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Der Israelit · 1890-12-29 · Heft 102 (29.12.1890) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 102 (29.12.1890)
Date
1890-12-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1833 Kuban (Kaukasus) lebenden Juden (im Ganzen 1007 Personen!) beschuldigt werden, unter den Kosaken Proselyten zu machen. Da dies nicht statthaft sei, müßten alle Juden sofort ausgewiesen werden, auch die zeitweilig dort lebenden jüdischen Handwerker, zumal die Einwohner dieselben nicht brauchten, ja ohne sie besser auskämen. Darauf antwortet der Minister des Innern, daß den Juden zwar durch frühere Verordnungen die Niederlassung am Kuban und Terek gestattet worden sei, allein jetzt müsse man die Proselyten machende Inden- Sekte allmählich ausweisen, doch wäre die Ausweisung von Handwerkern nicht gesetzlich. — Die „Times" theilt nun auch den Wortlaut des bereits mehrfach erwähnten Protestes gegen die Judenhetze mit, welchen eine Anzahl russischer Schriftsteller und Künstler, etwa 60, bat veröffentlichen lassen, allein die Oberpreßverwaltung hat jede Veröffentlichung verboten. Der jetzige Chef des Censur- ComitSs, Herr Feoktistow, hat früher selbst einmal einen ähnlichen Protest unterzeichnet! Der einzige Unterzeichner, dessen Nume genannt werden darf, ist Gras Leo Tolstoi, an welchen sich die Regierung nicht heranwagt. Dieser Protest lautet: Die von der russischen Presse nach dem Vorgänge Deutschlands verbreitete und beförderte Bewegung gegen die Juden bedeutet eine unerhörte Verletzung der fundamentalsten Prinzipien der Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Wir halten es für nothwendig, das russische Publikum an diese elementare Prinzipien zu erinnern, deren offene Annahme die einzige Lösung der sogenannten jüdischen Frage ist. Die bloße Existenz einer solchen Frage ist einfach eine Folge dessen, daß man jene Grundsätze vergessen hat, da unwürdige und schädliche Personen unter allen Nationen vorhanden sind, ohne nothwendigerweise die ganze Nation anzustecken oder hineinzuziehen, was, wenn dies der Fall wäre, die moralische Verantwortlichkeit des Einzelnen vernichten würde. Jede offenbare Feindseligkeit oder Handlung gegen die Juden als Ganzes oder blos deßhalb, weil sie Juden sind, wäre eine Schwäche blinden nationalen Egoismus oder beschränkten Eigennutzes, was Beides nicht einen Augenblick gerechtfertigt werden kann. Es ist ungerecht, die Juden verantwortlich zu machen für Mängel, welche durch eine tausendjährige Verfolgung und durch die abnormen Bedingungen, unter denen sie haben leben müffen, bedingt sind. Wenn sie seit Jahrhunderten gezwungen gewesen sind, sich mit Geldgeschäften zu befaffen, weil sie von allen anderen Geschäften ausgeschlossen wurden, so kann die unangenehme Wirkung einer so ausschließlichen Richtung jüdischer Energie nicht durch weitere Verfolgungen betrieben werden, welche nur geeignet wären, die Uebel zu verewigen. Ein Mitglied der semitischen Rasse zu sein und die Gesetze Moses auszuüben, was an sich nichts Ungerechtes und Tadclnswerthes ist, kann doch nicht den geringsten Grund zu besonderen Forderungen und Beschränkungen lediglich den Juden gegenüber abgeben, wodurch sie ungünstiger gestellt werden, als russische Unterthanen anderer Rasse oder anderen Glaubens. Da die russischen Juden die Lasten tragen und die vom Staate auferlegten Pflichten in gleicher Weise erfüllen, wie alle anderen Mitglieder derselben Bevölkerungsklasse, so sollten sie auch dieselben Rechte haben, wie diese. Die Anerkennung und Anwendung dieser elementaren Wahrheiten, sind wichtig und nothwendig sowohl für unser eigenes Wohlergehen als auch für dasjenige der Juden. Diese tiefgreifende Erregung von Raffen- und Glaubenshaß, welche dem Geiste des Christenthums so sehr widerspricht und gegen alle Gefühle der Gerechtigkeit und Humanität verstößt, ist geeignet, die Gesellschaft bis in den Grund zu verderben und sie kann zu vollständiger moralischer Vereinsamung führen. Die Sache erscheint um so ernster angesichts des merkbaren Niederganges humanitärer Ideen und der Abschwächung des Rechtsprinzips unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Das bloße Gefühl der Selbsterhaltung. verlangt daher eine entschiedene Verurteilung dieser antisemitischen Bewegung, weil sie nicht nur als unmoralisch an sich, sondern auch als höchst gefährlich für die Zukunft Rußlands angesehen werden muß. Welches Schuldbewußtsein muß die russische Negierung haben, daß sie die Veröffentlichung selbst eines so maßvollen Schriftstückes verbietet. Zeituttgsnachrichte« rrrrd Correfporrderrzerr. Deutschland. Darmftadt. Herr Adolph Trier dahier erließ im Herbste dieses Jahres folgendes Rundschreiben : Die antisemitische Agitation nimmt immer mehr zu und wird durch die Agitatoren zu verbreiten gesucht. Insbesondere arbeitet der unermüdlich auf dem Lande umher reisende, fanatische und gehässige Agitator Vöckel in fieberhafter Weise und scheut bei seiner Thätigkeit keine, auch nicht die niedrigsten Mittel, die Leidenschaften aufzustacheln. Derselbe ist ein tüchtiger Redner, besitzt in hohem Maße die Eigenschaft, den unbefangenen Landmann unter Zuhülfenahme unwahrer und erdichteter Thatsachen zu überreden und erzielt täglich neue Erfolge, welche den bürgerlichen Frieden und die Eintracht zerstören. Beifolgend finden Sie die Nr. 336 des Reichrherold, welche eine Probe abgibt von der niederträchtigen Art der Agitation BöckelL und seiner Genossen. Die antisemitische Agitation hat unberechenbare Nachtheile, sowohl materiell, als sie auch, was noch bedauerlicher ist, das Ansehen der Israeliten schädigt. Die unwahren und entstellten Mittheilungen werden leider von den Unbefangenen vielfach geglaubt. Um gegen die antisemitische Thätigkeit aufzutreten, ist es dringend nothwendig, daß sich die Israeliten vereinigen und durch Klarstellung der Wahrheit in der Oeffentlichkeit, in der Presse u. s. w. die Verlogenheit, die Gehässigkeit und die bodenlose Gemeinheit der Antisemiten Nachweisen. Hierzu bedarf es sowohl geistiger als auch bedeutender materieller Mittel. Ueber die Art der Thätigkeit und welche Mittel erforderlich sind — hierüber folgt demnächst Näheres! Sollten Sie, geehrter Herr, bereit fein, sich an diesem Werke zur Abwehr niederträchtiger Angriffe auf unsere GlaubenSgenoffen zu betheiligen, so bitte ich um gütige Mittheilung. Dieses Circular veröffentlichte Böckel in seinem

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