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Der Israelit · 1890-12-29 · Heft 102 (29.12.1890) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 102 (29.12.1890)
Date
1890-12-29
Page
– (sequence 16)
Language
German
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1842 Haar durch den Myrtenkranz und die dichte Verhüllung sittsam verdeckt; er, eine stattliche Figur, mit gefälligem Wesen, gutmüthigen Zügen, das Gesicht umrahmt von einem blonden Vollbart und ein kostbares, von der Braut empfangenes, gesticktes Sammetkäppchen auf dem Kopfe. Die Segenswünsche der Eltern und der Festgenossen schienen auch in Erfüllung zu gehen. Das junge Paar lebte sehr glücklich. Seiner Frau zu Liebe lebte er streng religiös, wenigstens erfuhr sie nichts, was sie in diesem Punkte verletzen konnte. Die an Verschwendung grenzende flotte Lebensweise, welche er wünschte, die Theilnahme an allen Vergnügen, die sich die junge Frau auch gerne gefallen ließ, überstiegen, wie er immer behauptete, seine Kräfte nicht, denn das Geschäft war gut und lucrativ. Reizende Kinder, von denen ihnen der Himmel eine ganze Reihe nacheinander bescheerte, vollendeten ihr gemeinsames Glück. Die Großeltern, welche oft zum Besuch kamen, konnten sich zwar nicht mit dem nach ihrertzMeinung zu kostspieligen Haushalt befreunden, aber sie glaubten doch sich in Wolf getäuscht zu haben und leisteten ihm im Herzen Abbitte. Sie starben beruhigt über die Zukunft ihres Täubchens und hinterließen ihr ein beträchtliches Vermögen. Jetzt erst besaß Wolf, der bisher trotz des guten Geschäfts mehr gebraucht, als verdient hatte, ein verfügbares, mäßiges Kapital und ließ alsbald seinem Leichtsinn erstrecht freien Lauf. Nach wenigen Jahren war alles aufgezehrt und eine Katastrophe schien unvermeidlich. Ohne große Gewissensbisse machte er unlautere Manipulationen, wußte durch geschickte Lügen sich Summen zu erborgen, Geschäftsfreunde zu betrügen und mehrere Jahre hindurch alle Welt über seine Verhältnisse zu täuschen. Auch Täubchen wußte nicht, auf welchem Vulcan sie einherging, bis sie eines Tages die niederschmetternde Nachricht erhielt, ihr auf der Reise befindlicher Gatte sei in der benachbarten Kreisstadt angeklagt und sofort verhaftet worden. Es war ein ganzes Sündenregister, über das er sich zu verantworten hatte. Es gelang weder ihm noch seinem geschickten Anwalt, ihn rein zu waschen. Er ward zu mehrjähriger Gefängnißstrafe verurtheilt und sollte sein Haus nicht wieder betreten. Er ward vom Untersuchungsgefängniß sofort znr Verbüßung seiner Strafe abgeführt. Täubchen behielt mit ihren, zum Glück bereits theilweise erwachsenen 5 Töchtern und einem Söhnchen gar nichts übrig, als die Erinnerung an die entschwundene Herrlichkeit und die durch Nichts erschütterltche Liebe zu ihrem leichtsinnigen Ehemanne. Ihr Leichsinn war entschwunden, wie er überhaupt | nie übermäßig gewesen war. Sie zog mit ihren jüngsten Kindern nach G., um ihrem unglücklichen i Manne nahe zu sein; die älteren Töchter gingen in die Fremde. Nach vielen vergeblichen Bemühungen erhielt sie endlich die Erlaubniß, ihrem Manne jeden Sabbat etwas Essen schicken und alle Monat einmal ihn besuchen zu dürfen. Wie kümmerlich und mühsam sie sich ernährte, ließ sie ihn nie merken; ihr ganzes Sinnen ging nur darauf, seinen Muth aufrecht zu erhalten. Die Hälfte seiner Strafe hatte er bereits abgebüßt, als er plötzlich erkrankte und nach wenigen Tagen starb. Täubchen erfuhr alsbald von dem Gefängnißwärter die schreckliche Nachricht und die noch furchtbarere, daß der Leichnam, weil der eines im Gefängniß Verstorbenen, nach der Universität R. in die Anatomie abgeliefert werden sollte. Eine furchtbare Aufregung bemächtigte sich der armen verlassenen Frau. Ihr Mann, ihrer Kinder Vater, sollte nicht einmal zur Ruhe, nicht zu jüdischem Begräbniß gelangen. Ihr Entschluß war bald gefaßt. Sie hatte noch einen kostbaren Ring» den man der armen Frau als ererbtes Familienstück mitleidig bei dem Concursverfahren gelassen hatte. Den trug sie ins Leihhaus. Sie erhielt darauf einen beträchtlichen Vorschuß. Mit dem Geld in der Hand ging sie noch in der Nacht zum Gefängnißwärter. Ihren flehentlichen Bitten, verbunden mit der klingenden Fürsprache, gelang cs, den Wärter zu gewinnen. Er übergab ihr den Leichnam. Die Liebe und die Aufregung verliehen ihr übermenschliche Kraft. Mit Hilfe eines einzigen, in's Vertrauen gezogenen Glaubensgenossen, schleppte sie denkostbaren, schaurigen Schatz, in einen Sack gehüllt, in tiefer Nacht nach dem jüdischen Friedhof und legte ihn in das rasch bereitete Grab. Die Sache kam natürlich heraus. Aber die Behörde hatte mit der, bald darauf in schwere Krankheit verfallenen Frau, ein erklärliches Mitleid und man unterdrückte die Angelegenheit. Selbst der Wärter kam mit einem Verweise davon. Als Täubchen wieder genesen war, zog sie nach L., wo inzwischen ihre älteste brave Tochter, in die sich ein frommer Mann verliebt hatte, verheirathet war. Sie lebte noch lange Jahre und hatte das Glück ihre Kinder alle versorgt zu sehen. Sobald ihre Verhältnisse es gestatteten, löste sie den Ring wieder ein. Sie meinte, ihm hätte sie die Kraft zu der schwersten That ihres Lebens zu danken. Dr. S. C. Wochen - Kalender. Freitag, 2. Januar, 22. Thebet. Sabbat-Anfang 3 Uhr 45 Min. (Mainzer Uhr.) Samstag, 3. Januar, 23. Thebet. n"rüD niDttf. Sabbat-Ausgang 5 Uhr 00 Min. (Mainzer Uhr.)

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