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Der Israelit · 1890-07-24 · Heft 58 (24.7.1890) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 58 (24.7.1890)
Date
1890-07-24
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1062 mit gutem Bette erhielt. Nachdem er seinen Anzug gewechselt hatte, suchte er vor allen Dingen eine Restauration auf, in der nach jüdisch-ritueller Weise die Speisen zubereitet werden, um hier zu Mittag zu essen, worauf er wieder in sein Gasthaus zurückkehrte, das er an diesem Tage nicht wieder verließ. Er fühlte das Bedürfniß der Ruhe nach der Unruhe und der Aufregung, welche auch die glücklichste Seereise immerhin mit sich führt. Nachdem er am folgenden Morgen das Frühstück zu sich genommen hatte, machte er Toilette. Er war mit anständigen Anzügen versehen und verstand es, sich gut zu kleiden. Er durfte mit seiner Erscheinung zufrieden sein, als er nach vollendeter Toilette vor den Spiegel trat, und er schien es auch zu sein, das zeigte der befriedigte Zug, der auf seinem Angesichte zum Vorscheine kam, als ihm sein Bild aus dem Spiegel entgegenleuchtete. Welcher junge Mensch wäre so frei von Eitelkeit, daß er nicht ein inneres Behagen empfinden sollte bei der Wahrnehmung, daß er in Betreff seiner äußern Erscheinung von der Natur nicht vernachlässigt worden sei. Und so lange er sich nicht etwa dadurch verleiten läßt, seinen Hauptwerth in seinem Aeußern zu suchen, hat er wohl Ursache, sich dessen zu freuen und Gott dafür zu danken. Es ist ja das auch eine Art Empfehlungsbrief, der, was gar nicht zu unterschätzen ist, zwar nicht den prüfenden Verstand, aber doch die Herzen besticht. Und dieser Empfehlungsbrief braucht gar nicht erst einmal aus vorsichtigem Verschlüsse hervorgeholt und vorgelegt zu werden, sondern er stellt sich selbständig von selbst dar. Unser Meseritzer hatte indessen auch ein Empfehlungsschreiben eines in seiner Vaterstadt wohnenden befreundeten Banguiers an seinen in New-Iork wohnenden Bruder, der dort ebenfalls ein Bankhaus hatte, in der Tasche; diesen Herrn wollte er zuerst aufsuchen. Derselbe, Selmar Meixner mit Namen, hatte Wohnung und Geschäftslokal in einer der von seinem Gastüofe ziemlich weit entfernten Prachtstraßen New-Iorks. Da Meseritzer sich englisch geläufig auszudrücken verstand, so wurde es ihm auch nicht schwer, die Richtung zu erfragen, worauf er dann einen der nach allen Seiten hin sich bewegenden Straßenbahnwagen bestieg, der ihn innerhalb fünfzehn Minuten an das gewünschte Ziel brachte. Er trat in das zu ebener Erde befindliche Geschäftslokal. Herr Meixner befand sich bereits im Geschäfte und zwar in seinem Privatzimmer. Meseritzer übergab dem Geschäftsdiener seine Karte und den Brief mit der Bitte, solche dem Herrn zu überreichen und ihn zu melden, was dieser auch sofort that und ihm die Weisung zurückbrachte, hier einige Augenblicke zu warten. Er lud ihn einstweilen zum Sitzen ein. Meseritzer machte von dieser Einladung Gebrauch, da er vor Aufregung seine Knie wanken fühlte. Sein Herz klopfte fast hörbar. Nach einigen Minuten wurde die Thür des Privatzimmers rasch geöffnet und Herr Meixner trat in die Thür, den geöffneten Brief in der Hand haltend, den er demnach bereits gelesen hatte. Meseritzer war von seinem Sitze in die Höhe geschnellt und machte eine tiefe Verbeugung. „Ah, Sie sind der junge Herr aus Deutschland, aus meiner Vaterstadt sogar, von dem mein Bruder mir schreibt", rief Meixner mit einer gewissen freudigen Erregung, indem er auf Meseritzer zuschritt und ihm die Hand reichte. „Seien Sie mir herzlich willkommen! Treten Sie gefälligst ein!" Er unterstützte diese Aufforderung durch eine einladende Bewegung seiner Hand nach der Thüre seines Privatzimmers, in welches Meseritzer ihm voranschreiten mußte. Hier lud er ihn zum Niedesetzen auf das Sopha ein, während er sich ihm gegenüber auf seinen Lehnstuhl niederließ. Es war ein stattlicher, hochgewachsener Mann, das hübsche Gesicht, dessen Züge Freundlichkeit und Wohlwollen bekundeten, von einem schwarzen, schon stark mit Grau vermischten Vollbarte umrahmt und dem Aussehen nach in der Mitte der Fünfziger, in Wirklichkeit aber erst im 45. Lebensjahre stehend. „Entschuldigen Sie," sagte er mit lächelnder Miene, „wenn ich, bevor ich über Ihre Angelegenheit spreche, Sie bitte, mir aus meiner lieben Heimaih zu erzählen, was sich dort in jüngster Zeit Berichtenswerthes zugetragen hat. Ich habe schon in zwei Monaten keinen Brief von meinem Bruder erhalten, außer dem heute von Ihnen überbrachten, in diesem aber schreibt er nur über Sie, und zwar des Lobenden so viel, daß für Neuigkeiten kein Raum geblieben ist. Also: Wie geht es meinem Bruder und seiner Familie? Wie geht es Ihrer werthen Familie? Ich weiß mich Ihres Vaters noch sehr gut zu erinnern, wir haben ja zusammen das Bethamidrasch*) besucht. Damals hatte auch der alte Reb Schmelkes jede Woche zwei Stunden daselbst Unterricht zu ertheilen, wobei er aber ost einschlief, was wir immer dazu benutzten, allerhand Ulk zu treiben. Ich muß jetzt immer noch lachen, wenn ich an das dumme Zeug denke, das wir da getrieben haben!" Dabei lachte er auch jetzt wieder so herzlich, daß ihm die Thränen an den Wangen herabliefen. „Ihr Vater machte immer den Tu- *) Das Lehrhaus.

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