Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 99 (18.12.1890)
- Date
- 1890-12-18
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448118--31247-2479038- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1798 Gerechtigkeitsliebe erhebt ihn über das Niveau des Gewöhnlichen, durch seine Demuth und Bescheidenheit erwirbt er sich die Liebe seiner Mitbürger und sein Muth, seine Entschlossenheit, seine Geistesgegenwart, seine Schlagfertigkeit geben ihm einen gewissen Einfluß auf alle Diejenigen, mit denen er verkehrt. Dazu darf er sich selbstverständlich nur Leute aus besseren Kreisen erwählen, muß jedoch nicht selbst suchen, sondern sich suchen lassen. Nicht besser kann der Lehrer die Lügen der Antisemiten widerlegen, als durch sein eigenes Leben, seine eigene Persönlichkeit, seinen Character. Dhaten sprechen lauter als Worte; Thaten können nicht geleugnet werden, und darum müssen die Thaten des israel. Lehrers vyr der strengsten Kritik glänzend bestehen. Leider ist die Stellung der Lehrer in gar vielen Gemeinden derart, daß weder Charaktere noch Persönlichkeiten darauf reflectiren. Sie müssen sich mit Leuten begnügen, die zum Train gehören und nicht in den Reihen der Streiter zu gebrauchen sind. Der Character und die Persönlichkeit des isr. Lehrers können von vornherein es unmöglich machen, daß die antisemitischen Lehren in einer Gemeinde Wurzel fassen, doch sie müssen rein wie der Brillant, lauter wie Gold sein. „Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Character in dem Strom der Welt!" sagt der Dichter, und deßhalb ist es unräthlich, wenn sich der isr. Lehrer von der politischen Gemeinde abschließt;' denn durch seine Stellung in der politischen Gemeinde ist ihm ein Mittel gegeben, antisemitische Bewegungen, selbst wenn sie schon Wurzel gefaßt haben, zu unterdrücken und auszurotten. Wer mich achtet und liebt, wird nicht dulden, daß man meine Brüder verspottet und verfolgt. Wir erinnern uns, daß in einer antisemitischen Versammlung ein schlichter Arbeiter austrat und den Hetzpredigern ungefähr folgende Worte sagte: „Wenn das wirklich wahr ist, so habt Ihr traurige Erfahrungen mit Euren Inden gemacht, und Ihr habt Recht, wenn Ihr böse auf sie seid. Unsere Juden," hier erhob der Redner seine Stimme, „sind anders. Oder ist Jemand hier, der den Judenlehrer nicht achtet und ihn und seine Gemeinde nicht schätzen würde? Ihr thut uns leid, aber wir können Euch nicht helfen und deßhalb schließt getrost die Versammlung." Die einfachen Worte des schlichten Mannes wirkten besser, als die längste und gelehrteste Rede hätte wirken können. Sobald kein Interesse für den Gistsamen da ist, kann er nicht ausgesäet werden, nicht sprossen und reifen. Je geachteter die Stellung des Lehrers ist, um so leichter ist sein Wirken; denn das Sprüchwort sagt mit Recht: „Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich sage Dir, wer Du bist." Nur der Lehrer jedoch wird sich einen angemessenen Umgang erwählen, eine Stellung in der politischen Gemeinde erringen können, der in seiner Schule und Gemeinde Tüchtiges leistet, dessen Persönlichkeit und Character ihn dazu geeignet erscheinen lassen, in allen Kreisen zu verkehren. Er ist der Pionier für das Judenthum, der auf einem vorgeschobenen Vorposten stehend, treue Wache halten muß, daß der Erbfeind ihn nicht überrasche. — Eine verantwortungsvolle Stellung bekleidet der isr. Lehrer; o möchte Jeder dieser großen Verantwortung stets eingedenk seink B. Mus uni» Cnni». Aus Mittelfranken. Die pädagogische Beilage zu Nr. 78 u. 79 des „Israelit" enthält einen Artikel „Aus Mittelfranken", worin die Gemeinde N. und ihr Vorstand einer scharfen Kritik unterzogen sind. Ich würde es sicher nicht der Mühe werth gesunden haben, darauf zu entgegnen, wenn nicht die verehrt. Redaction in einem Zusatze bemerkt hätte, „solche Gemeinden verdienen namhaft gemacht zu werden." Nun wohl; die betr. Gemeinde heißt Nenzenh eim, ihr Cultusminister, pardon, Cultusvorfteher ist der Unterfertigte. Zur Richtigstellung des betr. Artikels habe ich Folgendes hervorzuheben: Der Herr Correspondent scheint es unserer Stelle zum besonderen Vorwurf machen zu wollen, daß dieselbe nur unter großen Entbehrungen einen Mann zu ernähren vermag. Ueber die finanziellen Erträgnisse hier hat sich noch kein Lehrer beklagt, wenn sich seine Ausgaben in dem gewöhnlichen Rahmen bewegt haberi. Andernfalls hat die hiesige Gemeinde noch Niemand gezwungen, diese Stelle anzunehrnen, da die Erträgnisse derselben durch mich den Reflcctanten stets bekannt gemacht werden. Völlig unwahr ist die Behauptung des Correspondenten, die Behörde habe die Angelegenheit zu seinen Gunsten entschieden. Auf die Beschwerde des Herrn hat das k. Bezirksamt Rheinsels wegen Zahlung des Gehaltes einen Vergleich angebahnt, der auch zu Stande kam. Ein Urtheil erging überhaupt in dieser Sache nicht. Was nun die Schlußbemerkung des Correspondenten hinsichtlich unseres jetzigen Lehrers anbetrifft, so wird sich derselbe wohl für einen solchen Anwalt bedanken und das Geeignete selbst veröffentlichen. *) Ephrajim Kahn, Cultus-Vorstand. *) Wir haben auch eine Entgegnung dieses Herrn erhalte», sehen aber, da durch Vorstehendes die Thatsachen berichtigt sind, von deren Veröfsentlichung ab und schließen hiermit die Polemik in dieser Sache. Red. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschurun", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Ioh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Acsien-Gesellschast in Manu.