Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 58 (24.7.1890)
- Date
- 1890-07-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. Erste SeilngeM^58ües„IsraM"§-,,Ieschurlm" Leitender Artikel. Die Erhebung und Wiederöekeöung der Hrthodoxie in Amerika. Von Isaak Hirsch. iD“D nrnra ^0*3 nisns ynea. Wenn Willkür in Israel Platz gegriffen, wenn Zügellosigkeit in ihm herrscht, — wenn dann dieser Willkür und Zügellosigkeit gegenüber das Volk sich aus freiem innern Antrieb wiederum erhebt, um zur alten Treue zurückzukehrcn und die Fahne des Gottesgegesetzes wiederum mit kräftiger Hand ergreift, um unter ihr das Gottesheiligthum — das echt jüdische Haus und die echt jüdische Gemeinde — aufs Neue erstehen zu lassen — dann segnet Gott! Denn in diesem wiedererwachten Bewußtsein von der jüdischen Pflicht offenbart sich die allmächtige Hand Gottes, offenbart sich die ewige Wahrheit Seiner Verheißung, daß Er Sein Volk nimmer verläßt, daß Er Seinen Geist ihm nicht entziehen wird, denn diese Erhebung jüdischer Männer ist die trostreiche Besiegelung der bis in die fernste Zukunft reichenden Zusicherung, daß auch der Tag anbrechen wird, an welchem sie Alle, Alle wiederum zurückkehren werden zu ihrer Pflicht in einmüthigem Entschluß: Gott in Wahrheit zu dienen durch die gewissenhafte Erfüllung Seines Gesetzes. Eine solche Erhebung jüdischer Männer hat sich jenseits des Ozeans im freien Amerika vollzogen. Dort, wo keine äußere Gewalt in Sachen der Bethätigung eines religiösen Bekeuutnisses gebietet, wo es kein Gesetz gibt, das irgend einen Menschen gegen seinen Willen in eine Religionsgemeinde zwängt, wo sich darum die Genossen eines Religionsbekenntnisses in freiwillig gebildeten Vereinigungen zusammenfinden, wo darum auch die Juden zahlreiche Gemeinden gebildet haben, welche der verschiedenartigsten religiösen Anschauung Ausdruck verleihen, dort ist das aufrichtige Bekenntniß zu dem einzig wahren Judenthum, das zur Unterscheidung von den getrübten, irrtümlichen Anschauungen innerhalb der Judenheit gemeinhin das orthodoxe genannt zu werden pflegt, in der That der Ausfluß der innersten Ueberzeugung. Wie vielleicht in keinem andern Lande haben dort die Willkür, die Unwissenheit, der Leichtsinn und der wohlbedachte Abfall unter dem Namen einer jüdischen Religionsgemeinde Genoffenschaften errichten können, welche dem jüdischen Religionsgesetze Hohn sprachen. Eitle, unwissende, gewissenlose Männer waren dorthin gewandert und haben den dortigen Juden als Lehrer und Führer gedient, haben sich Rabbiner und Ehrwürden genannt und in weitesten Kreisen Jrrthum und Lüge gepredigt und endlich eine Rabbinerschule gegründet, welche den amerikanischen Gemeinden Rabbiner zu geben bestimmt ist, die von dem Judenthum keine Ahnung haben und die heiligsten Gesetze »aus Unwissenheit oder in offenem Frevel verhöhnen. Als vor wenigen Jahren diese Hochschule des sich spreizenden amerikanischen Reform-Judenthums zum ersten Male ihre Zöglinge unter Entfaltung eines lächerlichen Prunks entließ, und ihnen im Beisein von Vertretern aus vielen Gemeinden der Union in blasphemirender Feierlichkeit die geistliche Weihe ertheilte, um sodann im unmittelbaren Anschluß an diese Weihe die jungen Reverends mit ihren Lehrern, mit den alten amtirenden Ehrwürden und den Protectoren, Förderern und Freunden der Hochschule bei einem Festbankett zu vereinigen, das in ostensibelster Weise das jüdische Religionsgesetz verletzte — Austern, Krebse u. dgl. m. bildeten einen integrirenden Theil der Speisekarte — da ging doch ein Schrei der Entrüstung durch die Gemeinden. Wohl zählte es auch bis dahin nicht zu den Seltenheiten jüdische Reverends als Theilnehmer verbotener Tafelgenüsse zu gewahren, aber diese der Rabbinerweihe gewidmete offenkundigste offiziellste Gesetzeshöhnung rüttelte doch die schlummernden Gewissen einer großen Menge auf. Dieser schamlose Exceß spottete allen sophistischen Beschönigungsversuchen. Wer noch nicht gänzlich mit dem Judenthum gebrochen hatte, mußte den Abgrund erblicken, an dessen Rand die Gewissenlosigkeit und der Treubruch der Rabbiner die armen mißleiteten Gemeinden geführt. Dieses erste Debüt der Rabbinerschule in Cincinati bezeichnet einen Wendepunkt in dem innern Leben der amerikanischen Judenheit. Wie weit auch die im Gegensatz zu der Cincinatier Hochschule nach wenigen Jahren in's Leben gerufene Rabbinerschule in New-Aork von dem vollen Bekenntniß des gesetzestreuen Judenthums noch entfernt sein mag, sie bezeichnet doch immerhin eine Umkehr zur Wahrheit, sie ist dennoch als eine Lossagung von dem schamlosen Berrath und Treubruch zu betrachten; und wenn auch einer ihrer Mitbegründer aus Be-