Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 56 (17.7.1890)
- Date
- 1890-07-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448078--30375-2478150- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1011 digte eine schlichte, altbackene Missionspredigt, bis die ganze Gemeinde rebellisch wurde und einige Hitzköpfe den Betrüger hinauswerfen wollten, was aber die anwesenden Pastoren verhinderten; doch wäre der verkappte Missionär nicht so leichten Kaufes davongekommen, wenn nicht sofort mehrere Polizisten erschienen wären und den vorlauten Prediger nach dem Straßenbahnwagen begleitet hätten. Die Herren Pastoren schienen also auf den Skandal vorbereitet gewesen zu sein, sonst hätten sie gewiß die Polizei nicht sogleich bei der Hand gehabt. Afrika. Tanger. Der franz. Gesandte in Tanger hat für die Ueberschwemmten in Sefrou 500 Frcs. unter der Bedingung gespendet, daß dieselben an die Einwohner ohne Unterschied des Glaubens durch eine aus Juden und Mauren bestehende Commission vertheilt werden. P a l ä st i n a. Jerusalem. Zum ehrenden Andenken an seine verstorbene Frau Johanna hat Herr M. Fridland aus Petersburg dem Altersasyl als Beitrag zur Errichtung eines neuen Gebäudes 3604 Rubel geschenkt. W a k t u n gze ». Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Steinheim hatte einen scherzenden Ton angeschlagen, trotzdem war es ihm nicht gelungen, dem Kranken ein Lächeln abzugewinnen. In dem fiebergerötheten Angesichte zuckte es, aus den Augen glitten langsam große Thränen, doch den bebenden Lippen entrang sich kein Laut. Steinheim ließ sich in den Sessel dicht neben dem Bette nieder. „Also, mein lieber Herr Bärwald, wollen Sie mir nun in wenigen Worten mittheilen, in welcher Beziehung ich Ihnen dienen kann. Seien Sie überzeugt, was in meinen Kräften steht, werde ich mit Freuden thun." „Verzeihen Sie mir!" hauchte der Kranke kaum hörbar. Steinheim blickte ihn betroffen an. „Ich soll Ihnen verzeihen? — Aber um's Himmelswillen, Herr Bärwald, Sie haben mir doch nie etwas gethan. — Oder meinen Sie vielleicht jene muthwilligen Streiche, durch die Sie mich zuweilen hänseln wollten? — aber dergleichen übermüthiger Schabernack kommt unter jungen Leuten doch tagtäglich vor, Sie werden mich doch nicht für so kleinlich halten, daß ich Ihnen dergleichen nachgetragen hätte. Hier meine Hand darauf, daß ich bis zu dieser Stunde nicht daran gedacht habe." Er wollte Adolfs Hand nehmen, dieser zog sie hastig zurück. „Rühren Sie sie nicht an!" flüsterte er in steigender Erregung, „die Hand hat Ihnen die Ehre geraubt — die hat Ihr Glück zerstört." „Meine Ehre ist unantastbar," entgegnete Steinheim mit stolzem Selbftbewutztsein, „und ich bin glücklich, Gott sei Dank!" „Aber Sie waren es nicht immer," fuhr der Kranke in demselben Tone fort, „haben Sie vergessen, daß — daß — und ich — ich —" Steinheim sah ihn kopfschüttelnd an. „Ich bitte Sie, um Gotteswillen, Herr Bärwald, regen Sie sich nicht dermaßen auf. — Freilich haben Sie recht, ich bin nicht immer glücklich gewesen — ich bin vielmehr einst sehr, sehr unglücklich gewesen — doch wenn mir auch bis zum heutigen Tage noch nicht alles klar ist aus jener unheilvollen Zeit, wenn ich auch noch heute nicht alles begreife — eins steht doch fest, daß Sie, Herr Bärwald, nicht Schuld waren an meinem Unglücke." „Thor!" stieß Adolf hervor, „Thor! — dreifacher Thor! — Ich habe meines Vaters Handschrift nachgeahmt — ich habe Ihres Bruders Handschrift nachgeahmt — beide Briefe waren von mir." Er hatte sich aufgerichtet und starrte mit seinen großen, fieberglühenden Augen auf den ihm Gegenübersitzenden, der in dem maßlosen Entsetzen, das ihn zu übermannen drohte, vollständig vergessen hatte, daß es ein Todtkranker war, der ihm diese Enthüllung machte. „Demnach hatte Ihr Vater keine Ahnung, daß ich glauben mußte, in seinem Aufträge jene unheilvolle Reise angetreten zu haben?" Adolf schüttelte verneinend den Kopf. „Herr! — das war eine Infamie! — Daß Ihr Uebermuth so weit gehen konnte, hatte ich nicht geglaubt. — Aber warum? — großer Gott! warum haben Sie mich so entsetzlich betrogen? — was hatte ich Ihnen je gethan? — weßhalb mich hinweglockcn aus meinem friedlichen Heim auf jenes