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Der Israelit · 1890-07-03 · Heft 52 (3.7.1890) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 52 (3.7.1890)
Date
1890-07-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
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944 Italien. Signor Franchetti, Parlamentsmitglied, hat die temporäre und unentgeltliche Ernennung eines Directors des Departements der Ackerbaucultur in den ital. Colonien Nordafrikas angenommen. Signor Franchetti's Stellung ist die eines Viceministers. Druckfehlerberichtigung. In der zweiten Beilage dieser Nummer lies Sp. I., Z. 14 v. u. statt Verlegenheit Verlogenheit, Sp. II., Z. 2 v. u. statt verkennt verkannt. Feuilleton. Eine alle Geschichte. Erzählt von * * * Fortsetzung aus der zweiten Beilage zu Nr. 50. Monate waren so in äußerer Ruhe, aber in innerer Qual vergangen, als Enoch eines Tages einen Wagen, mit Gästen für seine Herrin, ankommen sah, unter denen er, voll Angst und Schrecken, einen christlichen Kaufherrn aus dem Elsaß, welcher mit seinem Vater Geschäfte gemacht hatte, erkannte. Der arme Knabe verlor alle Besonnenheit, jetzt mußte es an den Tag kommen, daß er ein Elsässer Judenknabe ist, man würde ihn verachten, seine Lüge würde entdeckt werden, er war verloren. Wie konnte er jemals seiner gütigen Herrin, die ihn so oft, so eindringlich vor der Lüge, als der Wurzel alles Nebels, gewarnt hatte, wieder unter die Augen treten? Wie hatte er sie hintergangen, wie groß mußte ihre Verachtung für den Lügner sein, dem sie so viel Gutes erwiesen? Enoch ging in sein Kämmerlein, legte seine alten zerrissenen elsässer Kleider wieder an, suchte noch einmal zitternd und weinend die Stelle im Garten auf, wo sein Elend mit dem Himmelsthau der Menschenliebe gelabt worden war, und verließ dann die Stätte, ohne einen andern Plan zu haben, als nur den, nicht entdeckt zu werden. Er lief den ganzen Nachmittag und Abend, und einen großen Theil der mondhellen Herbstnacht durch, nur um möglichst weit von dem Besitzthum feiner Wohlthätertn entfernt zu sein. Endlich übermannte ihn die Müdigkeit, er legte sich nieder unter den Bäumen des Waldes, wie zur Zeit seiner ersten Wanderung mit dem Großvater, und fiel bald in einen festen, traumlosen Schlaf. Am andern Morgen bei seinem Erwachen verglich er das Elend, welches ihn nun wieder drückte, mit dem sichern Zufluchtsort, den er verlassen; aber er sah dieses Elend als eine wohlverdiente Strafe für die Verleugnung seines Volkes, seines Glaubens an; seit des Großvaters Tode hatte er es für eine Schmach gehalten, Jude zu sein, eine Schmach, die er freilich nicht verstand, vor der er wie erstarrt gestanden. Eine viel drückendere Schmach, eine wirkliche Schmach, die er nun verabscheute, hatte er dann auf sich geladen, die Schmach, ein Lügner, ein Verleugner seines Volkes, seiner Religion zu sein; in diesen Stunden bitterster Reue wurde der Knabe zum Manne, der feste Entschluß, lieber zum Märtyrer seines Glaubens zu werden, als ihn je wieder zu verleugnen, stärkte und kräftigte sein junges Herz. Der Winter kam hart und früh; unter wirbelnden Schneeschauern zog Enoch durch die blätterlosen Wälder, verlassen und vergessen von aller Welt; schneidend und bitter kalt pfiff der Wind aus öder Straße, immer schwerer hielt es, ein einigermaßen geschütztes Obdach für die Nacht zu finden, immer banger wurde seine Frage, wie soll das enden? Ist Niemand da, das ringende Herz in seinem Weh aufzurichten? Geduld, Geduld! Allen zerknirschten Herzen ist Gott nahe, kein einziger Schmerzenslaut, keine einzige Thräne der Bedrückten wird von dem Herrn der Herrlichkeit vergessen, er bewahrt sie alle, die Schmerzen einer Welt. Trage in Geduld, arbeite in Liebe, denn so wahr, wie er Gott ist, wird der Tag seiner Erhöhten kommen. — Zu Basel war es, wo Enoch eines Tages durchfroren und hungrig in ein Gasthaus trat, um sich zu wärmen, und von dem Aufwärter hart angelassen, hinausgewiesen wurde. Er wandte sich still zum Gehen, als ihn ein ältlicher Mann, der allein in einer Ecke des Zimmers saß, zu sich heranwinkte und ihm Brod und Wein reichte. Enoch war von der Güte des Fremden gerührt und überrascht, er trank, und große schwere Thränen fielen in das Glas. Der Fremde fragte mitleidig nach seinen Verhältnissen, wer seine Eltern seien? „Elsässer Juden", antwortete Enoch fast feierlich, es war das erste Mal, daß er seinen, vor Gott gefaßten Entschluß, nie wieder seinen Glauben, nie wieder sein Volk zu verleugnen, bezeugen konnte. Sein neuer Freund fragte noch Manches, bis er Enochs traurige Geschichte in allen ihren Einzelnheiten kannte; dann sagte er nach kurzem Besinnen: „Willst Du ein ordentlicher braver Mensch sein, so will ich Dich mit mir nehmen." „Darf ich einem Jeden sagen, daß ich ein Jude bin?" fragte Enoch gespannt, —

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