Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 46 (12.6.1890)
- Date
- 1890-06-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. @?fte Srilage zu .4.» 46 d«s „Israelit L Ieschurun". Leitender Artikel. Gntssehms und Krdeutuns desAntiseiuitismlls ln Hessen. Bon Dr. I. Rülf in Memel. III. Etwas, was ehemals ein Unerhörtes, ward zu einem Alltäglichen, und bei allen diesen Güterverkäufen hatten gewöhnlich Juden die Hände im Spiele; häufig genug als Gläubiger, obschou sie lange nicht mehr so viel Geld auf Hypotheken auslieheil als ehemals — sie konnten jetzt ihr Geld viel besser verwerthen und verwenden — oftmals nur als Vermittler; zu allermeist als Selbstkäufer, nicht, um das Gut zu behalten sondern um es zu parzellireu und in einzelnen Stücken zu verkaufen. Das war nämlich ein sehr lohnendes Geschäft. Und wenn sie die Güter auch über den Werth bezahlt hatten, so durften sie doch auf sicheren Gewinn rechnen. Die Anlieger waren nämlich wie versessen darauf, irgend ein an ihren Besitz grenzendes Stück Land zu kanfeu und damit ihr Gut zu vermehren. Und wenn der Bauer auch den Gesammt-Kaufpreis schuldig geblieben war, so vermeinte er trotzdem um das angekaufte Stück Land reicher und angesehener geworden zu sein. Der Parzellenverkauf eines solchen Bauerngrundstücks war stets mit den größten, oft zur Revolte ansartenden Aufregungen verbunden. Zumeist gingen die Aufregungen hierzu von denjenigen aus, welche zu einem Mitgebot sich außer Stande sahen. Ohne polizeilichen Schutz waren solche Versteigerungen selten zu bewirken. Und diese Aufregung pflanzte sich über .'die ganze Umgegend fort. Oftmals verschworen sich auch die Bauern gegen den Unternehmer, indem sie sich gegenseitig das Versprechen gaben, kein irgendwie annehmbares Gebot für das ausgebotene Stück Land zu stellen, und boten im wahren Sinne des Wortes nur Spottpreise, das will sagen, Preise, welche das Versteigerungsgeschäft zum Gespött machen sollten. 10 Thlr. bot beispielsweise ein Bauer für ein Grundstück, das 400 werth war; noch 5 Sgr., schrie ein anderer aus der Mitte der großen Menge, welche sich zu diesem Schauspiel angesammelt hatte. Das Gebot wurde mit schallendem Gelächter, oftmals aber auch mit eisiger Ruhe angehört. Der Verkäufer wußte, was die Glocke geschlagen; er ließ die VerL steigerung schließen und verließ mit den requirirten Beamten, guten Muths, den Ort, denn nunmehr durfte er überzeugt sein, erst recht ein gutes Geschäft zu machen. Es dauerte auch gar nicht lange, da erschien ein Bauer in aller Stille und Heimlichkeit bei dem Gutsverkäufer und verlangte ein Grundstück, das ihm besonders gelegen war, zu kaufen. Er erhielt auch dasselbe für einen recht annehmbaren Preis. Nunmehr war der Bann gebrochen. Die Bauern erschienen einzeln und zu Häuf — ein Jeder wollte ein passendes Grundstück dem andern vor der Nase wegschnappen, die höchsten Preise wurden gefordert und bewilligt. Der letzte Rest kam dann doch noch zur Versteigerung. Dieser Güterschacher war absolut weder ein ungerechtes, noch ein wucherisches und trotzdem für die Juden ein wahrhaft unseliges Geschäft. Es gab gewiß nur äußerst wenige solcher Güterhändler; allein der gewaltige Unwille, die Mißstimmung und die Gehässigkeit, welche dieser Güterschacher hervorrief, entfiel zu gleichen Theilen auf alle Juden. So war es ja von jeher, daß man für die Handlungsweise der Einzelnen die Gesammtheit verantwortlich machte. Ob diese sogenannte „Güterschlächterei" für die Landbevölkerung einen so großer Verderb bedeute, wie allgemein angenommen wird, darüber wird erst eine spätere, billiger denkende, unbefangen entscheidende, unvoreingenommen richtende Beurtheilung zu finden haben. Wenn später sich aller so reich angesammelte Unwille der Landbevölkerung auf die Juden lenkte, so trug an diesem Mißstande die Güterschlächterei die meiste Schuld. Die Güterschlächterei als eine Schuld der Juden hinstellen zu wollen, ist jedoch nicht der geringste Anhaltspunkt vorhanden; nicht einmal diese sogenannten Güterschlächter selbst trifft der kleinste Makel einer unrechtmäßigen Handlungsweise. Am allerwenigsten aber steht diese Güterschlächterei mit den sonstigen Beschwerden des Landwirths in irgend einem ursächlichen Zusammenhänge. Wenn die starre und strenge Sitte unter den Bauern nach und nach verloren ging; wenn in Folge des steigenden Luxus die Ausgaben immer größer wurden; wenn die Steuerlast eine immer größer und schwerer zu tragende wurde; wenn der Wohlstand immer mehr abnahm und die eiserne Kiste sich endlich gänzlich leerte; wenn die allgemeine Wehrpflicht