Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 43 (2.6.1890)
- Date
- 1890-06-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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775 und seine Tochter — so tüchtig sie in der Hausarbeit und in Handarbeiten waren, wie sie dieselbe verwerthen konnten, das wußten sie dennoch nicht. Bella sprach davon, einen Posten als Verkäuferin suchen zu wollen, doch davon wollten die Eltern vorläufig noch nichts wissen; sie besorgten, die auffallende Schönheit des jungen Mädchens könnte dasselbe allzugroßen Gefahren aussetzen. Und überdieß, derselbe Grund, der es für Bärwald so überaus schwierig erscheinen ließ, eine Steilung in einem andern Comptoir zu finden, dieser selbe Grund waltete auch für Bella ob, denn es gab bereits zu jener Zeit in der Hauptstadt nur sehr wenige Geschäfte, die am Sabbat geschlossen waren, und bei den Wenigen war gegenwärtig kein Posten vacanr. Bon was aber sollte die Familie künftig leben? Bärwald bemühte sich unablässig irgend eine Erwerbsquelle zu finden, doch Handel und Wandel lageit durch die geschäftliche Krisis so vollständig darnieder, daß er bisher noch keine gefunden hatte. — Auch Bella grübelte Tag und Nacht, wie sie den Eltern helfen könne — in deren Gegenwart war sie allerdings äußerlich lieiter wie früher, doch die Rosen waren von ihren Wangen gewichen, und wenn sie sich unbeachtet wähnte, dann lagerte ein sinnender, zuweilen sogar schmerzlicher Ernst ans ihrern klassisch schönen Angesicht. Freitag Abend war es. Um den sabbailich geschmückten Tisch war die Familie versammelt. Die Lampe mit dem Milchglasschirm verbreitete ehr Helles Licht in dem freundlichen Raume und zu beiden Seiten brannten, dem Sabbat zu Ehren, zwei Kerzen in kunstvoll gearbeiteten silbernen Kandelabern, letztere ein Erbstück der Familie, das zu den letzten Resten ihres ehemaligen Ncichthnms gehörte. Zum letzten Male sollten sie heute hier auf dem Sabbattische prangen, in der kommenden Woche sollten sie nebst einigen andern entbehrlichen Gegenständen veräußert werden, die vorläufigen Bedürfnisse der Familie zu decken. Daran mußte Bella denken, als sie auf das fein ciselirte Tranbengewinde blickte, das sich um den Schaft der Leuchter schlang, und dieser Gedanke lockte eine Thräne in ihr sonst so heiter blickendes Auge. Ihr Bater gewahrte es, mißbilligend und doch freundlich nickte er ihr zu. „Kops in die Höhe, Kind! — wer wollte am Sabbat traurig sein." „Ich bin auch nicht traurig, Papa," erwiderte sie, ein Lächeln erzwingend, „ich bin eher schläfrig, denn ich hatte in der verflossenen Nacht einen ganz abscheulichen Traum, eine lange, lange Reihe Särge wurde an mir vorübergetragen, dadurch konnte ich, als ich mitten in der Nacht aufwachte, nicht wieder einschlafen." „Aber das ist doch kein abscheulicher Traum," fiel Max ein, „im Gegentheil, das ist ein Glück verheißender Traum." „Wirklich?" fragte Bella, freundlich zu ihm hinüberblickend. „Im Traumbuch steht es wenigstens so," entgegncte er, „ich selbst habe zwar noch kein Traumbuch gesehen, aber die alte Gitcle, von der ich schon öfters erzählt habe, die hat immer ein Traumbuch in der Tasche getragen, und von der Hab ich's oft gehört, daß Särge im Traum Glück bedeuten — oder nein," verbesserte er sich selbst, „nicht gerade Glück, aber eine Hochzeit bedeuten Särge." Eine leise Rothe stieg in Bella's Wangen, inährend ihr Blick wieder an dem Leuchter haftete, aber der strenge Ernst ihrer Züge war einem heitern Lächeln gewichen. Max war aufgestanden. „Es ist zwar nicht sehr anständig, gleich nach dem Essen fortzngehen." „Du gehst schon?" fragte seine Tante. „Ich bliebe wahrhaftig lieber hier, denn in ganz Wien fühle ich mich nirgends so behaglich wie hier bei Euch, aber der Ausschuß unseres Vereins luift henke Abend eine Sitzung, und da ich seit der jüngst statlgefundencn Wahl auch zu demselben gehöre, so muß ich mich auch zu der anberaumten Sitzung einsinden. Was soll man thun? — nodlesse oblige.“ „Brauchst Dich nicht zu entschuldigen," sagte Bella schelmisch, „wir werden uns auch ohne Dich recht behaglich fühlen, wir haben daun um so mehr wie bist Du so boshaft," klagte er, „ich hatte mir geschmeichelt, Ihr würdet mich sehr vermissen, und nun —" „Tröste Dich," fiel Frau Bärwald ein, „der Onkel und ich, wir werden Dich schmerzlich vermissen, und um Bella brauchst Tn Dich nicht zu kümmern." „Das werde ich auch nicht. — Aber ich muß wirklich fort. Guten Sabbat, lieber Onkel, guten Sabbat, liebe Tante." „Und mir sagst Du gar nichts?" fragte Bella lachend. „Nein," entgegnete er mit lächelnden! Trotz, „Du freust Dich ja, daß ich fortgehe." „Das habe ich doch nicht gesagt." „Nicht? — nun, dann will ich auch Dir guten Sabbat wünschen." Er reichte ihr die Hand und drückte die ihre innig, sie sahen einander an und hatten einander