Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-07-03 · Heft 52 (3.7.1890) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 52 (3.7.1890)
Date
1890-07-03
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448074--30304-2478075
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

950 Eine bekannte Melovie. Eine Erzählung von B. Haus e. (Fortsetzung.) Salomo halte wieder eine vierwöcheutliche Geschäftsreise unternommen. Er hatte aus derselben eine ansehnliche Stadt zu besuchen, in welcher der Besuch seiner zahlreichen dort und in der nächsten Umgebung wohnenden Kunden ihm stets einen Aufenthalt von sechs bis acht Tagen verursachte. Die Stadt wurde auch von Concurrenten stark besucht, und diese hatten ihre Kunden daran gewöhnt, während ihres Dortseins des Abends mit ihnen ein und dasselbe Bierhaus zu besuchen. Die Kunden eines derartigen, Leder- und Schuhmachergebrauchswaaren führenden Geschäftes gehören ja fast ausschließlich dem mittleren Bürgerstande an. Angehörige dieses Standes haben in der Regel einen lebhaften Ehrgeiz und rechnen es einem Geschäftsmanne, der mit ihnen in Berbindnug steht, hoch an, wenn er zuweilen auch gesellschaftlich mit ihnen verkehrt; das Gegentheil fassen sie als Beleidigung auf. Salomo Kolischer mußte sich also hier aus Geschäftsrücksichten dem eingeführten Branche fügen, was ihm auch jedesmal einige neue Kunden zuführte und die alte Kundschaft erhielt, bei seiner Nachhausekunft aber immer eine Quelle des Verdrusses für ihn ward. Auch diesesmal war dasselbe der Fall, nur noch in weit größerem Maße, weil die Verleumdung mit immer größerer Verlegenheit und Sicherheit gegen ihn zu Werke ging, und weil die Aufregung und Verbitterung seines Vaters gegen ihn in steter Steigerung begriffen war. Salomo hatte nämlich mehrere Abende bei seinen Kunden bis Nachts ein Uhr im Bierhause an einem und demselben Tische gesessen. Mehrere der Kunden hatten sich in später Stunde je einen Imbiß, aus Schinken und dergleichen bestehend, geben lassen, er aber hatte nur Bier getrunken, ohne etwas zu essen. Als er acht Tage darauf von der Reise nach Hause kam, trat ihm der Vater in höchster Wuth entgegen und überschüttete ihn mit Vorwürfen. Es war ihm nämlich nritgetheilt! worden, Salomo habe an jenen Abenden Schinken gegessen. Salomo stand starr vor Schrecken und I betheuerte, daß von dem ihm zum Vorwurfe Ge-! machten auch nicht eine Silbe der Wahrheit ent-! spreche. „Ich will von Dir gar nichts weiter hören!"! rief Michel Kolischer zu ihm. „Ich weiß schon lauge, daß Du ein Posche Jisroel bist, Du versündigst mein ganzes Haus! Aber ich will Dich auch nicht länger im Hause dulden! Fort mußt Du aus dem Hause und aus dem Geschäfte!" Da ihm der Vater zu wiederholtennialen jeden Versuch zur Vertheidigung abschnitt und immer wieder dasselbe wiederholte, riß auch ihm, der auch dieses Verhältnis überhaupt schon längst übersatt hatte, der Geduldfaden und er sagte: „Gib mir Eintausend Thaler, damit ich die ersten Mittel um etwas zu unternehmen habe, so will ich von hier Weggehen und Dir nie die Schwelle wieder betreten. Dein Haus soll durch mich nicht versündigt werden! Ich kann Eintausend Thaler mit Recht verlangen, ich habe dem Geschäfte mehr, als das Zwanzigfache genützt!" Michel Kolischer lief stillschweigend an den Geldschrank, entnahm demselben zehn Geldrollen von je 100 Thalern und warf sie zornig auf deu Tisch. „Da sind Eintausend Thaler", sagte er. „Nun mache, daß Du aus dem Hanse kommst und trete mir nie wieder vor die Augen!" Salomo nahm, die Zähne vor Zorn zusammenknirschend und eine Schmerzensthräne im Äuge zerdrückend, aber jedes zornige Wort gewaltsam zurückdrängend, das Geld und verließ das Zimmer. Die beiden Schwestern, von denen die ältere Hannchen, die jüngere Leah hieß, hatten horchend an der Thüre gestanden und traten jetzt mit verstörten Gesichtern und verweinten Augen zu ihm hin und baten thn unter heißen Thränen, den Vorfall nicht ernstlich zu nehmen und sich nicht vom Hause zu trennen, es werde schon Alles wieder gut werden. Er umarmte und küßte sie und sagte: „Ihr seid mir zwei liebe Schwestern, die mir seit dem Tode unserer guten Mutter durch treue schwesteri liche Liebe den Aufenthalt im elterlichen Hause! einigermaßen erträglich gemacht haben. Das Schei-! den von Euch thut meinem Herzen sehr wehe und ich bedauere mich und Euch; denn so wie ich eine Stütze an Euch gehabt habe, so hättet Ihr auch stets eine solche an mir gehabt, gegen einen herzlosen, schlechten Bruder; aber ich kann und darf nicht länger im Hause bleiben. Es ist nicht länger zu ertragen, was mir geschieht, und das nicht blos heute erst, sondern seit Jahren schon. So ist noch kein Kind von seinem Vater verkennt und behandelt worden, wie ich von dem meinigen. Ich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.