Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 35 (5.5.1890)
- Date
- 1890-05-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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631 Hastig entfaltete Hugo das Blatt, es war eine telegraphische Depesche — er las: „Rittmeister Werner in M ... bei W... Architekt Wildau beim gestrigen Brand verunglückt, verlangt nach seinem Sohne — soll sofort kommen. Bauer." Hugo ließ das Blatt sinken, er fuhr mit der Hand nach dem Herzen, ihm war, als stände es plötzlich still. — Der Rittmeister hatte sich neben ihn gesetzt und schweigend seine Hand gedrückt, die er fest in der seinen hielt. Doch das Aussehen, die geisterhafte Blässe des jungen Mannes begann ihn zu beunruhigen; er holte seine Feldflasche hervor und füllte einen kleinen Becher mit Cognac. „Nimm' ein paar Tropfen, Kind, es wird Dir gut thun." Hugo zwang sich in der That ein wenig von dem stärkenden Getränk zu genießen, cs brannte ihn wie Feuer, denn er war dergleichen nicht gewöhnt, doch sichtlich erleichtert athemete er auf. „Siehst Du, es hat Dir gut gcthan, es ist ein ausgezeichneter Cognac. — Und nun, Hugo, mein Kind, ich bitte Dich allen Ernstes, bitte Dich inständigst, sei ein Mann. — Ein Unglück ist allerdings geschehen, das kann ich leider nicht in Abrede stellen, aber Du siehst, Dein Papa verlangt nach Dir, folglich ist er bei Bewußtsein — es wird daher mit Gottes Hilfe nicht gar so arg sein." Hugo athmete schwer. „Sie haben keine nähere Nachricht erhalten?" „Woher soll ich? — Die Depesche ist, wie Du siehst, um halb zehn Uhr aufgegeben, fünf Minuten nach zehn habe ich sie erhalten, ich habe sofort einspannen lassen und bin zu Dir gefahren, vor elf war ich bei Dir und um ein Viertel auf zwölf sind wir fortgefahren, wie hätte ich da noch Nachricht erhalten können? — Wer ist der Unterzeichnete Bauer?" „Der Arzt", antwortete Hugo tonlos. „Vermuthlich ein zuverlässiger Mann?" „So lange ich denken kann, war er unser Hausarzt." „Na, das ist ja gut, da ist er ohne Zweifel ein tüchtiger Arzt. — Aber ich erinnere mich nicht, ihn je bei Euch gesehen zu haben, und er kennt mich selbstverständlich auch nicht. — Wieder ein Beweis, daß es Deinem Papa mit Gottes Hilfe nicht allzuschlecht geht. — Denn, siehst Du, Dein Papa muß ihm doch meine Adresse angegeben haben — daß er nach Dir verlangt, Du lieber Gott! das ist ja ganz natürlich, Du bist sein einziger Sohn. Und wenn er nun vielleicht gar Wochen lang an das Bett gefesselt sein sollte und hätte keinen Menschen um sich als die alte Liesbeth, das wäre doch zu arg. — Aber daß Du darum ein solch' fürchterliches Gesicht machst — Herzensjunge, glaube es mir, dazu hast Du keine Veranlassung. — Heute Abend um acht bist Du bei Deinem Papa, denr Dein Kommen mit Gottes Hilfe Genesung bringen wird." So plauderte der alte Herr noch lange und bemühte sich, die Verzweiflung, die sich des Andern zu bemächtigen drohte, zu bannen. Hin und wieder gelang ihm dieses auch, Hugo suchte sich selbst zu überreden, daß der Rittmeister recht habe, daß es nur ein leichter Unfall sei, der seinen Vater getroffen habe — aber — aber — er fürchtete dennoch das Aergste. Bleiern flössen ihm die Stunden dahin, oft war es ihm als müsse er hinausspringen aus dem Waggon, um rascher zu seinem Vater zu gelangen, als könne seine glühende Sehnsucht ihm Flügel leihen. — Doch der alte Freund seines Vaters wußte ihn immer in seiner bald polternden, bald milden Weise in die Wirklichkeit zurückzuführen. Elldlich, endlich hatten sie den Wohnort seines Vaters erreicht. Hugo hatte von unterwegs aus den I Arzt telegraphisch von seinem Kommen benachrichtigt, er rechnete daher darauf, von irgend einem Bekannten am Bahnhof erwartet zu werden, und bevor der Zug noch hielt, lehnte er in dem geöffneten Fenster und ließ den Blick suchend nmherschweifen, um irgend Jemand zu erblicken, der ihm Nachricht von dem Bestnden seines Vaters geben könne. — Und er hatte sich nicht getäuscht, dort auf deni Perron stand sein Jugendfreund, der Gespiele seiner Kinderjahre, Simon Kohn, und schaute der heranrollenden Wagenreihe entgegen. Jetzt hatte Simon auch ihn erkannt, zog grüßend den Hut und eilte ihm entgegen, bevor der Zug noch hielt. „Deinem Papa geht es Gottlob besser", rief er ihm schon von weitem zu. „Gott sei Dank!" flüsterte Hugo. „Aufmachen! anfmachen!" schrie er dem Schaffner zu, und als dieser herbeieilte, die Thür des Waggons zu öffnen, sprang Hugo hinaus und umarmte den Freund. „Das vergesse ich Dir in meinem ganzen Leben nicht, daß Du herausgekommen bist, mir diese Heilesbotschaft zu bringen." Inzwischen war auch der Rittmeister ausgestiegen. „Lassen Sie uns eilen", bat Hugo. „Ich habe bereits einen Wagen genommen", sagte Kohn, „er wartet draußen an der Einfahrt. Hast Du Dein Gepäck aufgegeben?" „Ich habe gar nichts bei mir." „So können wir sofort einsteigen."