Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 61 (4.8.1890)
- Date
- 1890-08-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. SnlngkM M 61ftes.Jsrntlir^Jefdjunm” Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Stuttgart, 31. Juli. Die israelitischen Lehrer des Landes halten am 6. hier ihre Jahresversammlung ab. Die Berathnngen betreffen die Lage der israelitischen Vorsänger und Lehrer, die religiöse Fortbildung der Israeliten, die Schullesebücherfrage u. A. m. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Prag, den 30. Juli. Ueber den „Kastengeist an den Gräbern" läßt sich die dahier erscheinende „Jsr. Gemeindezeitung" in folgender Weise aus: Es ist wohl bekannt, daß bei Begründung einer Jsraeliten-Gemeinde auch auf die Anlage eines Friedhofes Bedacht genommen werden muß. Ist dieser selbstverständlich bestimmt, zur ewigen Ruhestätte Heimgegangener zu dienen, so gibt er zudem noch chronologischen Aufschluß über das Alter einer Gemeinde und oftmals auch über die Geschichte derselben. Diese letzteren Momente treten sehr deutlich hervor an den beiden Prager israelitischen Friedhöfen, von denen der eine im Mittelpunkte des ehemaligen Ghetto, der nunmehrigen Josefstadt, der andere außerhalb der Stadtlinie, in Wolschau, gelegen ist. Erzählen die verwitterten Grabsteine des ersteren von dem hohen Alter der Prager Jsraelitengemeinde, sind sie stumme Zeugen einer für diese an Verfolgungen der Juden und an diesen verübten Greuelthaten erfüllten traurigen Vergangenheit, so erscheint letzterer allmählich in jenem Lichte, welches von den freiheitlichen Ideen des unvergeßlichen Kaiser Joseph II. ausstrahlte und in unserer Zeit, Dank dem Gerechtigkeitssinne, der Weisheit und Vorurteilslosigkeit unseres ritterlichen Monarchen sich immer intensiver gestaltete. Beide Friedhöfe umspannen somit zwei von einander contrastirende Geschichtsepochen der Prager Inden, von denen die eine gleicht tiefem, undurchdringlichem Dunkel, in das kein Lichtstrahl der Freiheit sich Bahn zu brechen vermochte, die andere dem Lichte, welches angestrebte Verdunklung zu verlöschen bisher nicht im Stande gewesen ist. In beiden Epochen traten in Bezug auf das Verhältniß des Juden zum Juden zwei verschiedenartige Erscheinungen auf. Die eine zeigt uns, wie der Jude, je mehr er unter dem Drucke zu leiden hatte, sich desto mehr an seine Glaubensbrüder anschloß, wie der eine mit dem anderen erlittene Drangsal theilte, wie er mit ihm fühlte und empfand, wie er, ob noch so begütert, bestrebt war, den Leidensgenosseu aufzurichten und zu erheben, wie er mit Einem Worte zwischen sich und diesem keinen Unterschied machte. Dieses traute Verhältniß nimmt man sogar bei einem Besuche der Gräber des alten Judenfriedhofs wahr, da ruhen die Dahingeschiedenen nicht nach Rang und Klaffe, nicht nach Reichthum und Gelehrsamkeit aneinander gereiht, da erhebt sich das Grabmal des hohen Rabbi Löw und seiner Gattin, neben diesen ruhen seine armen Talmudjünger, welche in dem Quell der heiligen Lehre ihre einzige Labung fanden, dort wiederum der Grabstein des Rabbi Mordechai Meisel, dieses unsterblichen Wohlthäters der Prager Judengemeinde, der zwischen den Gräbern armer und schlichter Glaubensbrüder gebettet ist, an einer anderen Stelle erblickt man das Grabmal des Jakob Beth Scheba von Treuenberg und seiner frommen und edlen Gattin, umgeben von bemoosten Grabsteinen, unterhalb welchen die vermoderten Ueberrefte Jener, die für ihren Glauben in den Tod gingen, sich in's Erdreich vertiefen, auch der Grabstein des gelehrten Rabbi Abigdor Karo, des Dichters jener ergreifenden Elegie, lugt zwischen kahlem Gestrüppe und Grabsteinen hervor, deren Inschriften darauf schließen lassen, daß sie nur Erdenkinder decken, welche zwar bieder und fromm, aber, ohne Hervorragendes geleistet zu haben, die irdische Laufbahn durchpilgerten; wohin auch das Auge seinen Blick wendet, in diesem weiten Todtenfelde ist nirgends ein Raum sichtbar, der für bevorzugte Gräber abgegrenzt wäre. Auch auf Hem jüdischen Friedhofe in Wolschan hat bis noch vor dreißig Jahren kein Separatismus Platz gegriffen, weit nach rückwärts der Mauer entlang erheben sich die Obelisken der durch ihre Humanität und ihren Herzensadel ausgezeichneten Familie Moses Jerusalem (Jeruschalme) und des um die Manufactur-Jndustrie in Böhmen vielverdienten und als Wohlthäter ausgezeichneten Leopold Edlen von Jerusalem, ganz abseits die Grabmäler der gelehrten Oberrabbiner unb Geistesfürsten Samuel und Ezechiel Landau, in weiter Entfernung von jenen die gerade durch ihre bescheidene Dimension auffallenden Grabsteine, gewissermaßen hinweisend auf die Bescheidenheit der unter diesen ruhenden Mitglieder der Familie Edle von Hönigsberg, deren Ahn, Israel Hönig, Regierungsrath, Vankal- und Tabakgefällen-Direktor gewesen und wegen seiner hohen Verdienste um den österreichischen Kaiserftaat von Kaiser Joseph II. in den erblichen Adelstand erhoben wurde; in größerer Entfernung von diesen Grabsteinen die des gelehrten Arztes und Philosophen Jonas Jeiteles und seines Sohnes, des durch seine reich dotirten Stu-