Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 89 (13.11.1890)
- Date
- 1890-11-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1605 „Wo sind all' die guten Lehren, die ich Euch und Euren Eltern ertheilt? Ich habe Liebe gesäet und Haß sollte die Frucht feind Was haben Euch die Juden gethan, daß Ihr Euch mitten in das antisemitische Treiben stürzen lasset, ohne zu bedenken, daß Ihr Euch dadurch nur selbst schadet? O, könnte ich Euch doch überzeugen, daß nach dem Fluch noch nie Segen, aus dem Verbrechen noch nie Heil entstand. Gehet hin, vertreibet die Juden, brennt ihre Häuser nieder, plündert ihre Habe, schädigt sie an Leib und Gut, so werdet Ihr Eure Leidenschaften befriedigt, Euch selbst aber zu Grunde gerichtet haben. Wer borgt Euch im harten Winter, wenn Ihr nichts verdient, Nahrungsmittel, Kleider, Licht und Holz? Bei wem findet Ihr einen Tropfen Wein für Eure Kranken und Sterbenden? Wer streckt Euch Geld vor, wenn Ihr in Verlegenheit seid und wartet geduldig, bis Ihr es wiedergeben könnt? Die Juden. Wer hat die Fabrik gegründet und Euch allen, wenn Ihr brav und steißig seid, genügenden Verdienst gegeben? Ein Jude. Wer hat eine Schule für Eure Kinder, ein Spital für Eure Kranken errichtet? Ein Jude. Entledigt Ihr Euch seiner auf irgend eine Weise, so werden die Zustände wiederkehren, die vor zehn Jahren hier herrschten, so werdet Ihr schlimmer daran sein, als die Thiere des Feldes, für welche der Herr sorgt. Für Euch wird Er nur Seinen Zorn und Seine Strafen übrig haben. Ihr wütet gegen Euch selbst, wenn Ihr gegen die Inden wütet und schadet Euch uud Euren Kindern, wenn Ihr Hand an sie legt. Darum bitte ich Euch, gehet nach Hause und wartet geduldig, bis die Arbeit wieder ausgenommen werden kann. Sie ist durch die Gewiffenslosigkeit eines der Euren unterbrochen worden, die Energie und Wachsamkeit eines Juden bat Euch vor Lebensgefahr bewahrt, und das soll Euer Dank sein? Gutes wollt Ihr mit Bösem vergelten! Gehet in Euch und danket Gott, bittet ihn, daß Er Euch erleuchte und Euer Herz zum Guten lenke. Amen." Der Pfarrer verließ das Faß und wandte sich dem Ausgange des Saales zu. Niemand wagte nach der Rede des alten Seelenhirten zu sprechen und fast schien es, als ob das bessere Element siegen würde. Da sprang der entlassene Heizer auf das Faß. Seine Augen glühten, seine Stimme war heiser, als er begann. Mit glatten Worten suchte er zu erklären, daß der Pfarrer so sprechen müsse. „Aber," fuhr er fort, „wir sind keine Kinder. Wir bedürfen nicht der Bevormundung durch unseren Pfarrer; wir wissen, was wir zu thun haben und thun, was uns recht erscheint, und wer es anders meint, der ist ein Feigling; er möge den Saal und die Kameraden verlassen; wir wissen uns selbst zu Helsen." Niemand verließ nach diesen Worten den Saal. Ein anderer Redner, dem noch ein zweiter und ein dritter folgte, wußte die Leidenschaften noch mehr zu schüren, und als die Mitternachtsstunde schlug, da wälzte sich eine berauschte Masse gegen die Fabrik. Vor dem eisernen Thore machten sie halt und lärmten und tobten, so daß Chajim erschreckt aus dem Bette sprang. In nicht zehn Minuten stand er, von seiner Dienerschaft umgeben, an dem Thore und fragte, was das alles zu bedeuten habe. Ein betrunkener Arbeiter rief ihm zu, er solle das Thor öffnen, man wolle einmal sehen, wie die Fabrik bei Nacht aussehe. Ehajim weigerte sich und befahl ihnen, stille nach Hause zu gehen. „Der Jude will auch noch befehlen," schrie der entlassene Maschinist, „kommt, zündet die Fabrik an und werft ihn in das Feuer!" „Ja, ja," schrien jetzt mehrere Aufwiegler, „setzt ihm den rothen Hahn auf's Dach, daß die Judenseele ans dem Fegefeuer direct in den Himmel komme." Als Chajim sah, wie die Sachen standen, erbleichte er. Er war diesem betrunkenen Haufen gegenüber wehrlos; die wenigen, ihm ergebenen Diener zitterten vor Angst und baten ihn, sich nicht unnütz der Gefahr auszusetzen. — Während Chajim überlegte, was er thun wollte, hatte das Thor den vereinten Anstrengungen der Arbeiter nachgegeben; sie hatten es gesprengt, und nun ergoß sich der betrunkene Haufe in die inneren Räume der Fabrik und des Wohngebäudes, alles zerstörend. Die Maschinen wurden demolirt, die Wohnräume nach dem Director durchsucht, damit er den großen Caffeschrank öffne und dessen Inhalt unter sie vertheile. Chajim war nirgends zu finden; eine unbeschreibliche Wuth ergriff den Haufen. War der Jude denn mit dem Bösen im Bunde? Nun warte, wir wollen ihn schon ansräuchern. Gesagt, gethan. Bald loderte die Flamme gegen den dunklen Nachthimmel und erhellte stundenweit die Umgebung. Die kolossalen Vorräthe trockenen Holzes, die da aufgeftapelt waren, der Werth von vielen 100,000 Rubeln, gaben dem Feuer reichliche Nahrung. Doch horch/was ist das, was bedeutet das Geschrei? „Rettet, löscht, das Laboratorium!" Jetzt erst erkannte man, welche Gefahr man hcraufbeschworen und diese Erkenntniß wirkte ernüchternd auf die Betrunkenen. Wenn das Feuer das Laboratorium erreichte, dann war die ganze Stadt verloren. Dort lagerten so viele Explosionsftoffe, daß man damit die halbe Provinz in die Lust hätte sprengen können. Nun galt es zu löschen, zu retten. Die Holzvorräthe brannten lichterloh; diese waren verloren; an ihre Rettung war nicht zu denken; es galt, das