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Der Israelit · 1890-05-15 · Heft 38 (15.5.1890) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 38 (15.5.1890)
Date
1890-05-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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691 In der Familie Bärwald hatte sich inzwischen wenig geändert, nur Bella war zur holdseligen Jungfrau herangereift. Bis in ihr vierzehntes Jahr ein auffallend kleines Mädchen, fing sie plötzlich an zu wachsen, ihre Glieder dehnten sich fast zusehends, von Woche zu Woche erschien sie größer, sodaß die Eltern besorgt den Arzt zu Rathe zogen. Auch dieser fand das rasche Wachsen nicht unbedenklich. Doch Bella fühlte sich frisch und wohl und allmählich rundeten sich ihre Formen zu schönstem Ebenmaß, in ihren feingerötheten Wangen ließen sich die Grübchen wieder blicken, wenn sie lachte, und das geschah nicht allzuselten; denn Bella hatte ein ungemein heiteres Gemüth, ihre fröhlichen Lieder durchschallten die bescheidenen Räume, wie der Gesang der Nachtigall die lauschigen Boskets. Wenn sie in ihrer bescheidenen Anmuth durch die Straßen dahinschritt, da blieb gar manches Auge bewundernd an ihr haften, doch sie achtete nicht darauf, sie bemerkte es nicht einmal. Doch wenn auch manches Auge begehrlich auf sie blicken mochte, so lag doch in ihrer ganzen Erscheinung ein gewisses Etwas, das jede Zudringlichkeit von ihr fern hielt. Nur wenn sie zuweilen in Geschäften im Aufträge ihrer Mutter Einkäufe zu machen pflegte, dann wagten es wohl junge Leute ihr dadurch ihre Huldigung darzubringen, daß sie sie rascher und vielleicht auch besser bedienten. Neulich war Frau Bärwald geradezu überrascht über die Billigkeit eines Stoffes, den Bella in einem sehr bedeutenden Geschäfte eingekauft hatte. Einer der jungen Leute dort hatte ihr mehrere Stoffe vorgelegt, die ihren Beifall jedoch nicht gefunden hatten, und als sie den erwähnten Stoff gesehen, da hatte ihr derselbe allerdings sehr gefallen. Hatte jedoch ihr bescheidenes Kaufgeld bedeutend überstiegen, weßhalb sie erklärte, nicht darauf reflectiren zu können, da der junge Mann versichert hatte, ihr bereits den genauesten Preis genannt zu haben. Da war jedoch der Chef des Etablissements hinzugetreten und hatte dem jungen Manne erklärt, er müsse sich geirrt haben, der Stoff wäre nicht theurer als die übrigen. Und Bella hatte nun hocherfreut um einen zum Staunen billigen Preis das feine, weiche Gewebe heimgetragen und sich ein Costüm davon verfertigt, das ihr zum Entzücken stand. Aber die Mutter hatte ihr trotzdem verboten, in jenem Geschäfte fernerhin ihre Einkäufe zu machen. Es war an einem Sabbatnachmittag, Herr Bärwald hatte eben seine Siesta beendet, seine Frau saß mit einem Buche am Fenster und schien in ihre Lektüre vertieft, während Bella mit einer befreundeten Familie im Prater lustwandelte. „Ich fürchte", sagte er, „ich habe mein Schläfchen allzulange ausgedehnt, und habe Dich dadurch des Vergnügens beraubt, spazieren zu gehen." „Dazu ist's auch jetzt noch Zeit. Wenn es Dir recht ist, mache ich Toilette und wir gehen." Er war gern einverstanden, denn der Sabbat war der einzige Tag, an dem er sich zur Tageszeit seiner Familie widmen konnte, und eben war seine Frau im Begriff, sich in das andere Zimmer zu begeben, um sich dort umzuklcideu, als ein leichtes Klopfen an der Thür sie zurückhielt. Auf das einladende „herein" des Hausherrn, trat einer ihrer Bekannten mit freundlichem Gruß in das Zimmer. Bärwald eilte ihm mit ausgestreckter Hand entgegen. „Herzlich willkommen, Herr Löwi, das ist schön von Ihnen, daß Sie uns auch einmal das Vergnügen machen." „Bitte sehr, das Vergnügen ist ganz meinerseits", erwiderte der Besucher, indem er sich in den ihm dargebotenen Sessel niederließ. „Wie steht das Beffnden, gnädige Frau?" „Danke sehr, bei uns ist Gottlob alles wohl, und wie steht es bei Ihnen?" „Auch Gottlob alles in bester Ordnung, meine Gnädige. Die Kleinen werden groß und die Großen fliegen aus. Das ist doch so der Lauf der Welt." Bärwald unterdrückte einen Seufzer, erwiderte jedoch nichts. Der Andere fuhr fort: „Fräulein Tochter vermuthlich spazieren gegangen?" „Bei solchem Wetter am Sabbatnachmittag, da bleiben die jungen Mädchen nicht gern zwischen den vier Pfählen." „Recht so, recht so", lachte Herr Löwi, „junges Blut thut nicht gut, wenn es eingesperrt ist. Ich muß sogar gestehen, heute ist es mir recht angenehm, daß das Fräulein nicht zu Hause ist — obgleich ich sonst, wie Jedermann, meine Freude habe, wenn ich Fräulein Bella sehe. Ist das eine Schönheit! — ich versichere Sie, Frau Bärwald, die Leute bleiben stehen und schauen ihr nach, wenn Fräulein Bella vorübergeht — das habe ich selbst gesehen." „Das ist mir nicht angenehm", sagte Frau Bärwald lächelnd und doch mit leicht zusammengezogenen Brauen. „Kann mir's denken," entgegnete Herr Löwt abermals lachend, „ein schönes Mädchen ist ein Kleinod, das bewacht werden will — ich sage will, meine Gnädige, nicht muß — Gott soll mich bewahren, irgend etwas gegen das Fräulein sagen zu wollen. — Ganz im Gegentheil, ihre Bescheidenheit

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