Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 95 (4.12.1890)
- Date
- 1890-12-04
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1724 Das Gßanukkahticht <^y^> von H. (Nachdruck verboten. Draußen stürmt es. In großen Massen fällt der Schnee von dem mit grauem Gewölk bedeckten Firmament, Feld und Flur, Wiese und Wald in eine weiße Decke hüllend. Die Bäume ächzen unter der Last, die auf ihnen ruht, und Busch und Strauch sind derart im Schnee verborgen, daß nur ein geübtes Auge den Platz finden würde, auf welchem sie stehen. Weg und Steg sind verschneit und das ärmliche Fuhrwerk, das sich langsam wie eine Schnecke auf dem Wege dahinbewegt, ist oft in Gefahr umzufallen. Das magere Pferd zieht pustend und schaumbedeckt den mit einem Leinentuch überspannten Wagen, dessen Inneres von Maaren vollgestopft ist, mit denen der Besitzer auf den Dörfern des Landes hausiren geht. Manufakturwaaren und Wolle, Schuhwerk und Schmucksachen befinden sich wohl verpackt und verwahrt im Wagen. Vorn sitzt auf einem quer liegenden Brett in einen dicken Pelz gehüllt der Hausirer. Die Peitsche fährt von Zeit zu Zeit saufend durch die Luft und fällt klatschend auf das magere Pferdchen nieder, um es zu größerer Eile anzuspornen, aber vergebens, denn es bedurfte all' seiner Kraft, um nur den Wagen langsam durch den Schnee zu bringen. Vergebens war alles Fluchen des Hausirers, der trotz seines Pelzes fror; vergebens schlug er unbarmherzig aus das Pferd los — noch ein paar Schritte, und das Pferd stand stille, stand fest wie eine Mauer. Mit einem Fluch sprang er vom Wagen und arbeitete sich durch den Schnee hindurch, bis er den Kopf des Thieres erreichte und ergriff nun die Zügel, um es weiter zu führen. Da stieß sein Fuß an etwas Festes, und als er sich bückte, um es ,aufzuheben, hielt er einen menschlichen Arm in seifig Htznd. : „Hollah, was ist denn das," rief er aus, „da scheint ein erfrornes Kind zu liegen!" und mit seiner gewaltigen Kraft warf er den Schnee zur Seite, hob den Körper eines Knaben vom Boden, trug ihn nach dem Wagen, und zündete eine Fackel an, da die Nacht rasch hereingebrochen war. Bei dem blutigrothen Scheine des Fackellichtes sah er in ein bleiches Knabenantlitz, aus dem das Leben scheinbar entflohen war.' Er öffnete die Kleider des Knaben, betrachtete den ganzen Körper — alles kalt und steif — tot. Da legte er sein Ohr an die kalte Brust in die Gegend des Herzens und horchte und horchte — alles war und blieb ruhig. Doch horch! was ist das? Zeise, ganz leise hört er es pochen; jetzt ists wieder stille; jetzt — poch, poch-Gottlob, das Leben ist noch nicht entflohen; vielleicht kann er das fliehende Leben zurückrufen, den Knaben dem sichereil Tod entreißen! Er bettet den starren Körper auf die weichen Maaren, nimmt beide Hände voll Schnee und beginnt mit Leibeskräften Gesicht, Hände, Arme und Beine des Knaben zu reiben. Der Schweiß rinnt ihm in großen Tropfen von der Stirne — er setzt nicht aus. Wie Feuer brennen seine Hände; seine Kräfte beginnen nachzulaffcn — da fühlt er, wie der starre Körper warm wird.; er sieht, wie die bleiche Haut sich röthet, und unermüdlich setzt er seine Bemühungen fort, bis es ihm gelungen ist, bis dcrAKnabe die - Augen aufschlägt und mit matter Stimme sagt: „Ach laß mich doch schlafen, ich bin jaTdoch so müde — so müde!" „Weiter fehlt nichts," versetzte der Hausirer hochbeglückt und doch inmürrischem Tone, „zu dem Schlaf kommst Du immer noch, der wird Dir nicht geschenkt, nur hats dazu noch lange, lange Zeit. Ausgemacht!" und er setzte den Schläfer aus, goß ihm etwas Wein ein und war glücklich, als der Wein geschluckt wurde. Darauf löschte er die Fackel aus, band wollene Decken um sich und den Knaben, so daß sein Körper dem des Knaben Wärme mitthcilte, schlug seinen Pelz noch um sich und den Knaben und trieb das Pferd an. Berger. Alle Rechte Vorbehalten.) Langsam schritt es auf der Straße weiter. Der Sturm hatte nachgelassen und die Wolken waren verschwunden; hellleuchtend glitzerten die Sterne am Himmel; der Mond schritt auf seiner einsamen Bahn dahin und beleuchtete die ruhige Erde, die der Schnee wie mit einem weißen Tuche bedeckte. Eine wohlthätige Wärme strömte von dem Hausirer aus und belebte den ersrornen Knaben, und obschon der Hausirer furchtbar in Schweiß gerieth, lüftete er die Decken nicht, so daß auch der Knabe anfing warm zu werden und sich zu rühren. Während dieser Zeit war das Pferd ruhig seines Wegs gegangen und man hatte schon die Häuser eines Dorfes in Sicht, als sich zehn bis zwölf Männer dem Wagen näherten. „Hollah, halt!" riefen sie den Wagen an, und als sich nichts regte und das Pferd seines Wegs ging, faßte es einer am Zügel und brachte es zum Stehen. „Das ist ja der Wagen des Meschummed," sprach einer von den Männern; „vielleicht kann der uns Auskunft geben." „Wohin denkst Du," erwiderte ein anderer, „der liegt im Wagen und schläft." „Weckt ihn!" rief ein Dritter. „Hü, vorwärts Bleß," tönte da die Stimme des Fuhrmanns aus der Tiefe des Wagens, und als er die Stimmen der Männer hörte, rief er: „Was ist denn los, daß Ihr mein Gefährt auf offner Straße stellt?" Einer der Männer trat heran, blickte in den Wagen, konnte aber nichts erkennen und fragte deshalb: „Ist Dir Niemand begegnet, Berle?" „Wer soll mir bei dem Wetter begegnen? Außerdem Hab' ich mich nicht umgesehen." „Ist Dir kein Bub begegnet? Dem Lazar Wolf sein Bub ist heute Mittag nach L. gegangen und muß auf dem Heimweg sich verirrt haben; wir suchen ihn." „Gebt nur die Suche auf, ihr findet ihn doch nicht," rief der Hausirer. „Von einem Meschummed kann ich kein anderes Wort erwarten," entgegnete seufzend der Mann; „der arme Vater! die arme Mutter!" „Das arme Kind," spottete der Hausirer. „Unmensch!" ries der andere. „Na, beruhigt Euch," tröstete jetzt der Hausirer, „ich Hab' so was wie einen Buben gefunden und führ' ihn mit mir. Jetzt laßt aber meinen Gaul gehen, sonst ist meine Mühe umsonst gewesen." Die Männer scharten sich nun um den Wagen und wollten Weiteres hören, doch verweigerte der Hausirer jede Auskunft, bis man das Dorf erreicht habe. Zwei Männer führten das Pferd, die übrigen halfen den Wagen schieben und so erreichte der Zug endlich das still daliegende Dorf. Trotz der späten Stunde, in welcher das Dorf gewöhnlich in friedlicher Ruhe lag, waren an diesem Abend die Wohnungen erhellt, die Straßen belebt, und als die ausgesandten Männer mit dem Wagen zurückkehrten, schallten ihnen von überall die bangen Fragen entgegen: „Habt ihr ihn gefunden? Lebt er?" Niemand konnte Antwort darauf geben, und so schlossen sich immer mehr Menschen dem Zuge au. Die Dorfstraße ging es hinab, an dem Rathhause vorbei, jetzt bogen sie die erste Gasse links ab und hielten vor einem kleinen, dunklen Hause, aus welchem -erzzerbrechendes Weinen, untermischt mit dem Gesang des Chanukkahliedes hervorklang. Der Wagen'chielt. Eine heilige Stille herrschte. Da entstieg dem Wagen eine Gestalt, dick wie ein Faß, mit Decken und Tüchern so vermummt, daß man kaum die hinter dieser Vermummung ge-