Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 52 (3.7.1890)
- Date
- 1890-07-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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939 der sonst so redegewandte Mann war keines Wortes mächtig. Dann neigte sie sich zu einem kleinen Knaben von etwas über fünf Jahren, der sich mit einer gewissen Schüchternheit, die dem drollen Kerlchen seltsam stand, noch immer an den Vater hielt. Sie küßte ihn und streichelte ihm die frischen, rothcn Wangen. „Wie heißt Du?" fragte sie freundlich. „Otto", flüsterte der Kleine, indem er ihr einen finstern, fast feindseligen Blick znwarf. „Und ich heiße Olga", sagte das größere Mädchen, indem sie Bellas Hand ergriff, „und das ist unsere kleine Laura. Und Papa hat gesagt, Du wirst unsere Mama sein — dürfen wir schon jetzt Mama zu Dir sagen?" fügte sie bittend hinzu. „Gewiß", erwiderte Bella mit bebender Stimme, indem sie mit ihren Lippen die Stirn des Kindes berührte, das so vertrauensvoll zu ihr emporblickte. „Wir werden auch immer alles thun, was Du uns sagen wirst", flüsterte die Kleine. „Dann werde ich Euch sehr, sehr lieb haben", versetzte Bella, die Wangen der kleinen Mädchen streichelnd. Meierhof hatte sich inzwischen an Frau Bärwald gewandt und sich entschuldigt, daß er gestern gar so lange geblieben; erst als er heimgekommen, habe er erkannt, daß er seinen Besuch weit über die Grenzen der Schicklichkeit ausgedehnt. „Aber, Sie wissen doch, dem Glücklichen schlägt keine Stunde." Sie hatte einige herzliche Worte erwidert, während Bella sich bemühte, den kleinen Knaben etwas zutraulicher zu machen. Sie blickte ihn freundlich an und winkte ihm, er möge zu ihr kommen. Er sah sie finster an und schüttelte den lieblichen Kinderkopf. Sie streckte ihm die Hand entgegen. „Gib' mir die Hand", bat sie. Er zog die Brauen noch finsterer zusammen und schüttelte abermals das Trotzköpfchen. „Sei brav, Otto," sagte der Vater, „gib' der lieben Mama die Hand." Der Kleine ward dunkelroth, seine Augen schienen Blitze zu schleudern, doch statt dem Befehle des Vaters zu gehorchen, reckte er Bella die Zunge entgegen. Meierhof stieß einen Laut der Entrüstung aus und flüsterte dem Kinde einige Worte zu. Die eben noch so funkelnde Augen füllten sich mit Thränen und mit gesenktem Köpfchen schlich das Kind bis in die entfernteste Ecke des Zimmers. Olga eilte ihm nach und schien begütigend zu ihm zu sprechen, während die kleine Laura sich an Bella hing und sich von dieser auf den Schooß nehmen ließ. Meierhof schien sehr verstimmt über die Ungezogenheit seines Kindes, Bella suchte ihn zu beschwichtigen. „Du darfst ihm diese Kinderei nicht so hoch anrechnen, er ist ja noch ein so kleiner Kerl." „Aber er ist ein gescheidtcr Bursch — ich weiß nicht — früher war er nie so — und nun gerade Dir gegenüber." „Muß doch sehen, ob ich den kleinen Trotzkopf nicht gewinnen kann", sagte sie lächelnd, indem sie sich erhob. „Nein, nein, ich bitte Dich — er verdient nicht, daß Du Dich um ihn bemühst." Aber sie ließ sich nicht zurückhalten, sie ließ die kleine Laura von ihren Knien gleiten und begab sich zu dem kleinen Burschen, der noch immer grollend dort im Winkel stand, während ihm zwei große Thränen über die frischgefärbten, runden Wangen hcrniederrolltcn. „Waruni weinst Du, Otto?" fragte sie, sich zu ihm neigend. „Weil der Papa mich einsperren will", cntgegnete der Kleine leise schluchzend. „Wenn Du wieder brav sein willst und den Papa um Verzeihung bitten wirst, so wird Dich der Papa nicht einsperren", versicherte Bella. „Doch, doch'" schluchzte der Kleine, „der Papa sperrt mich immer ein, wenn ich die Zunge Herausstrecke." „Aber warum hast Du es doch gethan?" „Weil — weil", das Kind konnte vor Schluchzen kaum reden, Bella streichelte ihm liebkosend die thränenüberflutheten Wangen und wiederholte ihre Frage. „Weil — der Papa gesagt hat — ich soll der lieben Mama die Hand geben — und die liebe Mama ist gar nicht mehr da." Bella empfand inniges Mitleiden mit dem weinenden Kinde, dessen Ungezogenheit ihr nur Sehnsucht nach der verstorbenen Mutter erschien. Trotz seines Sträubens nahm sie ihn in ihre Arme und setzte sich mit ihm in die Fensternische. „Ich will von nun an Deine Mama sein, mein lieber, lieber Otto", flüsterte sie ihm zu, indem sie seinen Kopf an sich drückte, „und ich will alles thun, was Deine liebe Mama für Dich gethan hat. „Aber das wirst Du ja gar nicht können," schluchzte der Kleine; aber sein Widerstand war doch bereits gebrochen und aus freien Stücken lehnte er jetzt sein Haupt an ihre Brust. „Ich werde mir Mühe geben," versicherte Bella, „und Du mußt mir alles sagen, was Deine liebe Mama Dir gethan hat, dann werde ich es auch thun."