Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 54 (10.7.1890)
- Date
- 1890-07-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448076--30342-2478115- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
986 Heer mit sich, um so ihren Unterthanen besser zu imponiren. Diese müffen dann dieses Heer, so lange es in ihrer Mitte weilt, gänzlich unterhalten, und dürfen sie gar nicht daran denken, von ihrem Landesvater einen Ersatz dafür zu fordern, denn dieser versteht in einer solchen Angelegenheit keinen Spaß. Unverzüglich würde er ihnen die Köpfe vor die Füße legen lassen. Sie müssen daher ruhig zuschauen, wie diese Horden — dieselben Heer zu uennen, wäre zu viel Ehre für sie — ihnen und ihren Kindern den letzten Bissen vom Munde wegstehlen, und schweigen. Noch ärger pflegt es dann bei so einem Raubzuge des abessynischen Landesvaters den Falaschas zu ergehen, denn mit ihnen, da sie nicht dem Christenthume angehören, verfahren dann die genannten Horden noch schlimmer. Besonders lieben es Letztere an den Gotteshäusern der Falaschas, die ihnen, da kein Kreuz dieselben schmückt, ein Greuel in den Augen sind, ihr Müthchen zu kühlen und Pflegen sie vor ihrem Abmarsche den rothen Hahn auf deren Strohdächer zu setzen. Die Falaschas sehen daher heuer einem traurigen Sommer entgegen. Viele derselben sind schon nach den benachbarten Provinzen gezogen, um sich dort als Taglöhner, Maurer, Hirten — die Falaschas sind vorzügliche Viehzüchter — zu verdingen. on M Kine atte Geschichte. Erzählt von * * * (Schluß.) Nach acht, in Ruhe und Frieden verlebten, seinen Studien gewidmeten Jahren verlor Enoch seinen Pflegevater und stand nun auf dieser Erde wieder so allein, wie ehedem. Er befand sich vor einem neuen Abschnitt seines Lebens; aus seiner Vereinsamung heraus fühlte er, daß er, wohin er sich auch wendete, immer in eine fremde, feindselige Welt trat. Aber er nahm den Kampf auf, er war nicht mehr der schwache, hülflose Knabe, der die Heimath und die Eltern verloren, er war ein Mann geworden und wußte, daß er nicht erliegen werde. Nicht der Menschheit, die zum Theil so ruchlos an ihm gehandelt, sondern Gott allein fühlte er sich Rechenschaft schuldig, und mit dieser Erkenntniß war sein Thun geregelt; er verlor sich nicht in Haß und Bitterkeit, noch in oberflächliches Hasten und Werben um die vergänglichen Güter dieser Erde. Er that das Beste, was ein Mensch thun kann: er beschloß auszuharren im Kampfe für das Gute und Edle, mit aller Kraft seines Geistes, seines Willens, und nichts, nicht die größte Gehässigkeit sollte ihm diesen Standpunkt verrücken; auch für die äußere Lebensgestaltung wollte er mit den stärksten Waffen kämpfen, ihren Einfluß auf die sittlichen, staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse erkannte er klar. Alle haben wir ein Stück Arbeit auf Erden zu bewältigen, — wie wir es bewältigen, wie wir arbeiten, das entscheidet über uns und unsere Zukunft. Wie wird es sein, dereinst am Tage der großen Löhnung!? Wenn Jeder empfängt nach richtig abgeschätztem Verdienst, von Dem, dessen Augen durch keine Nebendinge beirrt, dessen Hand unfehlbar gerecht lohnt! An dem Tage, Angesichts solcher erhabenen Größe, solchen Austrags aller irdischen Wirren und Täuschungen, muß alles bis dahin Bestandene in Staub und Nichtigkeit zerfallen, das ist der logische Schluß alles Erdenwallens, alles Erdenwirrens! Nach der Fülle meiner Trübsal im Herzen haben Deine Tröstungen meine Seele erquickt, — das war der Ararat, auf den sich Enoch gerettet. — Es ist lange, lange her! In seiner Kindheit sah der Erzähler den greisen jüdischen Arzt, er war insbesondere der Kinder Freund und hatte immer ein gutes Wort, theilnehmende Freundschaft für die wilde Schaar der Nachbarschaft. Still, selbstlos und segensreich wirkte er in der Ausübung seines schweren Berufes, und die große Achtung und Verehrung, die er genoß, hatte er sich ganz allein, und nur durch sich erworben. Man wußte auch von seiner traurigen Jugendgeschichte, er selbst sprach nie darüber. Er lebte, wie der Mann im Lande Uz, in seinem einsamen, von Bäumen und Blumen umgebenen Hause, allein, seinem Berufe und der Pflege der Armuth; einen treueren Helfer der Verlassenen, als ihn, gab es wohl nicht. Wohl mochte ihn oft in seiner Einsamkeit die Erinnerung an die früh Verlorenen, an den mühseligen, beschwerlichen Weg, den Gott ihn durch dieses Leben hatte gehen heißen, und die schmerzliche Frage beschäftigen: Wann wird sich die Kluft schließen, welche die Brüder auf Erden trennt? Lebenskämpfer sind wir Alle, Ueberwinder nur Wenige. Enoch hatte überwunden, von sich konnte er sagen: „Sehet mich an, ich habe eine kleine Zeit Mühe und Arbeit gehabt, und habe großen Trost gefunden."