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Der Israelit · 1890-09-01 · Heft 69 (1.9.1890) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 69 (1.9.1890)
Date
1890-09-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1277 könnt oder auch nur gemocht hatte. Er befand sich in der größtmöglichsten Aufregung. Diese Aufregung war aber nicht ärgerlicher Natur; im Gegentheil, sie erfüllte sein Herz mit einem Wonnebeben, das ihm durch alle Nerven drang. Ihr Brief war so ruhig gehalten, so abgemessen und so frei von aller Ueberschwenglichkeit, wie solche in der Regel in den Kundgebungen der ersten Liebe zur Erscheinung kommt. Dieses galt ihm mit Recht als ein Beweis ihres festen, seinerselbstsichern Charakters und der Wahrheit und Unverbrüchlichkeit ihrer Liebesbetheucrungen. Sie klangen ja auch in seinem Herzen so volltönend wieder! Und dieses galt einzig und allein ihrer Person; der Gedanke, daß sie die reichste Erbin New-Dork's sei, war, so oft während des Unterrichtes ihre Blicke ihm das so treuherzig bekannt hatten, was sie jetzt der Feder anvertraut hat, stets störend in den Glücksjubel seines Herzens eingetreien, weil er ihm nichts als Kampf und Hoffnungslosigkeit in Aussicht stellte. Auch jetzt eben war ihm dieser Gedanke wieder warnend und drohend vor die Seele getreten, so daß er erschreckt von seinem Sitze aufsprang und in schwerem Sinnen unruhig im Zimmer auf- und abrannte, bis er endlich auch zu dem Entschlüsse gelangte, welchen auch Elise in dem Wirrsale ihrer Gedanken und Gefühle als den einzig richtigen und rettenden erkannt hatte, zu dem Entschlüsse nämlich, die weitere Gestaltung seiner Herzensangelegenheit vertrauensvoll der gütigen Vorsehung zu überlassen. Das gab endlich auch ihm den richtigen Halt und die richtige Haltung. Er öffnete nunmehr den Brief Carlisle's. Der unfreundliche Ton desselben that ihm doch wehe. Er wäre sehr gern in Frieden und Freundlichkeit aus einem Hause geschieden, in welchem ihm, trotz der ihm widerfahrenen stolzen Begegnung, doch Anerkennung seiner Leistungen zu Theil geworden war und aus welchem so oft heimlich beseeligende Gefühle ihn in seine Wohnung begleitet haben. Nachdem er dem Briefe den Gcldinhalt entnommen hatte, legte er ihn verdrießlich bei Seite. Mit dem Ausfälle des Unterrichtes im Carlisle'schen Hause hörte auch für Meseritzer der sehr ansehnliche Honorarbezug für diesen Unterricht aus. Es handelte sich im Augenblicke allerdings nur um einen leicht zu verschmerzenden vierzehntägigen Betrag, da ja nach dieser Zeitsrist dieser Unterricht ohnedies sein Endziel gehabt hätte. Meseritzer hatte daher auch schon vor Wochen die Nothwendigkeit erkannt, auf einen Ersatz dieses Ausfalles bedacht zu sein und hatte deßhalö bereits über diesen Punkt mit seinem väterlichen Freunde, Herrn Meixner, gesprochen, der ihm bis dahin noch bei jeder Verlegenheit Rath geschafft hatte. Meixncr hatte ihm ruhig zugehört und sagte dann lachend: „Sie sind ein wahres Glückskind, für das sich immer zur rechten Zeit ein „Tischchen deck' dich!" zeigt. Auch jetzt ist wieder ein solches für Sie vorhanden. In unserer Gemeinde besteht nämlich ein Wohlthätigkeitsverein, „Chewra Gemillas Chasadim", keine Loge, sondern eben eine Chewra ganz nach altertümlichem Branche und Zuschnitte, zum Zweck der gegenseitigen, werkthätigen Beihilfe in Krankheits¬ und Sterbefällen, aber auch zu Geldunterstützungen bei Noth und Verarmung, in ersterer Beziehung bloß auf Mitglieder beschränkt, in letzterer Beziehung ohne diese Beschränkung. Der Verein ist fast genau so alt, wie unsere Gemeinde, da er nur einige Wochen nach derselben in's Leben gerufen wurde. Es gehören demselben auch der größte Theil unserer Gemeindcmitglieder an und ich bekleide schon seit fünfzehn Jahren in demselben die Stelle als Vorsteher. Die Secretär- und Cassirerstelle des Vereins ist mit jährlich vierhundert Dollar Gehalt ausgestattet und beschäftigt in jeder Woche an 4 Stagen je zwei Stunden. Der langjährige Inhaber dieser Stelle ist vor einem halben Jahre gestorben, und da statutengemäß nur Mitglieder des Vereines zur Meldung zulässig sind und der Bewerber im Stande sein muß, eine Caution von zweitausend Dollar zu leisten, so ist es bis jetzt noch nicht möglich gewesen, die Stelle wieder zu besetzen; ich lasse die Arbeiten durch einen meiner Bureaugehilfen besorgen. Uebermorgen ist Ausschußsitzung. Melden Sie sich zur Mitgliedschaft; ich werde dafür sorgen, daß Sie ausgenommen werden! Nach staltgesnndener Aufnahme reichen Sie eine Bewerbung nur die erledigte Secretär- und Cassirerstelle ein, die Ihnen in der nächsten Ausschußsitzung sicher zugeiheilt werden wird, wenn auch statutengemäß vorläufig nur aus ein Jahr. Die nöthige Caution von zweitausend Dollar werde ich für Sie leisten." Meseritzer hatte diesen Rathschlag befolgt und war jetzt bereits im Besitze seines auf ein Jahr lautenden Vestellungsdekretes als Secretär und Cassirer des genannten Vereines, welche Stelle er am ersten des folgenden Monats, also in ungefähr drei Wochen, anzutreten hatte. Dadurch war sein Unterhalt wieder auf ein Jahr gesichert, ohne daß er nöthig hatte, sich nach neuen Schülern umzusehen. q- * * In dem Hause Carlisle's begannen große Vorbereitungen zu dem Geburtstagsfeste. Die Festmahlzeit sollte in dem großen Speisesaale des Hauses stattfindcn; die Speisebereitung nebst Lieferung der sämmtlr'chen Koch- und Tafelgeräthschaften wurde einem streng orthodoxen Restaurateur übertragen. Diese Anordnung mußte Carlisle in

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