Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Feuilleton. Das Geschenk der Großtante. Erzählung von S. Kohrr, Verfasser von „Gabriel." Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungsrechte Vorbehalten. (Fortsetzung.) „Onkel Josef", fuhr Speier in seiner Erzählung fort, „antwortete umgehend und auch Du, Tante Hanna, warst so gütig, seinen liebevollen Zeilen einige mir wohlthuende Worte anzufügen. Dieser Brief war ein Sonnenblick in meinem Leben, der meine wunde Seele wundersam erwärmte. Onkel Josef schrieb mir in väterlichster Weise. Er machte mir Vorwürfe, daß ich nicht schon bei Lebzeiten meines Vaters über dessen traurige Lage berichtet hatte, sandte mir, wie er sich ausdrückte, einen Vorschuß für die Kosten der Reise und erklärte, daß, wenn — was bei einer so schweren, langwährenden Krankheit vorauszusetzen sei — nach dem Tode meines Vaters Schulden geblieben, er es als seine Pflicht erachte, dieselben zu bezahlen, ich möge ihm den hierzu erforderlichen Betrag nennen, er würde denselben postwendend einsenden. Er forderte mich auf, ohne jede Verzögerung zu meiner Familie zu kommen, ich würde in seinem Hause wie ein Sohn, der ihm eben fehle, ausgenommen und behandelt werden. Wir würden dann das Nähere über meine Zukunft persönlich besprechen und er und die Seinen würden bestrebt sein, mir nach bestem Können eine angenehme Stellung zu bereiten, mich einem meinen Wünschen und Fähigkeiten entsprechenden Ziele möglichst rasch zuzuführen." Speier unterbrach sich. „Ich bitte Euch für die Länge meiner Erzählung um Entschuldigung. Alles das, was Euch als überflüssig erscheint, ist es nach meiner Ansicht nicht; es gehört eben die ganze Geschichte meines Vorlebens dazu, um meine Gefühle, mein Empfinden richtig zu verstehen." „Lieber Philipp," meinte Hanna Perlberg, „Du erzählst so schön, daß ich, trotzdem mir Alles das bekannt ist und ich mit hoher Spannung der Lösung des Näthsels entgegensehe, doch mit höchstem Interesse Deinen lebhaften Schilderungen folge .... fahre fort, mein lieber Neffe!" „Einer so freundlichen Einladung leistete ich gerne Folge. Ich schrieb umgehend an Onkel Josef, dankte ihm gerührten Herzens für seine schönen Worte, erklärte, daß mein Vater zwar kein Vermögen, aber ebensowenig Schulden hinterlassen. Der Erlös einiger, durch das Ableben meines Vaters entbehrlicher Gegenstände, seiner Kleider, seiner Uhr, seines Siegelrings, hatten genügt, um die Forderung des Apothekers, Fleischers und Bäckers zu befriedigen und die Kosten des Begräbniffes zu decken; schließlich zeigte ich Onkel Josef an, daß ich in den nächsten Tagen bei ihm eintreffen würde. „Ich wurde von den lieben Verwandten meiner theueren Mutter mit einer Herzlichkeit ausgenommen, die meine kühnsten Erwartungen noch bei Weitem überflügelte. — Bei dem ersten Eintritt in das Haus des Onkels begegnete ich zweien Menschen, die mir schon bei ihrem ersten Anblick innige Neigung einflößten, Dir, meiner Cousine Pauline und meinem Cousin, Deinem Sohne Jacob, Tante Hanna. Pauline war damals ein blühendes Mädchen von fünfzehn, Jakob ein herrlicher Mann von fünfundzwanzig Jahren. Jene war schüchtern, Jakob aber trat mir mit einer Herzlichkeit und Innigkeit entgegen, die ihm sofort mein ganzes Herz gewann. Er sprach mich gleich Du an, behauptete, er hätte mich, auch wenn ich nicht erwartet würde, auch wenn er mir an einem fernen Orte begegnet wäre, an meiner großen Familienähnlichkeit erkannt, er hätte so viel Schönes und Liebes von meinen beiden Eltern gehört, daß er schon begierig gewesen, mich kennen zu lernen, und die Absicht gehabt hätte, bei der nächsten Geschäftsreise, die er nach B. unternebme, einen Umweg nicht zu scheuen, um Onkel und Cousin kennen zu lernen. Jakob sagte mir, daß er mit den jungen Leuten, mit denen er gesellschaftlich oder geschäftlich verkehren müsse, nicht sympathisiren könne, daß er weder einen Bruder noch einen Freund besitze, und hoffe, ich, sein nächster Blutsverwandte, würde ihm jenen ersetzen, dieser werden. — Ich kann Euch nicht schildern, wie sehr mich sein freundliches Entgegenkommen rührte und entzückte." „Mein Sohn Jakob war Dir ein tteuer Freund!" meinte Hanna Perlberg, indem sie sich eine Thräne von der Wimper wischte. „Onkel Josef hatte mir sofort bet meiner Ankunft erklärt, daß er es als selbstverständlich betrachte, daß ich in jedem Falle in seinem Hause bleibe. Heute, am Tage der Ankunft, wo ich von der Reise erschöpft, von den ungewohnten Eindrücken der großen Stadt betäubt fein würde, wolle er mir Ruhe, Erholung gönnen; morgen würden wir es eingehend besprechen, welchem Lebensberufe ich mich zuwenden solle. — Am nächsten Tage hatte ich Gelegenheit, sowohl Onkel Josefs große Klugheit, als dessen Herzensgüte und Liebe für mich zu erkennen. Er rieth mir ab, die Universität zu beziehen, und schlug mir vor, in sein Geschäft zu treten." „Siehst Du, lieber Philipp," meinte er, „wenn Du die wissenschaftliche Laufbahn verfolgtest, wür-