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Der Israelit · 1890-07-07 · Heft 53 (7.7.1890) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 53 (7.7.1890)
Date
1890-07-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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964 Da Salomo nicht zum Mittagsessen erschien, brachten ihm die Schwestern das Essen auf sein Zimmer. Als sie ihm berichteten, daß sie bei dem Vater fußfällig für ihn Bitte eingelegt haben und ihm den wahren Sachverhalt in der letzten Angelegenheit haben auseinandersetzen wollen, und daß dieser Zweck aber nicht erreicht worden sei, weil der Vater fie gar nicht habe ausreden lassen und sie barsch aus dem Zimmer gewiesen habe, sagte er: „Ich danke Euch für Sure Bemühungen; aber spart alle ferneren Schritte; er steht unter dem Einflüsse unseres schlechten Bruders und dessen Helfershelfer, gegen diese läßt sich bei ihm nicht auflommen. Nachmittags holte er sich ein Leumundszeugniß und einen Reisepaß, packte dann seinen Koffer und verabschiedete sich bei einigen Freunden. Des Morgens in aller Frühe schickte er seinen Koffer durch den Ausläufer an die Bahn. Im Hause war noch Niemand munter, als die beiden Schwestern, welche weinend in dem Hausflur standen und ihn zur Bahn begleiten wollten, was er aber abwehrte, da er alles Aufsehen zu vermeiden wünschte. Sie umarmten und küßten sich herzlich. Er war tief ergriffen und die Thränen rannten in rascher Aufeinanderfolge über seine Wangen. „Schreibe uns zuweilen, damit wir doch stets wissen, wo Du Dich befindest und wie es Dir geht", baten die Schwestern. „Es thut mir leid, Euch dieses versagen zu müssen", antwortete er, „so sehr auch ich wünsche, zuwellen von Eurem Ergehen benachrichtigt werden zu können; aber es ist nicht möglich! Wenn ich an Euch schreibe, müßte ich auch an den Vater schreiben oder ihm doch wenigstens Grüße senden, und das will und kann ich eben nicht. Ich habe ihm nichts abzubitten; er aber hat arg an mir gehandelt. Es ist kein geringer Schmerz, ohne alles Verschulden wie ein räudiger Hund aus dem Elternhause gejagt zu werden, zu dessen geschäftlicher Blüthe man doch, nächst Gottes Hilfe, das Meiste beigetragen hat. Ich werde oft zu Gott beten, daß er meinem Vater das mir getbane Unrecht verzeihen möge; aber ich werde das mir verursachte Weh und den Zorn darüber nie aus meinem Herzen zu verbannen im Stande sein." Thränen hinderten ihn am Weitersprechen. Er umarmte und küßte seine Schwestern noch einmal aufs Herzlichste, dann eilte er davon. Eine Viertelstunde später entführte ihn der Schnellzug der Heimath. Niemand wußte wohin er sich gewendet hat, und niemals ist ein Brief von ihm an seine Angehörigen in W. gelangt. Der Weggang Salomo's machte sich bald im Geschäfte Kolischer's sehr fühlbar, so daß sich die Nothwendigkeit herausstellte, einen Gehilfen anzunehmen. Kolischer wandte sich an einen in seiner Vaterstadt wohnenden Jugendfreund mit der Anfrage, ob sich nicht dort oder in der nächsten Umgegend etwa ein strengreligiöser und zugleich geschäftstüchtiger junger Mann befände, der bet ihm einzutreten geneigt wäre. Der Freund antwortete, daß ein den gestellten Anforderungen entsprechender junger Mann aus einer größern Stadt der Provinz Pommern sich dort in einem Geschäfte befinde, der seine Stelle zu wechseln wünsche und sich bereit erklärt habe, eine Stellung im Geschäfte Kolischer's anzunehmen. Da man sich über die Bedingungen bald geeinigt hatte, so traf der junge Mann, Joseph Meseritz mit Namen, schon nach einigen Wochen in W. ein. Es war ein hübscher junger Mann, der eine gute Schulbildung genossen hatte, dabei ein tüchtiger Talmudist und auch streng orthodox war, so daß er den Ansprüchen Kolischer's vollständig entsprach. Er hatte unter Anderem auch die Geschäftsreisen zu besorgen, die sich bei ihm gar nicht ungünstig gestalteten, wenn sie auch hinter den von Salomon erzielten Erfolgen zurückblieben. Meseritz wußte sich die Zufriedenheit und die Gunst Kolischer's in dem Maße zu erwerben, daß er ihn schon nach zwei Jahren zu seinem * Schwiegersöhne machte. Seine Stellung im Geschäfte blieb dieselbe, nur daß er von da ab einen höhern Gehalt und auch einen Gewinnantheil bezog. Die jüngere Tochter, Leah, verheiratete sich mit einem jungen, in einer benachbarten Stadt wohnenden Kaufmann, starb aber ein Jahr darauf im Wochenbette. Auch das von ihr geborene Kind blieb nicht am Leben. Nathan führte ebenfalls nach einigen Jahren eine junge Frau heim. Er blieb natürlich im elterlichen Hause wohnen; aber sein gelegentlich seiner Verheirathung gemachter Versuch, den Vater zur Abtretung des Geschäftes an ihn zu bewegen, schlug fehl. (Fortsetzung folgt.) Wochen - Kalender. Freitag, n. Juli, 23. Tamus.. Samstag, 12. Juli, 24. Taurus. n"DD D fl J ’ D. Sabbat-Ausgang 9 Uhr 5 Min. (Mainzer Uhr). Berichtigung. Der in Nr. 52 von Ihnen zum Abdruck gebrachte Brief Pestalozzi's stammt nicht aus der „Israel. Wochenschr.", sondern aus der „Neuzeit" und zwar aus meiner Feder. Der Nachdruck war nur, wie ersichtlich, mit vollständiger Quellenangabe gestattet! Die „Israel. Wochenschrift" hat demgemäß die Quellenangabe vergessen anzuführen. K. Wiesenthal.

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