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Der Israelit · 1890-08-07 · Heft 62 (7.8.1890) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 62 (7.8.1890)
Date
1890-08-07
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1146 Der spielt und singt wunderbar schön, und dabei ein junger, schöner und netter Mensch!" „Ein vorzüglicher Lehrer wäre das allerdings für Elise," antwortete sie mit nachdenklicher Miene, „wenn er nicht einen großen Fehler hätte." „Worin besteht dieser Fehler?" fragte Carlisle überrascht. „Er ist zu jung, zu schön und zu nett!" „Ist das auch ein Fehler?" „Unter Umständen, ja!" antwortete sic überlegen. „Ein geschickter, schöner und netter junger Lehrer und eine, auf der äußersten Grenzlinie zwischen Kindes- und Jungfrauenalter stehende schöne und liebenswürdige Schülerin sind sehr gefährliche Nachbarn zu einander, bei denen leicht ein Brand entstehen kann, der nicht gut zu löschen ist." „Du siehst wirklich Gespenster, wo gar keine sind, liebe Johanna! Da kenne ich unsere Elise doch besser, als Du. Sie weiß, wessen Tochter sie ist! Sie ist nicht nur ein sehr kluges, sondern auch ein sehr stolzes Mädchen, die wird sich nicht an diesen jungen Menschen hängen; sie weiß recht gut, welche glänzende Aussichten ihrer warten, wenn sie gesund bleibt. Wie lange wird sie überhaupt noch Unterricht zu nehmen brauchen? Noch ein Jahr, höchstens anderthalb Jahr, und im Falle der junge Mensch wirklich einigen Eindruck auf sie machen wird, so wird in den glänzenden Kreisen, in welche wir sie dann einführen werden, sein Bild schnell genug wieder verblassen. Uebrigens scheint Herr Meseritzer ein solider, braver Mensch zu sein, der, wie Herr Meixner mich versichert, aus sehr guter Familie stammt. Es ist nicht anzunehmen, daß der darauf ausgehen wird, einem seinem Unterrichte anvertrauten jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen." „Ihr Männer nrtheilt mit dem Kopfe, wir Frauen mit dem Herzen. Weibliche Herzen können nur von weiblichen Herzen richtig verstanden und beurtheilt werden!" antwortete Frau Carlisle ernst. „Ich kann Dir nicht beistimmen, liebe Johanna", sagte Carlisle ein wenig gereizt. „Es ist nicht die mindeste Gefahr dabei. Ich wünsche sehr, daß der Unterricht diesem jungen Manne übertragen werde. Er steht doch wissenschaftlich viel höher als die sämmtlichen Lehrer, die unsere Tochter bis jetzt gehabt hat, und ich bin überzeugt, daß durch seinen Unterricht ihre Bildung eine vollendete und abgerundete werden wird." „Das Letztere glaube ich auch, und wenn Du es durchaus wünschest, daß dieser Herr Meseritzer zu ihrem Lehrer bestimmt werde, so will ich Deinem Wunsche auch weiter nicht entgegen sein, um keine Vorwürfe aus mich zu laden. Es wird mir aber; dann nichts anderes übrig bleiben, als stets beim ' Unterrichte gegenwärtig sein zu müssen." „Ja, das wirst Du allerdings übernehmen müssen!" „Es ist aber doch wahrlich keine kleine Ausgabe, sich ein ganzes Jahr lang oder noch länger, jeden Tag mehrere Stunden im Unterrichtsziinmer fcstnageln zu lassen." „Was thnt man nicht nm eines lieben Kindes wegen, liebe Johanna! Du wirst ja durch die Freude, welche ihre Fortschritte Dir machen werden, und die Anerkennung, welche ihr später in unfern Gesellschaftskreisen eutgegengebracht wird, Dich reichlich belohnt fühlen." „Nun gut, ich bin es zufrieden, weil Du es wünschest; nur behalte ich mir vor, daß bei dem geringsten Anzeichen einer Gefahr, welche ich wahrnehme, der Mensch augenblicklich entlassen werde." „Zugestanden!" sagte Carlisle. „Du bist eine brave Frau, ich werde Dir Deine Einwilligung zu danken wissen." Er ergriff ihre Hand und küßte dieselbe inniglich. „Weißt Du," setzte er hinzu, „der Mensch ist mir außerordentlich sympathisch, ich fühle mich sehr zu ihm hingezogen. Ich bin doch gerade kein Gcfühlsschwärmcr, aber cs ist mir, als sage mir mein Herz, daß sein Unterricht unserer Tochter Segen bringen wird." „Gott gebe cs!" antwortete Frau Carlisle. „Uebrigens dürfen wir im Verkehr mit ihnr niemals über die Grenze vornehmer Zurückhaltung hinanSgehen, es darf durchaus keinerlei Vertraulichkeit zwischen uns und ihni Platz greifen. Er muß zu jeder Zeit den Abstand suhlen, der zwischen uns und ihm besteht; dadurch wird auch Elise diesen Abstand nicht außer Acht lassen können!" „Das ist sehr richtig," antwortete Carlisle mit Befriedigung, „ich stimme ganz mit Dir überein. Wenn ich es nicht schon lange wüßte, würde ich cs jetzt erkennen, daß ich nicht blos eine brave, sondern auch eine kluge Frau habe." Ueber das Gesicht der Frau Carlisle breitete sich der Ausdruck stolzer Zufriedenheit, da sie, trotz ihres weiblichen Herzens, jetzt selbst fest glaubte, durch ihre Rathschläge jeder Gefahr vorgebengt zu haben. Erfüllt von dem frohen Bewußtsein, dein liederlichen Gesellen Amor durch die beschlossenen Vorsichtsmaßregeln jede Möglichkeit, bei den in Betracht kommenden zwei jungen Menschenkindern sein gefährliches Kupplerhandwerk anszuübcn, vollständig verlegt zu haben, schritten jetzt beide Hand iu Hand wieder dem Wohnzimmer zu. (Fortsetzung folgt.)

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