Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 93 (27.11.1890)
- Date
- 1890-11-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1677 zu erbauen, das circa dreißig- bis vierzigtausend Gulden kosten sollte. Da aber diese Gemeinden im Ganzen nur 10,000 fl. durch eine Subscription aufbringen konnten, so hat David Ritter v. Guttmann in Wien, der in unserem Bezirke begütert ist, die restlichen 25,000 fl. gespendet. Diese Woche wurde nun dieses Altersversorgnngshans feierlich eröffnet. So sorgen Inden dafür, damit arme Nichtjuden in ihrem Greisenalter ein Obdach und einen gedeckt ten Tisch finden sollen. Rußland. Petersburg, 18. Nov. Nach der „Nowoje Wremja" bat die orthodoxe Geistlichkeit Westrußlands um Erlaß von Vorschriften ersucht, durch die der jüdischen Bevölkerung verboten werde, an den Sonntagen und christlichen Feiertagen Handel zu treiben. Samarkand, im November. Der 8. Juni 1865 begann für unsere jüdische Gemeinde mit Schrecken und endete mit Freuden. Wenige Tage vorher hatte sich das von den Nüssen geschlagene bokharische Heer in unsere Stadt, die damals noch zu Bokhara gehörte, geflüchtet und bereitete sich vor, dieselbe bis auf's Aeußerste zu verthcidigen. Hatte doch unser damaliger Emir, Muzzasar Eddin, den Krieg als einen Dschihad (Glaubenskrieg) erklärt, in dem nun jeder Gläubige zum Schwerte greifen muß. In Folge dessen hatte auch die gesammte männliche Bevölkerung unserer Stadt zum Schwerte gegriffen und war sie entschlossen, eher zu sterben, als die heiligste Stadt des Islam in Mittelasien, in der der große Tamerlan und sein Lehrer Abubekr begraben liegen, in die Hände der Ungläubigen oder wie die Turkomenen damals sagten, in die Hände der Christenhunde fallen zn lassen. Uns Juden hatten die wilden Fanatiker das Versprechen gegeben, daß, sollten sie siegen, so werden sie uns die Köpfe abschlagen und dieselben aus Stangen ans den Mauern der Stadt aufpflanzen. Die Juden hier verbrachten daher die Nacht vom 7. zum 8. Juni — Tags vorher war die von General Kauffmann befehligte russische Armee vor den Mauern unserer Stadt eingetroffen — in Todesangst und Schrecken. Am andern Morgen brauchte uns der Schammes nicht in die Synagoge zu rufen, denn sein Amt versahen heute die russischen Kanonen, die mit donnerähnlichem Getöse ihre Geschosse gegen die Stadtmauern schleuderten, die nun in ihren Grundfesten erbebten. Bald war Bresche geschossen und nun forderte General Kaufmann nochmals die Uebergabe der Stadt. Als Antwort darauf hißten die Bokharen die rothe Fahne. Nun stürmten die Ruffen mit dem Bayonette in der Hand durch die Bresche in die Stadt. Voller Wuth warfen sich ihnen die Bokharen mit dem Rufe: Allah! Allah! entgegen und ließen sich zu Hunderten niedermetzeln. In allen Straßen und in allen Häusern wurde gekämpft und sah man sogar Frauen und Knaben von den Terrassen der Häuser aus auf die Russen schießen. Letztere blieben jedoch Sieger und bevor die Sonne unterging, war Samarkand schon eine russische Stadt. Die Juden kamen nun aus ihren Häusern und Synagogen hervor, wo sie sich bisher verborgen gehalten hatten, und begrüßten die Russen als ihre Befreier. Schon am nächsten Sabbat wurde in allen Synagogen hier für unseren neuen Herrscher Alexander II. gebetet. Da nun heuer das Vierteljahrhundert zu Ende ging, in dem Samarkand in die Hände der Russen fiel, so veranstaltete die russische Regierung zur Erinnerung daran eine Jndustrie- und Ackerbauausstellung, um so zu zeigen, wie sich Turkestan seit dieser Zeit gehoben hat. Aus allen Theilen Europas, sogar aus Wien, hatten sich Gäste cingefunden und sie alle waren erstaunt, über die großen Fortschritte, die Turkestan unter der russischen Herrschaft gemacht hat. Samarkand selbst besitzt heute schon ein eigenes europäisches Viertel mit Cafe's, Hotels und Restaurants, es gibt schon Trottoirs, Straßenbeleuchtung, Alleen und öffentliche Spaziergänge und unweit von der Moschee, in der Tamerlan und sein genannter Lehrer den ewigen Schlaf schlummern, steht der Bahnhof der Transkaspibahn und jede heranrollende Locomotive erinnert mit ihrem schrillen Pfiff die Turkomenen daran, daß jetzt eine neue Zeit herangebrochen sei. Die genannte Ausstellung wurde auch von den Juden beschickt und war es sehr interessant zu sehen, wie jüdische Mädchen die rohe Seide von den Cocons abhaspeltcn, sie spannen, woben und schließlich daraus — Talessirn machten. Auch Töpfer-, Tischler-, Leder-, Messerschmiedarbeiten rc. gab es zu sehen und Alles lobte die Tüchtigkeit der turkcstanischen Juden, die solche schöne Handarbeiten zu liefern verstehen. Aber auch als Gärtner und Ackerbauer hatten die Juden sich eingestellt, und ihre Feigen, Melonen, Weintrauben, Aepfel 2C. fanden allgemeinen Beifall. Die iurkestanischen Juden haben so gezeigt, daß sie nicht nur tüchtige Kaufleute, sondern auch tüchtige Handwerker und tüchtige Feldbebauer sind. A m e r i k a. Buenos Aires, 22. Oct. Wie die „Buenos Aires Handelszeitung" mittheilt, geht Baron Hirsch mit der Absicht um, ungefähr 500,000 russische, durch die neuesten Verfolgungsmaßregeln betroffene Ackerbauern — es sind wohl die aus den Dörfern ausgewiesenen Juden gemeint — in Argentinien