Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 95 (4.12.1890)
- Date
- 1890-12-04
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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1726 herzten und küßten das Kind einer nach dem andern. Dann wandte sich der Vater zu dem Fremden und sprach: „Und Ihnen, mein Herr, tausendfachen Dank. Sie haben mein Kind dem sicheren Tode entrissen — ich kann Ihnen das nicht lohnen. Ich besitze kein Vermögen, aber von dem, was mein ist, wählen Sie aus, was Ihnen gefällt, es sei Ihr Eigenthum." „Lassen Sie doch diese Geschichten," wehrte der Fremde rauh jede Dankesäußerung seitens des Vaters ab; „ich habe Menschenpflicht gethan, sonst nichts. Ich sehe, daß sich das Kind erholt und bin froh darüber. Nun will ich aber wieder einspannen, denn ich habe viel Zeit verloren." „Das gestatte ich keinefalls," sagte der Vater des Knaben; „bei diesem Wetter ist es zu gefährlich, während der Nacht zu fahren, und das Schicksal, vor dem sie mein Kind errettet, könnte Sie erreichen. Komme her, Sarah," wandte er sich an seine Frau, „vereine Deine Bitten mit den meinigen, daß der Herr bis zum Morgen bleibe und uns gestatte, unfern Dank auszusprechen." „Bleiben Sie doch, mein Herr," bat nun die Mutter mit ihrer sanften, engelgleichcn Stimme; „Sie haben uns so viel Gutes unaufgefordert erwiesen, daß das, um was wir bitten, dagegen gar nicht in Betracht kommt. Doch was ist Ihnen? Sie werden ganz blaß; Sie sind nicht wohl —" Schon beim ersten Klang der Stimme hatte der Hausirer aufgehorcht. Sie kam ihm so bekannt vor, und wenn er diesen Klang auch lange, lange nicht gehört hatte, so erinnerte er sich seiner doch ganz genau: er klang herüber aus seiner fernen Jugendzeit, aus jener Zeit des elenden Glückes und des glücklichen Elends. In diesem Klange hatte er die Märchen seiner Kindheit gehört, diese Stimme übertönte einst alle anderen Kinderstimmen, wenn bei seinen Eltern am Freitag Abend Scholaum aleichein gesungen worden, wenn am Chanukkahfeste — großer Gott, man war in der Ztkk — jenes kleine Licht am Fenster — der Gesang des Knaben — heute war der Abend, an dem er vor langen, langen Jahren das Elternhaus verlassen. Stürmt denn heute Alles auf ihn ein? Und als sich nun die Frau erhob und auf ihn zueilte, um den Wankenden zu stützen, ihn zu schützen vor schwerem Falle; als er ihr in das treue Auge blickte und das kleine Muttermal an ihrem Antlitze sah, da wußte er, wessen Kind er gerettet, in wessen Haus er sich befand. Ein Zittern durchlief seine ganze Gestalt, seine Augen erweiterten sich, ein schwerer Seufzer entrang sich seiner Brust, er stürzte auf die Erde nieder, umfaßte die Kniee der Frau und rief mit herzzerreißender Stimme: „Sarah, meine Schwester, erkennst Du mich nicht? Ich bin Dein unglücklicher Bruder, der sich selbst verstoßen vom Herzen der Eltern und Geschwister, der lange und schwer die Jrrtbümcr und Fehler seiner Jugend gebüßt und der heute am Chanukkahfeste Dein Kind retten mußte, um zu Dir zu gelangen." Schluchzend barg er sein Haupt in dem Schoß der erschrockenen Frau. Diese bat ihn, arrfzustehen, und als er sich etwas beruhigt hatte, sprach sie: „Sie irren sich, mein Herr; ich habe keine Geschwister mehr. Vor vier Jahren raffle die Cholera meine Mutier und alle meine Geschwister dahin — mein Vater ist seil jener Zeit leidend und lebt mit einer Cousine in B." „Ich irre mich nicht," versetzte der Fremde traurig: „Ihr jüngster Bruder Berte ist er auch tot?" „Wir haben seit 24 Jahren nichts von ihnr gehört, .als daß er sich habe taufen lassen." „Das ist nicht wahr!" rief der Hausirer erregt aus, „bei Gott, das ist nicht wahr! Mag er sich noch so sehr gegen die Gebote der jüdischen Religion vergangen haben, von ihr losgesagt hat er sich nicht; ein Meschummed ist er nicht geworden. Sieh mich an, liebe Schwester, ich, ich bin Dein Bruder. Ich habe Dir Deinen Knaben errettet aus der kalten Hand des Todes. Vorhin stelltest Du mir frei, mir etwas zu erbitten von dem, was Dein ist, und ich weigerte mich dessen. Nun aber habe ich eine Bitte, eine innige Bitte, deren Erfüllung Dir ein Leichtes ist, und für mich Erlösung und Seligkeit bringt. Sei wieder meine Schwester, schenke Deinem Bruder wieder Deine Liebe und Dein Herz wie er sie einst besessen, denn, wie ich eben gehört habe — hier hob ein schwerer Seufzer seine Brust — wir sind nur noch Bruder und Schwester von sieben Geschwistern. Gott hat uns wieder zusammengeführt: möge der Tag, an dem ich mich von Euch lossagte, uns auch wieder vereinen! Möge das Chanukkahlicht, das an jenem unglückseligen Abend mein Fortgehen beleuchtete, heute meine Wiederkunft feiern helfen. Und morgen fahre ich nach B. zum Vater, werfe mich vor ihm nieder und erflehe seine Verzeihung." „Das thun Sie lieber nicht; er hat um seinen jüngsten Sohn die sieben Trauertage auf der Erde gesessen." „So wird er die letzten Jahre seines Lebens in Rühe und Freude bei diesem Sohn verbringen. Denn ich sage Dir bei diesem erlöschenden Chanukkahlicht, die Worte des Vaters haben sich erfüllt. Beim Chanukkahlicht schwur er heute vor 24 Jahren, daß ich weder Glück noch Ruhe finden werde, wenn ich die Gebote umerer Religion verachte, und bei diesem Lichte verspreche ich Dir heute, die Thora sei fortab mein Führer. Ihre Gebote zu erfüllen sei mein höchstes Streben, ein braver, frommer Jehudi zu sein, sei fortan mein größter Stolz." Die Frau wollte sich abwenden, da sie das Vergehen des Bruders zu groß fand, um ihm verzeihen zu können, und trotzdem ihr Herz ihr zurief: verzeihe, schenk ihm Deine Liebe wieder, zauderte sie, denn sie fürchtete den Zorn des Vaters. Da rief der Knabe vom Bette her ihr zu: „Mama, sei Deinem Bruder doch wieder gut!" und auch ihr Mann sagte: „Sarah, sei nicht hart!" Der Fremde aber stand traurig an der Thüre und fragte: „So weisest Du mich fort?" „Nein, mein Bruder, komm an mein Herz!" rief sie aus und eilte zu ihm hin. Er breitete seine Arme aus und Brust an Brust lagen die Geschwister und weinten Freudenthränen. Zärtlich strich sie ihm über das schon von Entbehrungen fast ganz ergraute Haar und sprach: „Ja, Du bift's, mein Bruder Berle." Der Vater des Knaben wollte das Wiedersehen nicht stören und setzte sich zu seinem Kinde, das verwundert auf feine Mutter und deren fremden Bruder blickte. Die zwei Paare, Bruder und Schwester, Vater und Sohn flüsterten leiie mit einander, als sich die Thüre öffnete und der Arzt eintrat. Er trat zu dem Knaben, untersuchte ihn und erklärte ihn außer aller Gefahr, daun wünschte er den Eltern nochmals Glück zur Errettung ihres Kindes und entfernte sich. Bald darauf schlief auch der Knabe ein. Die Eltern und der Dnkel jedoch gingen nicht zu Bett in jener Nacht. Der Bruder hatte der Schwester gar viel zu erzählen, während der Vater den Schlaf seines Einzigen bewachte. Als der Morgen dämmerte, hatte er seine Erzählung beendet, die Schwester hatte den Bruder, der Bruder die Schwester von neuem gefunden. Ob sein Vater ihm verziehen? Lieber Leser kennst Du nicht jenen PerS: C'jn 2N C""0 Wie ein Vater sich feiner Kinder erbarmt re. Sv erbarmte sich auch der Vater des Hausirers seines verlornen und wiedergefnndencn Sohnes. Fortan lebten beide beisammen. Kein Mißton störte Oie Harmonie, und der Vater wie der Sohn fanden stets Zeit, die Lehren und Gesetze der Thora zu studieren. Der Sohn hielt sein Wort; er war ein gottesfürchtiger, frommer Jehudi geworden, und als im nächsten Jahre das Chanukkahfest wieder erschien, betete in ganz Israel gewiß keiner so innig den Segensspruch {«clieoso nissim laawausenu bajomim hohem, basman hase wie hier Vater und Sohn; denn auch an ihnen war ein Wunder geschehen; auch an ihnen hatte seine Wunderkraft aufs neue bewiesen und bewährt das Chanukkahlicht. Verantwortliche Redaction : Osc ar L e h m «tut in Maiin. — Expedition des „Israelit" u. „Jeschuruu", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Aciien-Gcsellschaft in Mainz.