Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 60 (31.7.1890)
- Date
- 1890-07-31
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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die breiten Straßen, in welchen sich Palast an Palast reiht, seinem Gasthause zu. Seine Blicke schauten mit bewunderndem Erstaunen auf das ihn umwogende Menschengewühl, auf die prachtvollen Auslagen in den großen Ladenfcnstern und auf das endlose Häusermeer, das sich nach allen Seiten vor ihm ansbreitete. Aehnliches hatte er noch nie gesehen, sich auch mit der lebhaftesten Phantasie nie vorzustellen vermocht. Er kam sich so winzig, so klein, so verschwindend vor in dem erdrückenden Menschenhaufen, der in den Straßen in geschäftiger Eile auf und ab drängte, drückte und schob, daß er einmal plötzlich mitten im Gedränge vor Schrecken stille stehen blieb bei dem in ihm aufsteigenden Gedanken, wie leicht ein unbekannter, unerfahrener und mittelloser Fremdling inmitten dieser brausenden Menschenwogen, ein mitten in diesem Gewühle daherrennender Menschenmassen Vereinsamter, weil von Niemanden Gekannter, in einer solchen Riesenstadt seinen Untergang finden könne, und eineDankesthräne glänzte in dem Aufblicke seiner Augen zu Gott empor, daß Er ihm, dem Fremdlinge, hier so schnell eine teilnahmsvolle Seele und einen sicheren Halt hatte finden lassen. Viele, die in ihrer Jugend je in der wenig beneidenswerthen Lage gewesen sind, in der Fremde auf Grund auch der besten Empfehlungen in den Häusern der Großen nicht als Almosen-, sondern als Beschäftigung- und Unterkommensuchende bittend vorsprecheu zu müssen, werden hier die bittere Erfahrung gemacht haben, wie da die Bittsteller, nur Anstandshalber, oft Wochen-, ja Monate lang mit leeren Hoffnungen, mit nichtssagenden Versprechungen hingchalten werden, um ihnen dann doch endlich mit einem bedauernden Achselzucken sagen zu können, man habe sich ihretwegen bemüht, es sei aber nicht gelungen; ja, Viele von denen, die das mit wehem Herzen haben erfahren und empfinden müssen, werden es verstehen, wie begründet dieses fromme Dankgefühl Meseritzer's war. Gegen drei Uhr erschien Meseritzer wieder in dem Hause des Herrn Meixner. Er begab sich sogleich in den ersten Stock. Nachdem ihn der Diener hier gemeldet hatte, wurde er in das Familienzimmer geführt, wo die Frau Meixner, eine schöne Dame von feiner Bildung, ihn sehr freundlich empfing und ihn zum Sitzen einlud. „Mein Mann hat mir schon mitgetheilt, daß Sie heute unser lieber Gast sein werden", sagte sie. „Es freut mich sehr. Ich habe auch den Brief meines Schwagers und Ihre Zeugnisse bereits gelesen. Wir sind sehr erfreut, den Unterricht unserer Kinder so tüchtigen Händen anvertrauen zu können." Meseritzer war anfänglich durch die ihn umgebende Pracht der Zimmereinrichtung ein wenig verblüfft und befangen; bei der freundlichen und gewandten Weise indessen, ' mit welcher die Dame das Gespräch zu leiten und in Fluß zu bringen verstand, verlor sich diese Befangenheit bald, so daß die halbe Stunde sich schnell verplauderte, welche noch bis zur Rückkunft Meixner's von der Börse verfloß. Endlich fuhr sein Wagen vor und nach einigen Minuten stand er schon im Zimmer. Er bewillkommte Meseritzer herzlich. „Eine gute Nachricht bringe ich Ihnen mit, mein lieber Herr Meseritzer", sagte er mit sichtbarer Freude. „Die Stelle bei Herrn Carlisle ist noch nicht besetzt, er erwartet Sie morgen Vormittags um zehn Uhr in seiner Wohnung, diese befindet sich in der „Wall-Street Nr. 1.." Ihre Zeugnisse hat er mit nach Hause genommen, um sie seiner Frau zu zeigen." Man setzte sich zu Tische. Die Mahlzeit verfloß unter ernsten und heitern Gesprächen. Die hübschen, muntern, klug aussehenden Kinder betrachteten mit neugierigem Interesse ihren künftigen Lehrer und schienen sich ans den Unterricht zu freuen. Nachdem die Mahlzeit beendigt und der Kaffee eingenommen war, wurde die Vertheilung der Unterrichtsstunden auf die verschiedenen Tage besprochen und geordnet und zugleich bestimmt, daß der Unterricht in der nächsten Woche beginnen solle. Das Honorar wünschte Meseritzer auf Befragen monatlich. „Ueber den Betrag wollen wir nichts Bestimmtes festsetzen", sagte Meixner. „Ich werde Ihre Leistungen stets nach Gebühr zu würdigen wissen. Ich halte mich überzeugt, daß dieselben mich befriedigen werden, und Sie werden auch keine Ursache haben, mit mir unzufrieden zu sein. Ich bitte Sie, uns das Vergnügen zn schenken, an jedem Samstag Mittage unser Gast zu sein; ich muß hierbei bemerken, daß wir an jedem Samstage Mittag um ein Uhr zu Tische gehen." Unter herzlichen Danksagungen verabschiedete; sich Meseritzer. Da er äußerte, daß er sich nach einer Wohnung umsehen wolle, gab ihm Meixner seine Karte an einen zuverlässigen israelitischen Wohnungsagenten mit, durch dessen Vermittelung er an selbigem Tage noch bei einer anständigen, religiösen, israelitischen Familie in nicht weiter Entfernung von der Meixner'schen Wohnung ein schönes, recht anständig ausgestattetes Zimmer nebst Beköstigung zu einem verhältnißmäßig sehr mäßigen Preise erhielt, wogegen er sich noch verbindlich machen mußte, einem zehnjährigen Sohne des Wohnungsbesitzers in jeder Woche drei Stunden Religionsunterricht und den dazu gehörigen hebräischen Unterricht zu ertheilen. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten der Expedition. Mr. D. Greenbaum, Minneapolis. M. 16 pro 1889 für „Israelit" erhalten. Besten Dank.