Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 37 (12.5.1890)
- Date
- 1890-05-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448024-2448060--30009-2477766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXI. Jahrgang. KeilageM^37ües^Israelit^L„IeschurM Leitender Artikel. Kerr Prediger Ar. W. Schwalö zu Bremen hat in Veranlassung der am 20. März im Preußischen Landtage gesuhlten Schuldebatte, bei welcher der Abgeordnete Hofprediger Stöcker der angeblichen „Ueberlastung der höheren Schulen mit jüdischen Elementen" als eine Gefahr für die Bildung der Schüler, als „ein aufhaltendes Element für die Anderen" schilderte und für den Ausschluß der jüdischen Schüler von den höheren Lehranstalten eintrat, um dadurch „die Kräfte zur Bekämpfung der Juden zu stärken", in der „Lib. Korr." das folgende sehr bemerkenswerthe Schreiben veröffentlicht. Dasselbe lautet: „Daß ein protestantischer Prediger die Kinder jüdischer Eltern aus unfern Staatsschulen ausschließen und in „Judenschulen" schicken möchte, ist, von einem christlichen Gesichtspunke aus betrachtet, geradezu empörend, ein besonders schlimmes „Aergernitz". Doch in einem Punkte hat, nicht der antisemitische Prediger, wohl aber Herr v. Goßler, der ihm zu Hilfe kam, das Richtige, jedenfalls die schwächste Seite der Angegriffenen getroffen. Denn unberechtigt und durchaus zurückzuweisen ist das Verlangen jüdischer Eltern, daß ihre Kinder am Sonnabend von einem Theil ihrer Schularbeiten, namentlich vom Schreiben dispensirt werden. Wozu? Auch wenn sie es werden, verletzen sie doch mannigfach das Sabbatgebot, das am Sabbat vollständige Arbeitslosigkeit fordert. In der Schule sitzen, aufmerksam am Unterricht theilnehmen, ist jedenfalls, gleichviel, was einige Talmudisten darüber sagen mögen, ebensogut eine Entweihung des Sabbats als Schreiben. Jedenfalls macht auch die so beschränkte Betheiligung am Schulunterricht die religiöse Verwerthung des wöchentlichen Ruhetags, die doch offenbar noch wichtiger ist, als das bloße Nichtschreiben, unmöglich. Dazu kollidirt eine solche Beschränkung der Schulaufgaben, wenn sie nur einem Theil der Schüler gewährt wird, mit jeder vernünftigen Schulordnung und gereicht nicht blos den DiSpensirten, sondern auch gewissermaßen ihren Mitschülern zum Schaden. Sie ist pädagogisch kaum weniger verwerflich, als es die Erlaubniß wäre, die Schule an jedem Sonnabend zu versäumen, also wöchentlich zwei Ruhetage zu genießen. Aus den Beklemmungen und Schwierigkeiten der Sabbatseier, wie sie in der Schule und im Leben sich geltend machen, müßten vernünftiger Weise die Rabbiner ihre Glaubensgenossen befreien. Und sie könnten es thun, wenn sie beschlössen, daß der Jude den Sonntag als siebenten Tag sabbatlich feiern kann, ebenso gut als den Sonnabend. Was steht denn einem solchen Beschluß entgegen? Am Ende doch nur der biblische Satz, daß „Gott, nachdem er in sechs Tagen Himmel und Erde geschaffen, am siebenten Tag ruhte und den siebenten Tag heiligte." Mit diesem siebenten Tag ist allerdings der Sonnabend gemeint. Denn für den Verfasser der betreffenden biblischen Stellen war, wie auch für uns, der Sonnabend und nicht der Sonntag der siebente Wochentag. Doch ist es denkbar, daß Gott möglicherweise an einem andern Tage, als an einem Sonntag das Wort sprach: „Es werde Licht!" Um so mehr als zur Zeit, wo er es sprach, nach Angabe der Bibel es noch keinen Mond und Himmel, also auch auf Erden noch keinen Kalender gab. Erst am vierten Tage wurden bekanntlich, nach der biblischen Erzählung, Sonne, Mond und Sterne geschaffen. Aber wer glaubt es noch? Wer hält noch den sogenannten mosaischen Schöpfungsbericht für ein Stück wirklicher Geschichte? Von den Juden, die ihre Kinder in unsere Schulen schicken, gewiß äußerst wenige. Diesen Wenigen könnte man, ohne ihre Frömmigkeit zu beschädigen, eine andere, größere, gotteswürdigere Darstellung von Gott und seiner schöpferischen Thätigkeit beibringen. Dadurch, daß sie den durch eine unfreie Ueberlieferung geweihten, in einer christlichen Umgebung schlechterdings nicht oder nur mit schweren Opfern frei zu machenden Sonnabend aufgeben und den Sonntag dafür annehmen, würden sie endlich einen rechten Sabbat gewinnen, einen wöchentlichen Ruhe- und Erbauungstag." Wir haben diese Kundgebung des Bremer Pastors bemerkenswerth genannt, weil es in der That als ein sehr beachtenswertes Kriterium der religiösen und toleranten Anschauung eines der liberalen Richtung huldigenden Geistlichen zu betrachten ist, wenn derselbe für die Schädigung der Religionsfreiheit Andersgläubiger das Wort ergreift. Wahrlich, Herr Stöcker, dem er den Vorwurf