brief, dessen Fassung und Inhalt ohnehin den Charakter einer tendenziösen Fälschung an sich tragen, durchaus erfunden ist und tatsächlich nie eristirt hat. Es fallen demnach auch alle aus jenem angeblichen Briefe abgeleiteten und gegen den lauteren Charakter des Grafen Wimpffen gerichteten, nachweislich unwahren Insinuationen zu Boden, die übrigens schon 1883 von autorisirter Stelle zurückgewiesen worden sind. Wieir, 30. Dec. Die „Wiener Abendpost" reproduzirt die Berichtigung, welche Kalnoky bezüglich des Grafen Wimpffen an das Antisemitenblatt sandte und bemerkt: „Es ist gewiß aufs Tiefste zu beklagen, daß ein in Oesterreich erscheinendes Blatt sich yinreißen lassen konnte, eine die Ehre eines langjährigen ausgezeichneten Staatsdieners bemäkelnde lügenhafte Publikation aus der Vergeffenheit hervorzusuchen und derselben, ohne sie vorher auf ihre Richtigkeit geprüft zu haben, lediglich um gehässigen Tendenzen zu fröhnen, in seinen Spalten Raum zu geben. Nach der obigen unzweideutigen Erklärung des Ministers des Aeutzeren ist aber wohl zu erwarten, daß der vom „Deutschen Volksblatte" citirte Brief sammt den darin enthaltenen Insinuationen gegen den verstorbenen Grafen Wimpffen für jeden anständig denkenden Menschen als Das gekennzeichnet erscheint, was er ist, als gewissenlose Gehässigkeit und der Gemeinheit entsprungene lügenhafte Erfindung." Wie ich erfahre, wird die ungemein heftige Sprache des halbamtlichen Blattes auf die Entrüstung zurückgeführt, welche die Publikation des Volksblattes an Allerhöchster Stelle hervorgerufen hat. Brody, 30. December. Die strengen Maßregeln gegen die Juden in Rußland beginnen schon jetzt durch Sperrung von Handlungen und Ausweisungen aus den Dörfern in Vollzug zu kommen, weshalb im Frühjahr einer abermaligen ausgedehnten Auswanderung der Juden aus Rußland entgegengesehen werden muß. Man hat sich daran gewöhnt, in jedem ZeitungS-Katalog, den die Annoncen-Expedition Rud olf M osse seit nunmehr 24 Jahren regelmäßig beim Jahreswechsel ihren Kunden auf den Neujahrstisch legt, irgend einen wesentlichen Fortschritt zu finden. Wie vor 2 Jahren mit dem Kataloge zum ersten Male ein vollständiger Tages-Notiz-Kalender verei-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.