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Der Israelit · 1890-05-28 · Heft 41-42 (28.5.1890) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 41-42 (28.5.1890)
Date
1890-05-28
Page
– (sequence 22)
Language
German
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766 Ihr Bethaus ist verschlossen; dem Gesang Der Davidspsalmen lauscht hier Keiner mehr Kein Rabbi liest mehr das Gesetz — schon lang Bern ahm kein Ohr die Sprache hoch und hehr. Weg sind die Lebenden; doch eine Hand Schmückt unsichtbar die Gräber alle dort: Des Sommers Regen wird herabgesandt, Daß ihr Andenken grünt und nicht verdorrt. Wie kamen sie? Wann übers wüste Meer Trieb Haß, Verfolgung sie, blind, mitleidlos Und ließ sie flüchtig, unstät zieh'n umher Und tragen Jsmael und Hagars Loos? Im Ghetto, in der Nacht, im feuchten Schmutz, In enger Gasse lernten sie zusammen Des Leiden's Schul', Geduld; dies all' ihr Schutz In Angst des Lebens und in Todesflammen. ftitv ihres Herzens Hunger — das Exil Und bittere Kräuter, ungesäuert Brod Ihr Leben lang als Koll, nnd Thränen viel; Sic war n ihr marah in des Durstes Noth. Anathema maranatha der Schrei Bon Stadt zu Stadt war ihnen Willkommsgruß. Au jedem Thor verflucht stand Mordechai, Verhöhnt. Hinweg stieß ihn der Christen Fuß. Stolz und Erniedrigung ging Hand in Hand Wo sie kamen überall mit ihnen, Da sie zertreten waren wie der Sand Und — wie der Erdball unerschüttert schienen. Sah'n sie Propheten, doch um Väter ragen, Gewaltig lichtumflossen weit zurück; Und das Zukünftige — wie aus jenen Tagen Ein Spiegelbild, so lags vor ihrem Blick. Wie ihr Hebräisch lasen sie das Buch Der Weltgeschichte, weggewundt den Blick, Der beim Vergang'nen nach der Zukunft trug. Doch ach, Vergang'nes kehrt nicht mehr zurück. Die mütterliche Eide schenkt das Leben An Völkern unter Schmerzen, unter Noth Ernöhnend, doch kann sie's auch wieder geben, Wann endlich steh'n Nationen auf von: Tod? Ueberscht von * * * •pfcil unk» 0fcil. Berlin, im Mai. Die „Lustigen Blätter" bringen unter der Spitzmarke: „Pfeil und Pfeil. Eine Rede und eine That aus jüngster Vergangenheit," das Folgende: Graf Pfeil (im Herrenhaus): Die Meinung des Herrn Miguel, daß der Jude sich mit dem Christen amalgamirt, ist; falsch; der Jude verbindet sich nicht mit' dem Christen. Ich bin weisen im Diach- Der- Liatl jeder besonderen richl an alle jüdischen wandten und Areunde. Frl. Ä. L. Gra f v. Pfeil Derloble. Aerlin, Äpril 1890. fi/Igzsl tow! überzeugt, daß Niemand in diesem hohen Hause mir einen Fall nachzu- Stande sein wird, welcher jener falschen Meinung Zur Stütze dienen könnte. Jüdisches und christliches Element sind eben grundverschiedene Dinge, welche nie und nimmer eine Verbindung cinzngehen vermögen. Feuilleton. Eine akte Heschichte. Erzählt vou * * * „Halte das Bild der Wüdigeu fest.' Wie leuchtende Sterne Theilte sie aus die Natur durch den unendlichen Raum!" Göth e. Der Erzähler dieser Geschichte ist ein Christ, wir halten es für angemessen, das zu sagen; ein Christ, der sich von früher Kindheit an seine eigenen Gedanken gemacht hat und sein Denken niemals in die Fesseln des Einseitigen, Herkömmlichen schlagen ließ. Seine Jugend liegt weit zurück; er erlebte als denkender Mensch das Jahr 1848, und erinnert sich lebhaft der Zeiten vorher, in der auch die Stellung der Juden noch eine durchaus andere als heute war. Ein stilles, gedrücktes Judenkind, unter einer Schaar Christenkinder das einzige, sein Nachbar in der Schule, gab den ersten Anstoß zum Nachdenken über Christen und Juden, über ungerechte Bedrückung, und natürlich widmete danach der Achtjährige dem jüdischen Kameraden seine wärmste Freundschaft, an die er heute noch mit Rührung zurückdenkt: alles Zartgefühl, aller Edelmuth eines reinen Kinderherzens offenbarte sich in dieser Freundschaft. Der Erzähler ist seit den Tagen dieser Freundschaft ein warmer Freund des jüdischen Volkes geblieben. Nicht, daß er seine Fehler übersähe, aber die Geschichte fordert Wahrheit, und wer der jüdischen Fehler gedenkt, in der Geschichte ihrem Entwicklungsgänge folgt, der wird sich, wenn er aufrichtig ist, sagen, wie furchtbar an diesem Volke gesündigt ist, und wie jahrhunderte langer Druck, Rohheit und Lieblosigkeit in den Juden Manches gezeitigt haben, was ihnen heute zum Vorwurfe gemacht wird. Traurig ist es zu denken an die verkümmerten, gedrückten staatsrechtlichen, bürgerlichen und socialen Verhältnisse der Juden, wie sic auch in unserm deutschen Vaterlande bestanden haben; wenn auch eine bessere Gegenwart jene Verhältnisse, der lebenden Generation in dunkele Ferne entrückt hat, immer bleibt die Erinnerung nicht minder demüthigend

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