Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-11-17 · Heft 90 (17.11.1890) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 90 (17.11.1890)
Date
1890-11-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448109--31063-2478845
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1627 Pesth. In Angelegenheit der jüdischen Ehescheidungsprozesse hat der Kultusminister eine Verordnung erlassen, wonach im Falle, wenn gegen den erstinstanzlichen Beschluß keine Appellation überreicht wurde, dieser Beschluß auch ohne Revision der Obergerichte rechtskräftig ist. Mithin kam: der Rabbiner auf Grund des rechtskräftigen Urtheils sich zur Vornahme der rituellen Scheidung der Ehegatten, ohne eine weitere gerichtliche Verfügung abwartn zu müssen, für vollkommen berechtigt halten. -£» Vermischtes. Berlin, 26. Oktober. Die hier erscheinende „Tägliche Rundschau, Zeitung für unparteiische Politik" weiß in ihrer Nummer vom 22. N. Folgendes zu berichten: „In den letzten Monaten sind, wie man uns mittheilt, au das Berliner Polizei-Präsidium von hiesigen jüdischen Anwälten zahlreiche Gesuche abgegeben worden, worin die Genehmigung zu Namensänderungen beantragt wurde. Die betreffenden Herren erblicken, wie es den Anschein gewinnt, in ihrem Vatersnamen, sobald derselbe einen zu ausgeprägt jüdischen Charakter an sich trägt, eine Schädigung ihrer geschäftlichen Interessen. Auch mögen es zum Theil Erwägungen ästhetischer Natur sein, die den Gesuchen zu Grunde liegen. Zum Beispiel wird es von Einzelnen als störend empfunden, sich Jsaacsohn, Itzigsohn, Mosessohn oder Abrahamsohn nennen zu sollen. Dieser und Jener, der von antisemitischen Anwandlungen sich völlig frei fühlt, trägt nach Ansicht der Antragsteller gteichwohl Bedenken, sich in einer Rechtssache von Trägern derartiger Namen vertreten zu lassen, und die betreffenden Herren selber wünschen nichts so wenig, als von vornherein durch ihren bloßen Namen ihre jüdische Abkunst zu erkennen zu geben. Es ist das Bestreben vorhanden, sich von der großen Menge jüdischer Rechtsanwälte dadurch abzusondern, daß neue Namen-Benennungen ersonnen werden, die einen sofortigen Schluß auf die Abstammung verhindern. Ohne von der väterlichen Religion sich abzuwendeu, wird der väterliche Name preisgegeben, gerade so, wie dies geschah, wenn Juden sich taufen ließen. Diese wollten dann durch nichts mehr an ihr Vorleben erinnert werden, während jetzt nur die jüdische Abstammung durch neue Namen verdeckt werden soll. Man will Jude bleiben, aber als Christ gelten. Neu ist diese Erscheinung durchaus nicht: wir haben seit Iahten jüdische Schriftsteller, deren Namen christlichen Ursprungs sind, und I denen viel daran gelegen ist, nicht als Juden angesehen zu I werden. Neu ist nur, daß die Namenflucht unter den jüdischen Anwälten auftriit. Viele derselben gewahren wohl, daß der Rechtsanwaltstand in den letzten Jahren zu viele jüdische Juristen ln sich ausgenommen hat, und daß hierdurch ein Mißverhältniß entstanden ist, das auch dem Publikum nicht hat entgehen können. Nun soll das Publikum auf weniger jüdische Namen stoßen, wodurch aber das Mißverhältniß nicht gehoben, sondern nur verdeckt wird." — Die Tendenz dieser auffälligen Mittheiluug ist so augenfällig und läßt wohl selbst das blödeste Auge cs deutlich erkennen, daß hier unter der Flagge der unparteiischen Berichterstatmng das Gift antisemitischer Verhetzung in Kreise hineingetragen werden soll, die demselben sonst unzugänglich sind. Es hätte dazu gar nicht der zu wohlbekannten spezifisch antisemitischen Stilistik, die der Artikel zeigt, bedurft: das Freudengehenl, mit welchem der ganze „deutschnationale" Korybantenchor die neue Bundesgenossin begrüßte, genügte, um zu zeigen, woher der Wind in der „Täglichen Rundschau" plötzlich weht. Weit wichtiger aber als dieser immerhin interessante Häutungsprozeß des edlen Blattes dürfte die Beantwortung der Frage erscheinen, woher die Daten, welche der Artikel anführt, stammen, und ob wirklich eine königliche Polizeibehörde, wie verschämt angedeutet wurde, sich dazu hergegeben hat, den hier verfolgten Bestrebungen Vorschub zu leisten. Konnten wir doch dem Gedanken nicht Raum geben, daß die „Tgl. Rundschau" von ihren neuen Parteifreunden so schnell so viel gelernt hat, daß es oft gut ist, rm antisemitischen Kampfgewühl das freie Spiel der Erfindung als aktenmähig erwiesene Thatsache anszugeben. Wir gestehen ruhig unseren Jrrthum ein: daS Blatt hat bereits Alles gelernt, was zu seinem neuen Metier nothwendig ist. Auf die Anzapfungen nämlich, die ihr von den verschiedensten Seiten zugingen, sieht sich die Redaktion veranlaßt, ihre Angaben zu vervollständigen und mitzutheilen, daß von allen jüdischen Rechtsanwälten Berlins zwei, sage zwei, Gesuche um Namensänderung beim Polizei-Präsidium gestellt haben, welche auch genehmigt wurden. Die betr. Herren sind Dr. Jsaac, jetzt Haae und Dr. Heymann, jetzt, Gerstenberg, die vollends diesen Schritt nicht etwa in letzter ßeit sondern schon längst, durch private Gründe veranlaßt, gethan haben. Wir glauben, daß diese Darlegung genügt, um das Vorgehen der gen. Zeitung ins rechte Licht zu rücken, und daß wir jedes weiteren Urtheils uns enthalten dürfen. Wochen - Kalender. Freitag, 21. November, 9. Klstew. Samstag, 22. November, 10. Kislew. Sabbat-Ausgang 5 Uhr. (Mainzer Uhr.) __Anzeigen. -WU Für den folgenden Theil ist die Redaetion nicht verantwortlich. Rott: „Gerettet," mit beschmutztem Titelblatt, 70 Pf. fl|I\ir verkaufen, so weit der Vorrath reicht, einige B erend : „Verirrt," etwas defect, 20 Pf. Beide Merkchen zusammen bezogen 60 Pf. incl. Porto. Joh. Wirth'sche Hofbuchdruckerei Actien-Gesellschaft Mainz. ie hiesige Religionslehrer-, Cantoru. L2N1L'-Stelle ist per 1. Dezember d. Is. zu besehen. Fixes Gehalt 600 Mk. nebst freier, schöner Wohnung und zahlreichen Nebenverdiensten. Bewerber wollen ihre schriftlichen Offerten an den Unterzeichneten Vorstand einsenden. Osann (R.-B. Trier). 5753) Nathan Ermann, Vorstand. treng religiöser Hauslehrer ins Ausland gesucht. Offerten unter Nr. 5117 befördert die Expedition dieses Blattes. M. Kahn & Eo., Alzey. 5743) Kurz-, Woll- und Modewaaren. suchen per Jan. ob. Febr. n. I. eine durchaus tüchtige Verkäuferin. Cttd einer isr. Familie auf dem Lande 'v/ (Hessen) wird eine nervenschwache, geistesschwache oder ältere Person in beste Pflege genommen. Langj. Erfahrung. Res. ertheilt gefall. Herr Oskar Lehmann in Mainz. Offerten unter Nr. 4544 an die Exp. dss. Bl. erbeten. __

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.