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Der Israelit · 1890-09-01 · Heft 69 (1.9.1890) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 69 (1.9.1890)
Date
1890-09-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXI. Jahrgang. Beilage zu ^§69 des „Israeli1"^„Ieschurun 99 Leitender Artikel. Das ungarischeRatibiner-Seminar. Der Herr Correspondent in Nr. 65 dieser Blätter, der über das ungarische Lau des-Rabbiner-Seminar urtheilt und dasselbe für die Sünden seiner Zöglinge verantwortlich macht, hat sich mit der Erörterung bereits abgeschlossener Akten beschäftigt, welchen nicht leicht neue Reize abzugewinnen sind. Die Kluft zwischen den Reformern und den Strenggläubigen ist unüberbrückbar, die Führer in Ungarn verspüren weder Lust noch Kraft um zu vermitteln. Die Angriffe, welche einige ncologe Heißsporne loslassen, werden von der Centralleitung in der Congreßkanzlei nicht inspirirt. Die „Aufgeklärten" sind mit ihren Errungenschaften zufrieden; sie haben erreicht, was sie bereits im Jahre 1848 erstrebten. Die damalige ungarische Regierung hatte, ihnen ein königliches Landes- Seminar versprochen, der loyale Monarch hat di es e m Versprechen wie vielen andern der 48er Regierung seine königliche Sanktion ertheilt. Daß die Reformer ihr Institut nach ihrem Geschmack leiten, und daß sie den Zöglingen ein Mißachten der Traditionen gestatten, darüber können wir uns nicht beklagen. Man lese nur die Reden, welche der Rabbiner Dr. Hildesheimer im Congreß zu Budapest gehalten, und jedermann wird erfahren, daß dieser Verlauf vorher verkündet wurde. — Die liberale, allen Israeliten wohlgesinnte ungarische Regierung bedarf der akademisch gebildeten Rabbiner, um die Volksbildung zu fördern und um das ungarische Element zu kräftigen. Wer wird es der väterlich sorgenden Behörde verdanken, wenn sie ihre Hilfstruppen da nimmt, wo sie ihr geboten werden? Wer kann ihr daraus einen Vorwurf machen, daß sie die jüdische Geistlichkeit die getreuen Vollstrecker ihres Willens nach Kräften stützet? Dagegen bleiben wir Orthodoxen der hohen Regierung die Beantwortung einer Frage schuldig, deren Lösung wohl verschoben, aber nicht aus der Welt geschafft werden kann. — Wir stellen nämlich akademisch und seminaristisch gebildete Rabbiner an; wir hegen die Ueberzeugung, daß dieselben unfern, wie den Landesinteressen mit Herz und Seele dienen und scheuen uns dennoch, die Consequenzen aus dieser Handlung zu ziehen. Wir können der geschulten, modern gebildeten Rabbiner nicht entrathen; wir können es nicht, weil einmal der Geist der Zeit es gebieterisch fordert, weil wir ferner den Einfluß aus die Schule nicht verlieren wollen, und weil wir endlich verpflichtet sind, unseren Gemeinden das Wort Gottes in der Landessprache zu verkünden. Woher aber das Material nehmen? Woher sollen die talmudisch und wissenschaftlich gebildeten Rabbiner kommen, wenn keine Erziehungsinftitute da sind, die für den schweren Beruf vorbereiten? Wie vielerlei treiben die wisscnsdurstigen Jünger, wie viele Jrrgänge wandern sie, bis sie den rechten Pfad finden, der sie zum Ziele führt? Warum wollen wir uns länger einer Notwendigkeit verschließen, die sich uns Tag für Tag aufdrängt? Man hat sich in ein Gruseln hineingelebt, wenn das Wort „Seminar" genannt wird; man überbietet sich in dem Ausmalen von Schreckbildern, um ein solches Institut in Miscredit zu bringen, ohne einen haltbaren Grund in's Feld führen zu können. Bedächtige und zielbewußte Führer müssen den Verhältnissen vorauseilen und sich nicht von ihnen überraschen lassen. Die Neologen haben bereits einen bedeutenden Vorsprung gewonnen, sie sind im Besitze eines Institutes, das dem sogenannten Geist der Zeit entspricht, sie werden immer mehr Gemeinden erobern. Eilen wir, um das unabweislich Gute zu verwirklichen, ehe die meisten Gemeinden gezwungen werden, ihre Rabbinen einer Anstalt zu entnehmen, mit der sie in grundsätzlichem Widerspruch stehen. Die wohlwollende Landesregierung wird auch die Mittel bewilligen für ein zweites ungarischesRabbin er-Seminar. Di*. Deutschländer. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin. Die Kapelle des 3. Garderegiments zu Fuß hat, wie die „Post" berichtet, auf einem Volksfeste gespielt, welches der „Deutsche Antisemitcnbund" in Friedrichsberg bei Berlin gefeiert hat. Bei den Festlichkeiten anderer politischer Parteien ist Militärkapellen die Mitwirkung zu wiederholten Malen versagt worden. Berlin, 16. August. Der Polizeipräsident, Herr von Nichthofen, hat, wie die „Saale-Ztg." meldet, wegen der Veröffentlichungen des Dr. Morris de Jonge gegen diesen und den Redacteur der Kccuz-Ztg., Freiherrn von Hammerstein, einen Strafantrag wegen Beleidigung gestellt. Dr. de Jonge sei bereits verantwortlich vernommen, während die Vernehmung Hammerstein's nach seiner Rückkehr von Kissingen erfolgen werde.

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