Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 80 (13.10.1890)
- Date
- 1890-10-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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1458 und stehen wir daher mit der civilisirten Welt in Verbindung. Auch ein gut sungirendes Postamt besitzen wir. Die Chaldäer, die hier leben, sprechen noch immer ihre alte Muttersprache, daSCHaldäische, (□»iBo pir^) für das sie sich ein eigenes Alphabet, das dem altjüdtschen (n»-oy sro) ähnelt, geschaffen haben. Auch ihr Gottesdienst wird in dieser Sprache abgehalten und ebenso wird in derselben auch gepredigt. Feuilleton. Gofrilh womelach. Novelle von Dr. Ossip Duchowetzky. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Rasch hatte sich der intelligente Chajim in seinen Dienst gefunden. Mit der seinen Landsleuten eigenen Schlauheit hatte er bald herausgefunden, auf -welche Weise er sich noch einen Nebenverdienst schaffen könnte, was ihm als Kellner und Hausbursche nicht schwer fiel. So hatte er in drei Wochen so viel verdient, daß er den ersten Zwanziger heimschicken konnte. Wie freute Chajim sich darüber! Was für Augen werden Zadok und Breinle machen, wenn sie soviel Geld auf einmal bekommen und nicht wissen, von wem es kommt! Denn er wollte um keinen Preis dazu schreiben; seine Pflcgeeltern sollten nur ahnen, nicht wissen, von wem das Geld komme. So eilte er denn in ein Bankgeschäft, ließ dort seinen Zwanziger in russisches Geld umwechseln, dieses verpacken und brachte den Brief zur Post. Chajim war sehr sparsam und als die drei Monate um waren, hatte er sich ein schönes Stück Geld erspart, hatte seinen Pflegeeltern sechzig Gulden schicken können, und sich etwas erworben, das mehr Werth war als Geld, einen gewissen Schliff im Umgänge und Erfahrungen, wie sie nur das Leben in einer Großstadt täglich bietet. Nun war er nicht mehr der dumme Junge vom Lande, über dessen Unwissenheit sich jeder lustig machte: er wußte jetzt mit Menschen zu verkehren und in diesem Verkehr seinen Vortheil zu wahren. Trotzdem eS ihm gut erging und er in dem Wirthe einen väterlichen Freund gesunden hatte, verlor er sein Ziel nicht ans den Augen. Als die Zeit, die er sich zu bleiben verpflichtet hatte, um war, trat er vor seinen Herrn und erklärte ihm, daß er nach Deutschland reisen wolle, um endlich das zu erreichen, was ihn aus der Heimath getrieben hatte. Der Wirth, ein braver Mann, hielt ihn nicht zurück. Er gab ihm Empfehlungen an einen Freund in Berlin, sorgte für Legitimationspapiere und so reiste Chajim eines I Tages nach Deutschland, um dort das Glück zu suchen. Die deutsche Reichshauptstadt ist von der der österreichischen Monarchie in vieler Hinsicht unterschieden. Zu allererst fehlt Berlin und den Berlinern jene herzliche und wohlthuende Gemüthlichkeit, welche Wien und seine Bewohner auszeichnen. Das mag einestheils in dem Unterschiede der Charactere liegen, eine Hauptursache ist jedoch die, daß Berlin in erster Linie Industrie- und Handelsstadt ist. Man kargt in solchen Städten mit der Zeit und die ewige Hetzjagd nach Verdienst läßt mehr oder weniger jede Herzlichkeit und Gemüthlichkeit erkalten. Selbst in israelitischen Familien fehlt zuweilen jene Gastfreundlichkeit, die eine Tugend unserer Voreltern, auch von den Nachkommen stets gepflegt wurde, und die sich nicht nur auf Bekannte und Verwandte erstreckte, sondern auf jeden, der die Schwelle unseres Hauses betritt. Chajim kam in Berlin an und sein erster Weg war, sein Empfehlungsschreiben abzugeben. Aber der Eindruck, den er dabei von dem Herrn und dessen Freundlichkeit erhielt, war ein solcher, daß er sofort beschloß, keinen Gebrauch von dieser Empfehlung zu machen. Mit saurer Miene hieß ihn der Herr willkommen und fragte ihn, was er in Berlin beginnen wolle. Als Chajim seinen Plan auseinandergesetzt hatte, sagte der Berliner, er könne ihm nicht helfen, da er für sich selbst zu thun habe. Außerdem sei es bei dem jetzt herrschenden Antisemitismus schwer, eine Stellung in einer Fabrik zu bekommen. Auch müßte er am Sabbat arbeiten, denn kein Fabrikant ließe sich darauf ein, daß seine Arbeiter am Sonnabend feiern. Als Chajim das hörte, entsank ihm der Muth. Am Sonnabend solle er arbeiten, den Sabbat entweihen! Was würden seine Pflegeeltern dazu sagen! Würden sie ihm nicht fluchen und lieber verhungern, als das Geld annehmen, das durch die Uebertretung des Sabbatgebotes verdient war! Und er selbst! Wie wäre es ihm möglich, den Sabbat anders als in beschaulicher Ruhe nach dem Gebote der heiligen Schrift zu verbringen! Nein, wenn Berlin ein solches Ansinnen an seine Bewohner stellt, wäre es am besten, er verlasse es sofort. Niedergeschlagen entfernte er sich und schlenderte langsam durch die Straßen. Ja, Berlin ist eine große und verkehrsreiche Stadt, aber sie ist nicht wie Wien; ihm gefällt Berlin nicht, und die Menschen, die darinnen wohnen, gefallen ihm erst recht nicht. Schon ihre Sprache ist so hart und spitz, daß es ihm in seinen Ohren weh thut. Chajim blieb drei Tage in Berlin, ohne daß es ihm gelungen wäre, eine Beschäf-