Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 37 (12.5.1890)
- Date
- 1890-05-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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/rarpv»”-rr-y■; 675 fernte sich, das Verlangte zu holen. Wildau war ihm mit den Augen gefolgt. „Wird er bald wieder hereinkommen?" fragte er. „In drei Minuten ist er wieder hier", versicherte der Rittmeister. „So muß ich warten", flüsterte er, „aber Du mußt ihn wieder hinausschicken — denn ich habe mit Dir zu reden, Hugo." „Das heißt", sagte Werner, einen scherzhaften Don erzwingend, „der alte Haudegen kann sich auch trollen." „Nein", entgegnete Wildau mit mattem Lächeln, „nein, Du lieber, guter, alter Freund — was ich meinem Sohne zu sagen habe — möchte ich auch Dir mitgetheilt haben — denn — denn —" „Schon gut — schon gut — strenge Dich nur nicht an — hätte übrigens auch Zeit bis morgen." Der Kranke schüttelte den Kopf. „Ich werde ruhiger schlafen — wenn ich es schon heute mitgetheilt habe." „Gut, also werden wir Dir schon heute zuhören. Aber da konimt Dein Nachtessen, das geht vor allem." Der Wärter kam mit einer Tasse Bouillon, hob den Kops des Kranken ein wenig und hielt ihm die Tasse vor, so daß derselbe die Kraftbrühe mühelos schlürfen konnte. „Wünschen Sie noch etwas?" Wildau schüttelte verneinend den Kopf. „Also, Sie Wärter", sagte der Rittmeister, „Sie können sich jetzt drinnen im Zimmer auf das Kanapee legen und können schlafen, wir bleiben noch ein Weilchen hier, und ehe wir fortgchen oder wenn Herr Wildau etwas bedürfen sollte, so werden wir Sie rufen." Der Wärter verließ das Zimmer, der Rittmeister nahm wieder seinen Platz neben Hugo ein und beide warteten schweigend, daß der Kranke mit seinen Mittheilungcn beginnen werde. Doch dieser lag wieder mit geschlossenen Augen da, aber man nahm deutlich wahr, daß er nicht schlief. Seine Augenlider bewegten sich, sein Athem ging rasch und unregelmäßig, seine Finger zuckten. „Wie fühlst Du Dich, Papa?" fragte Hugo, indem er sich vergebens bemühte, das ängstliche Beben seiner Stimme zu unterdrücken. Wildau öffnete die Augen und blickte ihn liebevoll an. „Ganz wohl fühle ich mich, liebes Kind — ganz wohl — Gottlob, daß Du hier bist — bevor Du gekommen bist — wie ein Verbrechen hat es auf meiner Brust gelastet — daß ich Dir gegenüber so lange geschwiegen — Dich so lange in Unkenntniß gelassen habe — als hätte ich es verbrieft — daß ich nicht plötzlich abberufen werde — Gott sei Dank, es ist noch nicht zu spät — aber ich darf nicht länger zögern. — Hörst Du mich, mein Sohn?" Hugo ward es unendlich schwer, die steigende Aufregung, die sich seiner bemächtigte, zu verbergen, darum hatte er, während der Vater seine Hand noch immer hielt, den Kopf zurückgelehnt, io daß der im Bette Liegende ihm nicht in's Antlitz schauen konnte. „Ich höre Dich, lieber Papa, — aber das Sprechen scheint Dich anzustrengen, bitte —" „So neige Dich zu mir — dann kann ich leiser reden." Hugo entsprach diesem Verlangen, er ließ den Kopf auf die Brust sinken und brachte sein Ohr den Lippen seines Vaters näher. Auch der Rittmeister neigte sich vor. Der Kranke schien sich jedoch einige Minuten ausruhen zu müssen, während er leise Hugo's Hand streichelte. Endlich begann er von neuem: „Mein Sohn — mein Hugo — mein liebes, liebes Kind — inniger als wir Dich geliebt haben, können Eltern nicht ihre Kinder lieben — Du warst unser Eines und unser Alles — unsere höchste Freude — unser größtes Glück — und dennoch — dennoch — bist Du nicht unser leibliches Klnd." Hugo fuhr zusammen, maßloses Entsetzen malte sich in feinen geisterbleichen Zügen, mit weitaufgerissenen Augen starrte er den Kranken an, an dessen Zurechnungsfähigkeit er zu zweifeln schien, auch der Rittmeister war kaum weniger erschreckt, denn auch er wähnte im Augenblick, daß sein Freund irre rede. Dieser schien es zu errathen, mit trübem Lächeln fuhr er fort. „Ich phantasire nicht, liebes Kind — mein Kopf ist vollkommen klar — und ich begreife sehr wohl Deine Erschütterung — ich habe sie voraus gesehen — und das war vielleicht mit ein Grund, weßhalb ich so lange geschwiegen. — Ehedem freilich — meine selige Frau hat so großen Werth auf Geheimhaltung dieses Umstandes gelegt — daß wir nur deßhalb unseren früheren Wohnort verlassen — und hierher übergesiedelt sind — ihr sehnlichster Wunsch war — Du solltest nie erfahren, daß wir nicht in Wirklichkeit Deine Eltern sind." Hugo preßte beide Hände gegen die Schläfen, ihni war als hätte ihn ein Schwindel erfaßt und er jeden Halt auf Erden verloren. Mitleidig blickten die beiden andern auf ihn. „Und —", stammelte er endlich, „und — wessen Sohn bin ich denn? — wer sind meine Eltern?" Der Kranke zuckte die Achseln. „Das haben wir nie erfahren können — womöglich sind Deine