Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 97 (11.12.1890)
- Date
- 1890-12-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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- Odesa 2× ep/1000834
- Kuldīga 1× ep/1047993
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1753 land das Examen, allein als der Krieg zu Ende war, wurde ihm mitgetheilt, daß er nur unter der Bedingung, daß er Christ würde, als Militärarzt zugelassen werden könne, als Jude könne er nicht angenommen werden, und der Chef des Medizinaldepartements in Petersburg beredete ihn zum Uebertritt. Er lehnte jedoch ab. „Wenn ich ewig und Sie ewig leben würden, könnte die Sache anders sein. Aber Sie können morgen sterben, ehe Sie mieden versprochenen Platz geben und ich mag vorher sterben, ehe ich ihn erhalte. Es ist am besten an Gott zu denken." Er wurde aus Petersburg ausgewiesen, durfte dann einige Zeit auf Grund einer Erlaubniß der Behörden in Moskau praktiziren, wurde aber schließlich auch dort als Jude ausgewiesen. Er zog nun von Stadt zu Stadt und praktizirte in jeder einige Monate lang, bis ihn überall dasselbe Schicksal traf. Er wanderte aus und kam nach Frankfurt, erhielt dort aber keine Erlaubniß zur Praxis, weil er russischer Unterthan und fremder Jude war. So gelangte er nach London — ein Mann mittleren Alters, ohne Verbindungen und ohne Mittel. Diesem folgten Andere gleichen Alters. Insbesondere die Schulmeister haben durch die schärfere Anwendung der Gesetze viel zu leiden. Der eine hatte in einer Staatsschule in Odessa 12 Jahre lang gelehrt und nachdem 1883 der Befehl ergangen war, daß kein Jude in Staatsschulen lehren dürfte, behielt er noch vier Jahre durch Gunst seinen Platz; allein im vorigen Jahre besuchte der Unterrichtsminister Odessa und die Folge war, daß der harmlose Lehrer seine Stelle verlor, obgleich in der Schule 180 jüdische neben nur 12 christlichen Kindern waren. Ein jüdischer Lehrer darf auch keine Privatstunden Christen geben und obgleich er Freunde und Verbindungen unter den Christen hatte, wagten letztere nicht, ihn zu beschäftigen. Die ihm bekannten Juden aber waren zu arm und so wanderte er nach Deutschland aus, wurde dort aber als russischer Jude ausgewiesen. 120 Lehrer sollen unter ähnlichen Verhältnissen Odessa verlassen haben; mit 15 derselben ist er persönlich bekannt. Ein rumänisch-bessarabischer Lehrer hatte in Czenstochow 9 Jahre lang in einer Gemeindeschule gelehrt — dann wurde er 1888 als fremder Jude ausgewiesen und erhielt nur, weil er gute Zeugnisse hatte, einen Aufschub auf 8 Wochen. — Diese ruhig und geschäftsmäßig vorgebrachten Erzählungen, in denen auch viel von der Noth der Frauen und Kinder die Rede war, machten einen tiefen Eindruck, wie einer nach dem andern sich vorstellte, aber die Zahl der Hilfesuchenden verminderte sich kaum. Die Einen kamen, um Hilfe, die Anderen, um Rath zu erbitten. Unter den letztern befand sich ein Student der Medizin, welcher um Bücher bat. Er war aus Petersburg' ausgewiesen worden, weil er sich als Handwerker hatte eintragen lassen und seine Studien zu vollenden suchte, statt als Handwerker zu arbeiten. Alle bedeutenden höheren Schulen sind in Petersburg, und gerade dort dürfen die nicht privtlegirten Juden sich nur als Handwerker oder Diener niederlaffen. Ein Pantoffelmacher, ein wirklicher Handwerker, bittet um Hilfe. Er hat in Riga gelebt, ist aber ausgewiesen worden, weil der Gildenmeister plötzlich entdeckte, daß seine Arbeit unbefriedigend war. Der Gildenmeister ist natürlich ein Christ und Konkurrent. Ein Metzger aus Jekaterinoslaw hat 17 Jahre sein Handwerk ausgeübt, allein die Erhöhung der Steuer aus koscher geschlachtetes Fleisch hat ihn ruinirt. Bor 8 Jahren hat der Ort, in welchem er lebte, dafür 16,000 Rubel zu zahlen, jetzt beträgt die Auflage 36,000 Rubel. Er hat feine 7 Kinder meist nach England gebracht. Ein Hausirer, welcher 25 Jahre in Wesenberg seine Familie ernährt hat, ist ausgewiesen worden, weil die Stadt nicht zum Judenrayon gehört. Man forderte ihn auf, zum Christcnthum überzutreten. Ein Sohn von 15 Jahren und eine Schwester sind zurückgeblieben, weil das nöthige Geld fehlte. Der Junge fragt brieflich an, ob er übertreten soll, sonst werde er nach des Vaters Geburtsort im Judenrayon übergeführt, welchen selbst der Vater 25 Jahre nicht gesehen hat. 30 Familien sind in derselben Weise aus Wesenberg ausgewiesen worden. Der diesbezügliche Befehl sei vor 2 Jahren ergangen, aber ein guter Gouverneur habe „durch die Finger" gesehen". Jetzt sei ein Wechsel eingetreten. Der nächste ist ein Kuhhirte, welcher ein kaum verständliches Deutsch spricht. Hirsch Lamchen ist sein Name nnd er hat in Goldingen in Kurland gelebt. Er wurde ausgewiesen, weil er nicht bereits vor 1882 in dem Orte gelebt habe. Er hatte 6 Jahre bei einem Edelmanne und 4 Jahre bei einem Pächter als Milchverkäufer gedient. „Aber", so wurde ihm in der Kommission bemerkt, „Sie haben 10 Jahre in dem Bezirk gelebt und das geht vor 1882" — „Oh, uein, meine Herren," lautet die Antwort; „6 und 4 machen nicht 10. Man hat es als neue Ansiedelung angerechnet, als ich meinen ersten Herrn verließ!" Deshalb mußte er den Milchverkauf aufgeben. Er hatte eine Frau und 5 Kinder. Er verkaufte Alles und wanderte von Ort zu Ort, bis er hörte, daß Brasilien das beste Land sei, aber sein Geld reichte nur bis England. 2 Verschiedene Bittsteller waren, weil es spät geworden war, fortgeschickt worden und die letzten waren 2 gut gekleidete manierlich auftretende Frauen von 40 unb 30 Jahren: Pauline Cohen und Marie