Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 62 (7.8.1890)
- Date
- 1890-08-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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- ■:*,' ■ •>'•« ■ -•■- ■ V '-■••■*Jf,y-- 'S ~ r- ■ ■■ ■ ■" --;■■■* Jjfr*' - . ■' : BnohhiuHUvmg J /l% XXXI. Jahrgang. HS. Israelit ««> Ieschurnn. Zeitstzrlst zur Förderung jöd. Geiges und jöd. Krdens i» Aus. Gmrinde und Mir. Kenlrak-Organ für das orthodoxe Zudenthum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 7. August 5650 (1890). Leitender Artikel. Die Lebenskraft Israels. (Zu Paraschath Ekeb.) Von Rabb. Dr. M. Jung, Mannheim. Seitdem der Geiftesheros Kant in das Chaos der methaphysischen Systeme „Licht" gerufen und mit seiner „Kritik der reinen Vernunft" den hochgehendcn Wogen der methaphysischen Spekulation Stillstand geboten, ist die stolze Methaphystk, die bis dahin als Königin der Wissenschaften verherrlicht wurde, von ihrem Throne gestürzt, und auf ihren Trümmern erhebt sich vor unseren Augen das festgefügte System Kant's, ausgeführt auf der festen, durch keine Philosophie hinweg zu demonstrirenden, durch keine Sophistik hinwegzuleugnenden Grundlage der gegebenen Thatsachen der Erfahrung. Die Parole der Philosophie lautet jetzt: Erfahrung, diese ist der Maßstab, an welchem jedes philosophische System aus seinen Werth und Gehalt geprüft wird. Der Philosoph darf heute nicht mehr, einer Spinne gleich, die Fäden zu seinem philosophischen Gewebe einzig und allein aus sich selbst ziehen, nicht mehr, von der Welt zurückgezogen, mit Hilfe seiner Phantasie ein System constrniren und dann die Welt in diese Zwangsjacke hineindrängen, er muß vielmehr von seinem Wesen abstrahiren, in die Welt hineintreten und diese zum Quell machen, dem er die Grundrisse seines Systems entnimmt; nur die Vollendung und Ausschmückung des Gebäudes, die Gruppirung des dasselbe ausfüllenden Materials ist seiner Einbildungskraft überlassen. Deßhalb darf natürlich der Philosoph noch lange nicht zum Berichterstatter über die Vorgänge in der Welt oder zum Referenten des vor unseren Augen sich vollziehenden Entwickelungsprozesses herabsinken, er muß durch peinliche Erforschung, die die Erfahrung ermöglichenden und hervorbringenden intellektuellen Kräfte klar darlegen, und diese zu einem systematisch geordneten Ganzen gestalten. Für die Tiefe der Kant'schen Kritik zeugt nichts so beredt, als der Umstand, daß selbst Koryphäen auf talmudischem Gebiete von demselben mächtig angezogen wurden; es ist dies nicht Folge ihrer Nüchternheit, die Schärfe derselben imponirte dem durch das Studium des Talmud an strenge Logik und Schärfe des Urtheils gewohnten jüdischen Verstand. Die Vernunft schreitet erst hier in majestätischem Glanze einher, schwingt schonungslos ihren Stab über Alles, was vor ihrem Richterthrone seine Existenzberechtigung nicht nachzuweisen vermag und zerstört ohne Rücksicht auf Autorität und Alter Alles, was ihr nicht als absolute Wahrheit erscheint. Wie aber alle physischen Kraftanstrcngungen, das Judenthum zu vernichten, nur die Kräftigung und Vertiefung des jüdischen Bewußtseins in den Herzen Israels zur Folge hatte, so hat auch die vernichtende Kraft der Kant'schen Kritik, die auf allen methaphysischen Gebieten Verheerungen angerichtet, nicht allein das Judenthum in seinen Grundfesten uicht erschüttert, sondern, noch viel mehr als dies, eine glänzende Bestätigung seiner Wahrheit und Göttlichkeit geliefert. Die Erfahrung ist das schönste Zeugnitz für die Erhabenheit des Judenthums. Alles Schöne und Edle, was die Neuzeit auf humanem und socialem Gebiete geschaffen, im Rahmen unserer Thora finden wir es wieder. Zwischen der Giebelspitze der Zehngebote, der Lehre von der Wahrheit, Einheit und Einigkeit Gottes und deren untersten Fundamente, der Lehre von der Zufriedenheit mit dem Seinigen bauet sich das ganze Gebäude der Gesittung der Welt nach der Höhe und Tiefe auf. Das Licht der Thora beleuchtet jetzt eine Fülle der Völker, und wenn auch dessen Strahlen an ihnen auf das Bunteste gebrochen, sie weisen Alle auf den Ursprung unserer göttlichen Thora zurück. Wohl hat die Cultur wesentlich zu diesem Aufschwünge beigetragen und bedeutend die Entfaltung der sittlichen Keime in der Menschheit befördert, aber trotzdem ging der Impuls zu dieser güifftigen Umgestaltung uicht von ihr aus, sie hat nur die Gemüther zu jener hohen Reife gebracht, auf welcher die Menschheit das Verständnis erhält für jene Lehren und Ideen, die die Thora vor