Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1890-06-12 · Heft 46 (12.6.1890) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 46 (12.6.1890)
Date
1890-06-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448024-2448068--30170-2477935
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

830 die Söhne von Haus und Hof entfernt hielt und der Bauer für den Ersatz schaffen und außerdem für das standesgemäße Leben des Sohnes ein schweres Stück Geld aufbieten mußte; wenn die Dienst- und Arbeitslöhne immer höher stiegen, tüchtige Dienst- und Arbeitsleute immer schwerer zu bekommen waren, weil die Arbeitskräfte sich immer mehr den industriellen Arbeitsplätzen zuwandten; wenn die Arbeiter sich immer mehr mit sozialistischen Ideen trugen und immer schwieriger zu behandeln waren; wenn schließlich die Agitatoren und Wühler aller Parteien die gesammte Bevölkerung verhetzten und überall die vorhandene Unzufriedenheit bis zum Uebermaß zu steigern trachteten: so wird doch kein vernünftiger Mensch solche Zustände der Unruhe, der Unbehaglichkeit, des Mißvergnügens und der leidenschaftlichen Aufregung in irgend einen Ursacheverband mit dem Güterschacher oder dem sonstigen Leben oder Treiben der Juden zu bringen im Stande sein. Die Landbevölkerung hätte auch nun und nimmermehr zum Antisemitismus hingeneigt, wenn nicht die wildeste, roheste, lügenhafteste Verhetzung von Seiten städtischer Antisemitenhäuptlinge die böse Saat auf den gut vorbereiteten Boden ausgestreut hätte. Wir wollen nun zusehen, wie der Antisemitismus in den Städten entstanden ist. Als Musterort, als die Hochschule des Antisemitismus muß Marburg betrachtet werden, welches den traurigen Ruhm und Ruf sich erworben hat, den Antisemitismus als einem politischen Prinzip zum ersten Male zum Siege verholfen zu haben. Der Antisemitismus als politisches Prinzip; ich schäme mich in die Seele eines jeden Deutschen und eines jeden gebildeten Menschen hinein, indem ich dieses Wort niederschreibe. Als ich vor etlichen und dreißig Jahren in Marburg studirte, lebten dort die nachfolgenden Juden: ein Schirmmacher, Vater und Sohn, ein Fellhändler, ein antiquarischer Buchhändler, ein Reparateur mechanischer Werkzeuge, ein Lotterie-Kollekteur, ein Manusacturwaarenhändler, ein Uhrmacher, ein Produktenhändler und drei ältere Damen, die einen Haushalt bildeten. Die Stadt zählte sieben- bis achttausend Seelen, darunter 260 bis 270 Studenten. Die wenigen Juden waren weder vermögend, noch traten sie irgendwo geschäftlich hervor. Das Geschäftsleben der Stadt war überhaupt wenig rege, der Geschäftsgang war ledern, engherzig, spießbürgerlich; die Bedürfnisse waren gering, die Lebensmittel billig. So verblieben die Zustände bis zum Jahre 1866. Von diesem Augenblick an hat die Stadt einen großen Aufschwung genommen. Die Zahl der Studenten ist zeitweilig bis auf 1000, die Einwohnerzahl gewiß um das Doppelte gestiegen; die Zahl der Juden aber hat sich, seitdem sie in Marburg frei leben und verkehren konnten, nahezu verzehnfacht. Den Marburger Geschäftsphilistern waren sie bedeutend überlegen, und bald war das Geschäft ganz in ihren Händen. Bald hatten auch die höheren Schulen, Gymnasium und Realschule und ebenso die Universität, einen bedeutenden Prozentsatz an Schülern und Studirenden aufzuweisen, da das Streben nach geistigen Besitzthümern bet den Juden ein noch weit größeres ist als nach materiellen. Das Alles schien so natürlich und selbstverständlich, daß es Niemandem einsiel, hieran auch nur den geringsten Anstoß, das geringste Aergerniß zu nehmen und den Juden auch nur die geringste Abgunst entgegenzubringen. Als ich im Jahre 1882 die Stadt Marburg, woselbst ich den schönsten Theil meiner Jugendzeit zugebracht, zum letzten Male besuchte, fand ich daselbst höchst angenehme Verhältnisse und Zustände. Christen und Juden fand ich noch im besten Einvernehmen. Zum wirklichen Reichthume waren höchstens die Bierbrauer gelangt; aber alle ernährten sich gut und gemächlich, denn die Universität mit ihren nahezu 1000 Studenten brachte Geld und Verdienst, und dazu ein Leben voller Jubel und Trubel; jeder Tag ein Festtag. Viele meiner christlichen Bekannten, auch meine christlichen Hauswirthe von ehemals — zwei ehrbare Handwerker, ein Wollweber und ein Drechsler — lebten noch und empfingen mich mit einer Zärtlichkeit, als ob ich der nächste Anverwandte wäre, auch nicht die leisteste Regung des Antisemitisnius oder auch nur die Möglichkeit eines solchen war zu merken. Selbst einige Jahre später hatte unter der Bürgerschaft die Judenfeindschast noch keinen Eingang gefunden, und noch bis zu dieser Stunde will der beste Theil der Marburger Bürgerschaft, an ihrer Spitze die Gelehrten und meisten Beamten, vom Antisemitismus nichts wissen. Meine Tochter, welche sich im Jahre 1884 und 1885 einige Zeit bei meiner Schwester in Marburg aufhielt, hatte Zutritt in den besten Bürgerhäusern und wahrhaft schwärmerische Anhänglichkeit von Seiten christlicher Damen gefunden, Widerrieth aber auf das Entschiedenste, einen meiner Söhne in Marburg studiren zu lassen, weil die jüdischen Studenten viel zu leiden hätten von ihren christlichen Kommilitonen, welche die Konkurrenz der jüdischen Studiengenoffen fürchteten. Unter den Studenten scheint in der That der importirte Antisemitismus zu allernächst Eingang gefunden zu haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.