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Der Israelit · 1890-12-04 · Heft 95 (4.12.1890) · page 25

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 95 (4.12.1890)
Date
1890-12-04
Page
– (sequence 25)
Language
German
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1725 sprochenen Worte verstehen konnte. „Macht die Thüre auf!" begriff man endlich, und als man die Thüre geöffnet hatte, stand ein weinendes Weib in dem Rahmen derselben und fragte mit zitternder Stimme: „Bringt ihr meinen Gabriel?" Ohne sich um die Frau, die Mutter des Knaben, zu kümmern, schritt der Vermummte in das behaglich erwärmte Wohnzimmer. Hier ließ er sich von seiner Umhüllung befreien. Eine Decke nach der anderen fiel zur Erde. Jetzt fiel auch der Pelz des Hausircrs und der mit einem wollenen Hemde bekleidete Oberkörper desselben kam zum Vorschein. Enge an sich gedrückt hielt er den Körper eines Knaben, der, wie er selbst, in Schweiß gebadet war und ruhig schlummerte. Der Arzt, der mit erschienen war, trat sofort an das Bett, auf welches man den Knaben gelegt hatte und fühlte den Puls des Kranken, während der Hausirer Bericht erstattete. Aengstlich, mit zagenden Herzen harrten die Eltern auf den Ausspruch des Arztes. Wer vermag die Gefühle zu fchildern, die in diesen bangen Augenblicken das Herz des Vaters, das Muttcrherz durchfluten! Wer vermöchte das Glück zu beschreiben, das aus den Augen der Mutter strahlte, das die Brust des Vaters schwellte, als die Mienen des Arztes ihnen ankündigten, daß sie hoffen dürften, hoffen auf die Erhaltung des Lebens ihres einzigen Kindes! Und als der Arzt sie bat, hinauszugehen, um den Schlaf des Knaben nicht zu stören, da schlichen sie sich hin an das Bett des Kindes, um über die Schulter des Arztes hinweg eine» Blick auf ihren Liebling zu werfen, das Antlitz zu sehen, welches jetzt so bleich in den weißen Kissen gebettet lag. Er lebte! o, welche Seligkeit in diesem Worte, welches Glück bei diesem Gedanken! Ob er aber am Leben bleibt; ob das fliehende Leben sich nochmals aufhalten läßt? Diese Fragen durchzittcrn bang das Herz der Eltern. Wer vermag die Antwort darauf zu finden? — Du hast sie gefunden, gequältes Mutterherz; deiisiMund hat sie unbewußt ausgesprochen und mit festem Verirauem und frohem Bewußtsein wiederholst Du sie: yn TPp "nyifc'P, Auf Deine Hülfe baue ich, o Ewiger! Die Eltern hatten das Zimmer verlassen. Der Wagen des Hausirers war in den Hof gezogen und das Pferd in den Stall gestellt worden. Während sich die Dorfleute nun still nach Hause begaben, hatte der Hausirer dem Arzte berichtet, seine Decken und Waaren zusammengelegt, seine Weste und seinen Rock angelegt und wollte sich nun auch entfernen. „Ich bin hier wohl entbehrlich?" fragte er mit leiser Stimme den Arzt. „Entbehrlich wohl," entgegncte dieser, „aber noch nicht entlassen. Vollenden Sie dasq Rettungswerk und wachen noch zwei Stunden bei dem Knaben. Tie Eltern sind in ihrer Aufregung untauglich dazu. Ich komme alsdann wieder und erst dann kann ich Ihnen die Gewißheit geben, ob Sie ein Menschenleben gerettet haben oder nicht." „Auch recht," sprach der Hausirer, „man muß nichts halb thun." Ter Arzt entfernte sich und der Hausirer setzte sich auf einen Stuhl und rückte ihn neben das Bett des schlafenden Knaben. Ties und regelmäßig gingen die Athemzüge des Kindes und in regelmäßigen Zwischenräumen hob und senkte sich die Brust desselben. Der Hausirer sah sich in dem Zimmer um und war angenehm berührt von der Reinlichkeit und Behaglichkeit, die ihm überall cntgegenleuchtete. Ein grüner Schirm dämpfte das Lampenlicht, während.^ein''anderes kleines Licht, welches gewiß nicht zur Beleuchtung dienen sollte, am Fenster in die Nacht hinaus leuchtete. Hatte Jemand Jahrzeit? Er war ja in einem jüdischen Hause, wo man dem Andenken an die verstorbenen Eltern alljährliche an dem Sterbetage" ein Lichtweiht. Doch ein Jahrzeitlicht war das sicher nicht! Brannte'es doch an einem Leuchter, an dem noch sieben andere Lichter waren, die man nicht entzündet hatte. Was sollte das Licht also bedeuten? Er sann und sann, jedoch nicht über die Bedeutung des Lichtes, sondern seine eigene Kindheit und Vergangenheit ging an seinem Geiste vorüber. Er war der jüngste von sieben Kindern eines armen, aber frommen Ehepaares in W., das sich und seine Kinder durch Hausiren kümmerlich ernährt hatte. Wenn aber auch Noth und Sorge täglicher Gast in der Wohnung seiner Eltern waren, am Sabbats fanden diese bösen Gäste keinen Eintritt und man war glücklich im Elend. Die Kinder wuchsen heran und theilten das Elend und die Arbeit redlich mit den Eltern. Nur er, der Jüngste, sträubte sich, seines Glaubens halber sich ein elendes Los zu schaffen und nur mit Gewalt konnte er von den Eltern und Geschwistern an der Entweihung des Sabbates gehindert werden. Da kam jener Tag! Die Versuchung war für den sechzehnjährigen Knaben zu groß. Eiu üppiges Wohlleben winkte ihm, man bot ihm Beschäftigung, durch welche er auf leichte Weise internem Tage mehr verdiente, als seine Eltern trotz großer Entbehrungen und schwerer Arbeit in einem Monat — er durfte nur die Sabbat- und Speisegesetze übertreten und er konnte leben wie die Herren, die er so sehr beneidete. Die Entscheidung fiel ihm nicht schwer; er entschied sich — und hatte, in diesem Augenblick Vater, Mutter und Geschwister aus einmal verloren. Heute noch denkt er mit Schauder au jenen Abend, da sein Vater erfahren, was er gethau und ihn aus seinem Hause gejagt, ihm trotz der Bitten der weicheren Mutier ferner Obdach und Nahrung verweigert. „Geh hin und laß Dich laufen!" hatte er ihm zugerufen, „und ich will Schiwoh sitzen für Dich; aber bei diesem Lichte, das hier brennt, Du wirMein Glück und keine Ruhe finden auf den Wegen, die Du wandelst." Darauf war er verschwunden für seine Eltern, denn er war mit einem Herrn hiuausgezogen in die Welt und hatte das Leben in vollen Zügen genossen. Ob er glücklich sei? Diese Frage hatte er sich nie beantwortet, sondern nur so in den Tag hineingelebt. Von seinen Glaubensgenoffeu. hatte er sich stets fern gehalten, und als ihn einst ein kannter in Gesellschaft eines katholischen Priesters iniem^ Kapelle, die ein schönes Glasgemälde barg, gehen sah, hiestcs, er habe sich taufen lassen, sei Apostat geworden. Er that nichts, um dieses Gerücht zu widerlegen, und so hieß er, als er nach Jahren heimkehrte, der Meschummed. . & Vater hatte Recht gehabt. Das Leben hatte ihm nicht MI halten, was er sich von demselben versprochen und jenes Licht, bei dem der Vater geschworen, es brannte ihm alljährlich, wenn es seinen Glanz selbst aus den ärmsten Hütten in die dunkle Nacht hinausstrahlen ließ, einen größeren Schmerz in die Seele. Jenes Licht brannte heute auch hier im Zimmer an dem Leuchter dorten und horch: NIL nyc "p klang es vom Bette jher, und als er emporsab, erblickte er den Knaben im Bette sitzend, mit der Hand nach dem Lichte deutend und mit schwacher Stimme das Lied singend, welches mit jenen Worten beginnt. Dieser Gesang des Knaben erschütterte den starken Mann und er bat den Kranken, sich umzulegen. Aber dieser ließ sich nicht stören; mit leiser Stimme sang er das Lied weiter, sang es bis ans Ende und als er fertig war, sah er erstaunt den Fremden an und fragte: „Wo bin ich denn? Wo ist Papa und Mama?" „Deine Eltern sind draußen," sagte sanft der Fremde. „Wollen Sie dieselben rufen?" bat der Knabe. „Bist Tu auch wohl genug?" fragte besorgt der Hausirer. „Ich biu ganz wohl und kann nicht begreifen, wieso ich in dieses Belt komme." „Laß es Dir von Deiner Mama erzählen," sprach der Mann und ging zur Thüre, um die Eltern des Knaben zu rufen. Er hatte nicht nöthig, dieselben erst lange zu suchen. Mit angehaltenem Alhem standen sie in dem dunklen Flur und horchten auf jedes Geräusch, welches aus dem Wohnzimmer kam. Als der Hausirer nun die Thüre öffnete und ihnen mittheilte,'daß^der. Knabe nach ihnen verlangt habe, traten sie rasch ein, eilten nach dem Bette und umarmten

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