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Der Israelit · 1890-09-11 · Heft 72-73 (11.9.1890) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 72-73 (11.9.1890)
Date
1890-09-11
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1333 Maßregel gegen die Juden erlassen, denn dort braucht sie dieselben notwendig, damit sie durch ihre Loyalität ein Gegengewicht gegen die mohamedanischen und daher wenig verläßlichen Turkomenen, Tadschis, Sarten, Tataren rc. bilden sollen. Besteht doch heute in Merw, der Hauptstadt Transkaspiens, eine kleine Gemeinde persischer Juden, deren Vorfahren gezwungen wurden, zum Islam überzutreten und die sich nun jetzt in das „Land des weißen Czaren" retten, um dort ungehindert, die ihnen aufgedrungene Religion abschütteln und wieder frei und offen zum Glauben ihrer Voreltern zurückkehren zu können. Die russischen Behörden in Merw begünstigen sogar die Einwanderung dieser persischen Juden, welche vorzügliche Seidenzüchter und auch Seidenweber sind und sich dabei auf den Handel und Verkehr vortrefflich verstehen, im Gegensätze zu den trägen Turkomenen, die eigentlich nur für den Ackerbau und die Viehzucht da sind, und weder einen Industriezweig kennen, noch sich zum Handel eignen. So bilden die Juden ein vorzügliches Bevölkerungselement in Turkestan und helfen sie dort durch ihren Geschäftsgeist, ihren Fleiß und ihre Rührigkeit den Wohlstand des Landes bedeutend vermehren. Frankreich. Paris, 6. August. Der vom Unterrichtsminister für die öffentlichen Schulen gestiftete erste Preis (Grand prix d’honneur) wurde dem Schüler der Handels-Akademie Armand Dreysutz verliehen. Italien. Rom, 28. August. Der Dichter Tulla Massarani ist zum Ehren-Mitgliede der Akademie von St. Lucia gewählt worden; er ist der erste Jude, dem diese Ehre zu Theil wird, zu welcher früher nur römisch-katholische Christen zugelassen wurden. Türkei. Erst jetzt läßt sich der durch die furchtbare Feuersbrunst in Salonichi verursachte Schaden einigermaßen übersehen. Das Feuer brach am Mittwoch im Judenviertel durch das Bersten eines Destillirkolbens aus. Die Flammen griffen in dem dichtbevölkerten und größtentheils aus hölzernen Häusern bestehenden Bezirk so rasch um sich, daß die Spritzenleute es aufgaben, die Flammen zu bewältigen und nur ihrer eigenen Familien Habe zu retten versuchten. Selbst das aus den brennenden Häusern gerettete und in den Straßen aufgeschichtete Eigenthum wurde schließlich eine Beute der Flammen. Die Feuerbrunst erstreckte sich über einen Flächenraum von 250 Morgen, .'wüthete ungehemmt 12 Stunden lang und hörte erst auf, als Alles ausgebrannt war. Ueber 18,000 Personen, zumeist Juden der ärmeren Klasse, sind obdachlos und gänzlich mittellos geworden. Feuilleton. .□"ff*? U1DT Gedenke unser zum Leben. Rosch-Haschonoh-Ge-anken von Liepman Philip Prins. Frankfurt a. M., 9. Sept. „Mainz! IO Minuten Aufenthalt," rief der Schaffner. Ich war froh, daß ich nach einer Sitzkur von mehreren Stunden in einem Nichtrauch-Coupö aussteigen durfte, um mich wieder einmal an dem Dampfe einer brennenden Cigarre zu laben. Nachdem ich das Perron betreten, war ich freudig überrascht, meinen geehrten Freund, den Leiter des „Israelit und Jeschurun" vor mir zu sehen. Nach den üblichen Begrüßungen sprach mein Freund: „Nun, ich sehe es Dir an, Du hast gewiß auch für ruttfn etwas für unser Blatt im Portefeuille!" „Bedauere sehr," war meine Antwort. Und, verehrte Leserin und hochgeachteter Leser, in Wahrheit wage ich es auch nicht gerne, bei solch' ernsten und feierlichen Gelegenheiten die Weltkanzel zu betreten. Jetzt ließen aber die Syrenen ihre Stimmen hören. „Aber, Du zögerst", sagte mein Freund. „Deine Arbeit über nDN ’p"i£ fand doch so großen Beifall. Ich bringe Dir einmal einige Briefe, welche ich in der letzten Zeit darüber erhielt — Du wirst es schon gut machen." Ich rede mir immer ein, für Schmeicheleien nicht zugänglich zu sein, aber „mein Freund schmeichelt nicht" — und da glaubte ich fast selbst, daß ich die Sache schon verstehe und — noch hatte ich kaum Zeit, „wir wollen sehen" zu antworten, da ries es schon „einsteigen" und mit Windeseile flogen wir dem süßen Heim zu. Doch nun begann die Geistesarbeit. Ich glaube, es gibt nichts Schwereres wie in unserer Zeit, gelegentlich der EWiij die Feder zu führen. Orthodoxie, Mittelpartei und Reform, „alte und neue", Rabbiner und Prediger, Alle haben schon in allen möglichen Sprachen und in allen denkbaren und undenkbaren Weisen, in Poesie und Prosa über die Wichtigkeit der Bußtage, des Schofars, des Gebetes und der Haftorah gesprochen und geschrieben, sie alle haben uns schon gesagt, welche Lehren wir aus der Opferung Jizchaks ziehen sollen, so daß für den Laien nur das „Nachempfinden" bleibt — aber selbst daraus etwas Angemessenes zu wählen, erscheint immerhin noch als eine schwierige Aufgabe. — Sich gedruckt zu sehen — hat etwas Berauschendes. Deshalb, geehrter Leser, wirst Du es mir wohl glauben, daß ich es nicht über mich gewinnen konnte, nach Mainz zu schreiben, „Lieber Freund, es geht nicht" — obgleich ich ein passendes Thema nicht gefunden hatte. Der zweite t^N'^O-Tag brachte mir Glück — fVpqxce] Mein Schutzengel brachte mich schon früh in die Wohnung eines Ehepaares, wo ich Zeuge eines interessanten Dialoges wurde. Die Frau hatte das Wort. „Aber liebes Männchen, „was fiel Dir denn ein? Schon um 4 Uhr hast Du unfern „Liebling geweckt, muß denn der Junge jetzt schon um 5 Uhr „mit in die Synagoge? Er ist 14 Jahre alt, wir freuen „uns seiner Gesundheit, seines Fleißes und seiner Strebsamkeit, durch den Schlaf wird sein Körper und Geist ge- „kräftigt , wenn Du ihm daher den Schlaf entziehst und ihn in „die frühe Morgenluft hinausführst — wer weiß — ob ihm „das nicht schaden kann. Bei Dir liegt das Gewicht der „Erziehung nur in dem fleißigen Besuch der Synagoge, Du

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