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Der Israelit · 1890-06-12 · Heft 46 (12.6.1890) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 46 (12.6.1890)
Date
1890-06-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXXI Jahrgang. Israelit Zeschurun. Zttschrlft m FörSermg D. GeiW uttö jüii. Hebens in laus, (Stittele unü Muk. Kentrat-Hrgan für das orlkodoXe Zudentöum. Begründet von Dr. Lehmann iit Mainz. Donner ft ag, den 12. Juni 5650 (1890). Leitende Artikel. Selbstkritik?! Mainz, 10. Juni. Es ist eine menschliche Schwäche, begangene Fehler, sobald sie sich gerächt haben, nicht reumüthig einzugestehen, vielmehr die Schuld dafür auf Andere zu wälzen. Daß das Reformjudenthum an der gegenwärtigen antisemitischen Bewegung durch sein penetrantes Bordrängen in die Kreise Andersgläubiger und an dem hierdurch wachgerufenen Neide und Mißgunst nicht zum geringsten Theil die Mitschuld trägt, ist eine bekannte Thatsache. Gleichwohl sucht man jetzt dafür die Orthodoxie ganz allein verantwortlich zu machen. Dazu bot sowohl die Verhandlung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 20. März, wie auch die Herrenhaussitzung vom 9. Mai willkommenen Anlaß. Daß das große Organ der vorwiegend jüdischen Handelswelt den Cultusminister aufgefordert hat, die allein schuldigen Orthodoxen zu zwingen, in Zukunft ben Sabbat zu entweihen, haben wir bereits berichtet und dieses Ansinnen gebührend zurückgewiesen. Nunmehr veröffentlicht ein Herr Dr. S. Leon in Berlin *) eine Broschüre, in welcher bewiesen werden soll, wie das Festhalten an unseren überlieferten Gesetzen die eigentliche Ursache des Antisemitismus sei und wie nach Beseitigung dieser auch die schmachvolle Bewegung zu Grunde gehen müsse. „Ordnet die Glaubenslehre", so schreibt Herr Leon,. „äußere Handlungen oder Unterlassungen an, die mit den Anforderungen des Staates an seine Bürger in Widerspruch stehen, so gibt es nur eine Wahl: auszuwandern und sich dem Konflikte zu *) Unser heutiges Judenthum. Eine Selbstkritik von Tr. S. Leon. Berlin, Walther und Apolant. entziehen — oder aber sich denselben bedingungslos zu unterwerfen. Das Bekeuntniß des Glaubens muß sich den Anforderungen des Staates unterordnen, es darf keine Sonderstellung und keine Ausnahmen im Staate beanspruchen." Schade nur, daß der Verfasser von einer ganz falschen Voraussetzung ausgeht; nicht wir sind es, die sich absondern, die Andersgläubigen sind es vielmehr und waren es zu allen Zeiten, die sich von uns lostrennten und uns in unsere Sonderstellung hineingedrängt hätten, wenn wir nicht schon darin gewesen wären. Das ist nun einmal Jsrael's Bestimmung wty anay mi in hm. Des Allmächtigen Wille ist es, daß das auserwählte Volk, daß die Träger der reinen Gottesidee sich nicht „amalgamircn" sollen. Diese Erfahrung sollten doch diejenigen, denen der traditionelle Boden schon längst unter den Füßen geschwunden ist, viel eher gemacht haben wie wir. Nicht wir empfanden die gewaltige Zurücksetzung und Verachtung, als die Frau Geheime Registrator der Frau Geheimen Commerzienräthin sagen ließ, daß sie nicht mehr zu ihrem Kaffeekränzchen kommen könne; denn wir haben uns nie in diese Gesellschaft hineingedrängt. Nicht wir schlichen beschämt und empört von der Table d’hute des christlichen Hotels, als man von beiden Seiten abrückte; denn wir haben uns nie an eine solche gesetzt. Was nützte es, daß man sich zu amalgamiren suchte und was würde es nützen, wenn wir, dem Vorschläge des Herrn L. gemäß, den Sabbat auf den Sonntag verlegten. Die ersten Ehristen, die sogenannten Judenchristen haben aus dem einzigen Grunde, um nicht mit den wirklichen Juden den Sabbat gemeinsam feiern zu müssen, solchen auf den Sonntag verlegt, und wenn heute plötzlich wie durch Zauberschlag die Judenheit der gesammten Erde ihren Sabbat ebenfalls auf den Sonntag verlegen würde,

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