Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 50 (26.6.1890)
- Date
- 1890-06-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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«pp 903 zählte. Die Juden Bokharas hatten eine Freude daran, wenn sie sich von Dr. Heyfelder, welcher eine lange Zeit der einzige christliche Arzt in dieser Stadt war, behandeln lassen konnten, denn, obgleich sie leider noch auf einer sehr niedrigen Bildungsstufe stehen, so wissen sie doch, daß es besser ist, sich von einem ftudirten Arzte, wie von so einem bokharensischen Zauberer oder Quacksalber behandeln zu lassen. Dr. Heyselder hat dann oft die Juden Bokharas auf die traurigen sanitären Zustände in ihrem Viertel aufmerksam gemacht, wo die Senkgruben die Lust verpesten und so die gefährlichsten Krankheiten erzeugen. Leider fehlt es dort an den nöthigen Abzugskanälen, da in Bokhara, das ringsherum von Teichen und Sümpfen umgeben ist, kein fließendes Wasser zur Hinwegspülung der Dejectionen sich vorfindet. Dazu kommt noch, daß das Judenviertel für die Menge seiner Bewohner zu enge ist, so daß dieselben zusammengepfercht wohnen müssen. Auch an gutem Trinkwasser mangelt es den Juden Bokharas, da die Brunnen daselbst nur ein brackiges Wasser liefern. Sie erfrischen sich daher für ein paar Monate des Jahres an den herrlichen, riesigen Wassermelonen, die der sandige Boden ihres Landes liefert, und auch die Fische und das Geflügel sind sehr billig dort. Die Nachricht vom Tode Dr. Heyfelder's hat daher auch unter den Juden Bokharas große Trauer hervorgerusen. Der Verstorbene besaß auch höchst werthvolle Sammlungen von Münzen und Antiquitäten, die wahrscheinlich jetzt seinen Anverwandten in Deutschland zufallen werden. Feuilleton. Wallungen. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Es währte eine geraume Zeit, bevor es zwischen den mächtig Erschütterten zu einer Unterhaltung kam. — Bella wußte selbst nicht, wie es gekommen war, aber sie fand sich plötzlich auf dem Kanapee sitzend an Meierhof's Seite, der wieder ihre Hand hielt und ihr nun von seinen Kindern erzählte und von der Freude, die seine Kinder empfinden würden, wenn sie sie morgen als ihre künftige Mutter begrüßen dürften. — Bella glaubte zu träumen, ein nervöses Lächeln spielte fast beständig um ihre häufig zuckenden Lippen, doch sie zwang sich, hin und wieder eine Frage an ihn zu richten oder eine Bemerkung, die ihre Aufmerksamkeit auf seine Worte bekundete. — Es war ihr so seltsam zu Muthe, so überaus seltsam, während sie seiner sanften, wohllautenden Stimme lauschte. Da ward durch die kleine, runde Glasscheibe, die sich in dem oberen Theile der nach außen führenden Thür befand, ein bleiches Antlitz mit verzerrten Zügen sichtbar. Die Verlobten hatten es nicht wahrgenommen; aber die Eltern hatten einander verstohlen angesehen, Frau Bärwald mit schlecht unterdrücktem Seufzer; ihr Mann war rasch ausgestanden und hatte das Zimmer verlassen. Er hatte sich nicht getäuscht, es war sein Neffe, der dort im Corridor an einen Pfeiler lehnte. Der junge Mann schien nach Athem zu ringen. Bärwald trat rasch auf ihn zu, ergriff seine schlaff herabhängende eiskalte Hand und zog ihn mit sich in ein gegenüberliegendes Zimmer. Er hatte ihm bereits Nachmittags von Meierhof's erneutem Anträge Mittheilung gemacht, und Max war nun hergeeilt, um zu erfahren, ob er noch hoffen dürfe. Er hatte das Brautpaar gesehen, Meierhof's Leidenschaft verrathende Blicke und Bella, wie sie unter bräutlichem Erröthen lächelnd zu dem Verlobten emporgeschaut. — Das hatte ihn übermannt, einer Ohnmacht nahe war er zurückgetaumelt. Bärwald fühlte sich schmerzlich erschüttert bei dem Anblicke des jungen Mannes, er bot ihm einen Sessel und sprach in seiner milden, freundlichen Weise einige tröstenden Worte zu ihm. Max schüttelte abwehrend den Kops. „Maffeltow!" flüsterte er mit bebenden Lippen, „Maffeltow!" wiederholte er und schien ein Lächeln erzwingen zu wollen, „maffeltow!" flüsterte er abermals und brach in ein wildes, convulsivisches Schluchzen aus. Bärwald befand sich in peinlichster Verlegenheit, so inniges Mitleiden er mit dem Neffen empfand, seine Tochter stand ihm näher, und er fürchtete beständig, das Schluchzen des furchtbar Aufgeregten könne in dem gegenüberliegenden Zimmer gehört werden. „Max! lieber, guter Junge! — ich bitte Dich, ich beschwöre Dich, suche Dick zu fassen — sei ein Mann — bedenke, wenn Meierhof Dich hören würde — oder gar Bella —". Mit übergroßer Anstrengung rang Max nach Mäßigung. „Verzeihe, lieber Onkel," bat er endlich, „verzeihe — aber — Du weißt —" „Ich weiß es, mein Junge, ich weiß es — es ist der erste große Schmerz Deines Lebens und darum fällt er mit doppelter Schwere auf Dein heißbegehrendes Herz — trotzdem bin ich überzeugt, Du wirst ihn mit Gottes Hilfe bald überwinden." „Das hoffe auch ich," flüsterte der junge Mann