Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 56 (17.7.1890)
- Date
- 1890-07-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. Erste Beilage M^SZ6 lies,,Israelit"äc„Ieschurun" Leitender Artikel. Warum ging der jüd. Staat unter? Von Jsaa c Hirsch. Dreiundzwanzig Jahrhunderte sind seit dem ersten Untergang des jüdischen Staates, achtzehnhundert Jahre seit der zweiten Katastrophe verflossen. In dem doppelten Verlust seines Staatswesens und des Heiligthums auf Zion hatte Israel Alles eingebüßt, was zur Erhaltung eines Volksstammes als notwendige Vorbedingung gilt: einen politischen, nationalen Mittelpunkt, eine kirchliche Centralgewalt. Hierzu gesellte sich noch die Zersplitterung seiner Glieder, die in alle Enden der Windrose zerstreut wurden, und endlich auch das traurige Geschick, das fast überall den Vertriebenen bereitet wurde. Sklaventhum, Unterdrückung, Verfolgung, Versagung der Menschenrechte, materielle Belastung, Verachtung, Haß, Hohn, Neid sind der Inhalt der achtzehnhundert Jahre zählenden Leidensgeschichte Israels, rtavh rvav ,rrn© wnn nn» mry tönt die bange Klage durch die lange Reihe der Jahrhunderte der Macht. Das aus den heiligen Tempelhallen Zions verstoßene Lamm begegnete überall reißenden Löwen, dVd ins nnar£ nb D’syj, rrnaa. Wie uneinig auch sonst untereinander, wie verschieden in Sitte und Sprache, darin waren sie alle einmüthigen Sinnes, das schwache Israel zu verachten, n*w nn Hav. Und trotzdem besteht Israel und begeht die Jahrestage seines nationalen Unglücks in Trauer und Fasten. Wenn Israels Lebenskraft aus keinem andern Borne quillen würde, als woraus die Völker alle die Bedingungen ihrer nationalen Existenz zu schöpfen gewohnt sind, so hätte sie längst absterben müssen, so wäre mit dem ersten Untergange vor dreiundzwanzig Jahrhunderten, jedenfalls aber mit dem zweiten vor achtzehnhundert Jahren der Name Israel ausgelöscht worden aus der Reihe der Lebenden. Wo ist denn heute nach dreiundzwanzig Jahrhunderten die gewaltige babylonische Weltmacht, wo heute nach achtzehn Jahrhunderten das imposante, die Welt beherrschende Rom? Babel und Rom gingen unter, sobald die Quelle versiegte, aus welcher sie die Kraft ihres Lebens schöpften, Israel ging mit dem Verluste seines Staates nicht unter, weil weder Nebukadnezar, noch Titus den Born vernichten konnten, aus welchem Israels ewiges Leben quillt. Was den babylonischen und römischen Waffen zum Opfer gefallen — Staat und Tempel — bildet mit Nichten die Grundlage für Israels Dasein. Unter den Sklavenketten ihrer egyptischen Herren reiften die „Söhne Israels" zu einem Volke, und in der Wüste Sinai wurden diesem Volke die Bedingungen seiner Existenz mitgetheilt und es in die ihm zugewiesene Stellung unter den Menschenfamilien eingeführt. Die politische Selbstständigkeit — eigenen Boden, eigenes Staatswefen — ward ihm nur als ein Mittel zur Erfüllung seiner eigentlichen nationalen Aufgabe gewährt: Des Priesteramts der Menschheit zu walten, ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk darzustellen. Als es in Verkennung dieser Aufgabe das Mittel als Zweck betrachtete, da fiel sein Staat in Trümmer. Nebukadnezar und Titus vernichteten die Bühne, auf welcher das seinem heiligen Berufe untreu gewordene Jakobsvolk die Rolle zu übernehmen gedachte, welche ihm nicht zugetheilt worden, Israel aber wanderte wiederum hinaus in die Wüste, in die v'vyn ia-,v. „Er Zidkijahu machte seinen Nacken starr und ungefügig seinen Sinn, um nicht zurückzukehren zu Gott, zu dem Gotte Israels", so lautet der Epilog der ersten Katastrophe, *) „und auch alle Fürsten der Priester und des Volks übten immer mehr Untreue nach der Weise des Heidenthums der Völker. Sie entweihten das Haus Gottes, das Er in Jerusalem geheiligt hatte. Gott, der Gott ihrer Väter, hatte zu ihnen durch Seine Boten lange stetig Mahnung entsendet, da Er sich Seines Volkes und Seiner Stätte erbarmte, sie aber spotteten den Gesandten Gottes, verachteten Seine Worte und widersetzten sich Seinen Propheten, bis der Unwille Gottes wider Sein Volk rege wurde, bis Heil nicht - nicht mehr möglich. Er führte über sie den König der Kaldäer herauf, der erschlug ihre Mannen durch das Schwert in dem Hause ihres Heiligthums und schonte nicht des Jünglings und der Jungfrau, nicht des Alten und Greises — Alles hatte Er in seine Gewalt gegeben." An des Hasmonäer Matisjahu reiner Gottes, begeisterung hatte sich der gesunkene Geist des jü- *) Chron. II. 36, 13 u. f.