Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 101 (25.12.1890)
- Date
- 1890-12-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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7 XXXI. Jahrgang. 101 Israelit... Jcschurun^ Zrltschrlst W Fördems jSd. Geistes Md W. Kedess Io Alls. Grmilldt srd Zlhsie. Emirat-Hrgan für das orthodoxe Iudenihum. Begründet von Dr. Lehman» in Mainz. Donnerftag, den 25. Dezember 5651 (1K90), Da mit dem i FJanuar 1891 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Wml^W Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß namentlich bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleidet. Leitender Artikel. Die Renaissance der Thora in Deutschland. Mainz, 23. Dezember. Gar mancher der freundlichen Leser wird mit Kopfschütteln die Ueberschrift lesen. So hatten wir denn bisher keine Thora mehr in Deutschland, sind alle unsere Rabbtnen der heiligen Wissenschaft unkundig, wird in den vielen Vorträgen aller möglichen Vereins-Heine Thora „gelernt"? Besitzen wir nicht Seminare und Schulen aller Art, in denen die Jünger der Thora herangebildet werden und nun verkündet man mit Pathos, die Thora soll in Deutschland ihren Wiedereiuzug feiern? „Ich glaubte, dies sei schon vor 30 Jahren geschehen, als ein Dr. Lehmann mit der Begründung des „Israelit" den Geist der Thora wtederwecken half und aus dem unerschöpflichen Borne allwöchentlich seine andächtigen Leser labte. Ja, vor 30 Jahren! Da war es allerdings, als das mächtig aufblühende Zeitungswesen zum ersten Mal in den Dienst unserer heiligen Sache gestellt wurde, aber damals war doch noch Vieles anders, wie heutzutage. Wir haben es bereits in unserem Rückblicke in vergangener Woche ausgesprochen. Es existirte zu jener Zeit uoch eine stattliche Anzahl bedeutender Talmudgelehrten, die eine große Schaar hoffnungsvoller Jünglinge um sich versammelten. Tag und Nacht saßen diese zu den Füßen des Meisters, untertauchend in die tiefsten Tiefen des Talmudmeeres, nicht achtend der sogenannten profanen Wissenschaften, geringschätzend die Genüsse dieser Erde, Jünglinge, von denen viele später der Stolz ihrer Gemeinden wurden, die Licht und Erkenntniß verbreiteten allüberall, wohin sie gekommen. Es gehört zu den schönsten Erinnerungen des Schreibers dieser Zeilen, wie er stets bewundernd den lebendigen Schilderungen lauschte, die sein Großvater Vs: über das frühere Jeschibahwesen gab. Und so wie es hier in Mainz war, so war es noch an gar vielen Orten, im Norden und Süden unseres Vaterlandes. War da eine Aufregung unter den jungen Leuten, als der Rosch Jeschibah, das Haupt der Talmudschule, schon Wochen vorher das Thema seines Chiluks angab, deu er am Sabbat Hagadol oder Sabbat Schubah halten wollte. Da wurde allenthalben darüber discutirt und auch die Bale-Batim, die die Unbemittelten unter den Jüngern an ihren Tischen speisen ließen, gewannen Interesse am „Lernen" und gar mancher unter ihnen bestellte sich den „armen Bochur" auf den Abend, um nach Schluß der Geschäftszeit noch ein Stündchen zu lernen. Konnte er dann doch auch, wenn am Sabbat Nachmittag in der Vorhalle der Synagoge über einen „harben" Rambam gestritten wurde, hie und da ein Wort fallen lassen, daß die erstaunte Welt erfuhr, der Kaufmann So und So ist doch kein so großer Am-Hoorez. Doch wie sieht es heute aus? Lauschen wir heute einmal den Gesprächen, die auf den Vorplätzen der Gotteshäuser geführt werden. Da hört man nichts mehr von einem „harben Rambam", noch einem „schweren Maharschoh", ja nicht einmal von einer Raschi oder gar von einem Toßfot. Da wird über den lieben Nebenmenschen hergezogen, seine Schwächen werden rücksichtslos gegeißelt und in dem Wonnegefühl, daß man ein besserer Mensch sei, wie der oder jener Concurrent, wartet man den Ausgang des heiligen Sabbat ab. Auch unsere Gegner können lustig darauf los Rohling'sche Lügen über den Talmud, dieses bestverläumdete Werk unserer Tage, verbreiten; die Märchen werden auf Straßen und Märkten weiterkolportirt und unter den jüdischen Geschäftsleuten, die mit dem Volke in direktem Verkehr stehen und deßhalb grö-