Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 82 (20.10.1890)
- Date
- 1890-10-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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P 1490 Feuilleton. Kraßewski's „der Jude." 8. Zu den fruchtbarsten und freimüthigsten Autoren Polens gehört Kraßewski. Wegen seiner journalistischen Thätigkeit in den sechziger Jahren von der russischen Regierung zur Verbannung verurtheilt, wanderte er nach Deutschland aus, wo er sich in der Nahe Dresdens häuslich niederließ. Die Geschicke seiner letzten Lebensjahre, seine Gefangennahme, die noch gegen Ende seines Lebens, als er bereits die achizig überschritten hatte, sind noch in aller Erinnerung. Eines seiner interessantesten Bücher ist jedenfalls „derJude", welches jetzt in deutscher Uebersetzung vor uns liegt?) Es ist weniger die Handlung, die uns anzieht, da diese sich einerseits nicht über das Niveau des Gewöhnlichen erhebt, andererseits eine Reihe von Personen hineinbringt, die nur sehr lose mit der Gesammthandlung zusammenhängcn, so daß vom literarisch-ästhetischen Standpunkte ans sich manche Einwendung gegen diesen Roman erheben ließe. Was aber den hohen Werth dieses Romans ausmacht, ist die Tendenz, die demselben zu Grunde liegt. Kann der Jude ein guter Patriot sein? Wie verhält sich das Judenthum zur Humanität und zum Patriotismus? Das sind die Hauptfragen, welche in diesem Roman erörtert werden. Im Mittelpunkte der Erzählung steht der Jude Jakob, ein glühender Bekenner des Judenthums, jber keine seiner Gebräuche vermissen möchte; selbst die späteren Gebräuche sind ihm Merkmale historischer Vorgänge, vergangener Lcidensepochen, die man sich stets vergegenwärtigen sollte. Er ist Rationalist, für jede Gesetzesanordnung findet er einen Grund, die Schriften des Maimonides sind deßhalb sein Lieblingsstudium. Er ist stolz auf sein Jndenthum, er bekennt es laut und offen, wo er glaubt, daß man über seine Abstammung im Zweifel ist. Er ist aber auch ein ebenso warmer Patriot,das UnglückPolens, das vonRußland geknechtet ist, schneidet ihm tief ins Herz; doch ist er nicht der Meinung, ohne Ueberlegung die Waffen gegen das übermächtige Rußland zu ergreifen, er warnt, doch umsonst, vor jenem Coup des Jahres 1863; bei allem Idealismus hat er sich die kühle Ueberlegung bewahrt. Er will die Hälfte seines Vermögens zur Unterstützung Verbannter, politischer Flüchtlinge hergeben, aber die Unbesonnenheit, die sich in der stürmenden Jugend kundgibt, indem sie aussichtslos Gewalt der Gewalt entgegenstellen will, nicht fördern. Nichtsdestoweniger drängen schließlich auch ihn die Verhältnisse, in die Reihen der Insurgenten einzutreten und gegen den Gewalthaber zu fechten. Verwundet wird er nach Krakau gebracht und, dem Leben wiedergegeben, ist es ihm vergönnt in sicherem Asyl sein Glück an der Seite einer Gattin zu finden, die er von Jugend auf geliebt, welche aber ein rücksichtsloser Vater im niedrigen Egoismus Jahre lang ihm fern gehalten hatte. In diesem Inden repräsentirt Kraßewski den Vertreter des wahren Judenthums und tritt alle den Verläumdnngen und Bosheiten entgegen, die man gegen die Juden, ihren Glauben und ihre Bekenntnißschriften häuft. Es ist zu bewundern, welch' ein Schatz von Kenntnissen der christliche Verf. sich aus den talmudischen Schriften angeeignet hat; in vielen Citaten erweist er die hohe Eihit und die edle humane Lebensan- *) I. Kraßewski „der Jude". Nach dem Französischen ins Deutsche übertragen von H. Goldschmidt. Berlin 18l)0 Saüis. schauung des Talmud. Aus diesen Werken hat Jakob seine Lebensanschauung gewonnen, diese haben ihn zum Patrioten gemacht. Nicht an das Böse, was der polnische Adel den Juden gethan, denkt er in der Zeit, da sein Vaterland in Gefahr und Noth ist, er denkt an manches Gute, das die Juden dort genossen, er denkt daran, daß sie eine Zufluchtsstätte, wenn auch nicht eine immer liebevolle, dort gefunden; es ist sein Vaterland geworden und er liebt es gnauck möme. Um diesen Jakob grnppiren sich noch andere Persönlichkeiten, die geeignet sind die Gestalt dieses ideal angelegten Mannes nur noch mehr zu heben. Da ist Jankiel, der ehrwürdige Greis, der nach gethanem Geschäft sich in die Folianten der alten Bücher des jüdischen Schristthums vertieft, eine Achtung fordernde Gestalt. Da ist auch der arme Trödler Rabbi Samuel, der sich die ganze Woche abplackt, treppauf, treppab läuft, um alte Kleider zu kaufen, an denen er ein paar Groschen verdienen kann. Dabei ist er immer heiter und guter Laune, sein Gottvertrauen hält ihn in den mißlichsten Lagen seines Lebens aufrecht. Es ist dies auch ein Talmudjudc, wie ihn Rohling neunen wird, ein Hvsenverkausender Jude, wie ihn Treitschke bezeichnen wurde. Nun sehen wir uns einmal an, wie der polnische Schriftsteller Kraßewski ihn charakterisirt, und wir werden nicht im Zweifel sein, wer humaner denkt, der Pole oder der deutsche Professor und deutsche Citatenfälscher. Kraßewski erzählt aus dem Leben dieses unscheinbaren Trödlers eine kleine Begebenheit. Er befand sich eines Tages in größter Noth, die ihn fast bis zur Verzweiflung brachte. Da wird ihm von einem Soldaten eine Sammtweste zürn Kauf augeboten. Er will sie nicht nehmen, der Soldat dringt in ihn, bis er sich bewegen läßt, sie um eine Kleinigkeit zu kaufen. Nur das Futter und die Watte war noch zu gebrauchen, der Sammt war nichts werth, Samuel läßt sie deßhalb auftrennen, da fand sich dann unter jedem Knopfe ein Goldstück. Der Eigenthümer war nicht auszufinden, und Samuel konnte seine Schuld — es war eine Strafe, die er durch einen Handel, in den er ohne Schuld verwickelt worden war — zahlen. Aber dieses ihm wie vom Himmel gefallenes Geld betrachtete er nicht als sein Eigenthum, und er zahlte nach und nach die Summe ab, indem er sie der Kasse für politisch Verurtheilte zuwendete. Daneben treten nun auch andere Gestalten minderwcrthigen Gehaltes auf. Da ist der Pflegevater Jakobs, Samuel. Er ist noch Jude so für sich, geht in die Synagoge, hält, soweit es ihn nicht genirt, die Gesetze, versucht aber nach außen hin alles zu vermeiden, was an den Juden erinnern könne. Wozu die Gcmoro? fragt er, für ihn hat das nur Werth, dessen Nutzen mau wägen messen oder berechnen kann. Da sind dann ferner SWamt' Bartold, Leute, die sich in nur wenig Nuancirungcn vo ' Samuel unterscheiden. Dann folgt Heinrich Segel, der sein" Gattin ^Tilda um einer Tänzerin willen vernachlässigt'' David Seebach, der, obwohl verheirathet, ein junges Mädchen verführt und eine ganze Familie so ins Unglück stürzt . Diese beiden repräsentiren diejenigen, die sich gänzlich, dem Judenthum entfremdet, und die in jener Aufklärungs-' cpoche mit ihrem Glauben die Herrschaft über sich selbst und ihren moralischen Halt verloren haben. Die Frau Workowska und ihre verführerische und männerangelnde Tochter, Muse, haben schon das Taufwasser auf ihren Häuptern gespürt, allein sie sind bereit wieder zu ihren Glaubensgenossen zurückzukehren, wenn es ihren Plänen dient. Hier haben wir die Kommödianten der großen Welt: erborgter Lurus, Schein der Wohlhabenheit bei wirklicher Armuth, Gefühlsheuchelei bei kalter Berechnung. So führt uns der Dichter alle Schattirungen im jüdischen Parteileben Polens zur. Zeit der letzten Erhebung vor, vom armen Trödler in Kaftan und mit Seitenlockeu bis zum Christenthum heuchelnden Ungläubigen, und unter diesen ragt der überzeugungs-