Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 31 (21.4.1890)
- Date
- 1890-04-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXI. Jahrgang. M 81. Israelit... Jeschur«». WWst Ml Förderung jöd. Grijtes uuD jiiö. Hebens in Uns. Grminde unö Klynie. Kentrat-Hrgan für das ortliodore Iudenthum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 21. April 5650 (1890). Das Leichenbegiingniß Dr. Lehmanns Ma inz, 16. April. „Habt Ihr Thränen, so bereitet Euch, sie jetzo zu vergießen!" Wir mußten ihn der Erde übergeben, ihn, der unser Führer und Leiter, ihn, der Euer Freund gewesen. Für uns, seine langjährigen Mitarbeiter und Genossen, die wir so herzlich an ihm gehangen, gibt es kaum einen Trost und doch, Mitten in «uftrm höchsten Gram, grade da, wo wir auf ewig von seiner irdischen Hülle Abschied nehmen mußten, gesellte sich unserem Schmerze ein Gefühl des Stolzes und der Genugthuung hinzu, daß wir diesen Mann zum Führer hatten, daß es uns vergönnt war, unter seiner Fahne zu dienen, daß unsere Bestrebungen nicht umsonst gewesen, daß eine Welt mit uns in Klagen ausbricht. Da sah man, was er Allen, und Israel im besonderen, gewesen, sein Leichenbegängniß war der Spiegel seiner Größe, in welchem das Abbild seiner Erfolge sich kundgab. Unsere Weisen erzählen, daß auch die Thora trauert, wenn der Gottesgelehrte scheiden muß; ja hier stand sie selbst, die Thora, in allen ihren großen Vertretern, geschaart hatten sich die Geistesheroen des Judenthums, um die in der Bahre liegende „Krone Israels" zu betrauern, um ihrem tapferen, muthigen, siegreichen Vorkämpfer die letzte Ehre zu erweisen. Die zehnte Stunde des sechsundzwanzigsten Nissans war ausersehen zu dem erschütternden Werke; doch schon bei Tagesanbruch füllte sich das Trauerhaus mit Wehklagenden, die die Zeit nicht erwarten konnten, nocheinmal in der Nähe des theuren Dahingeschiedenen zu weilen. Kurz vor 9 Uhr wurde mit den Leichenreden begonnen, und widmeten die Herren Jonas B o n d i, ältester Schwager des Verstorbenen, Löwin aus Frankfurt a. M., Lehrer Steckelm ach er, Lipmann Pr ins aus Frankfurt a. M., Rabbiner B am ber g e r aus Aschaffenburg und Rabbiner Dr. Schiffer aus Karlsruhe tiefempfundene Worte der Liebe und Anerkennung und Ausrufe des herben Schmerzes dem im Sarge Ruhenden. Punkt zehn Uhr wurde die Bahre erhoben. „Da blieb kein Auge thränenleer". Straßenweit erschollen die markerschütternden Wehrufe und Verzweiflungsschreie derer, die ihn so heiß geliebt. Eine unabsehbare Menschenmenge wogte auf der Mittelstraße der „großen Bleiche", während das Volk, Kopf an Kopf, in dichtem Gedränge, auf dem langen Wege Spalier bildete. In meisterhafter Ordnung, mit entblößtem Haupte, standen sie zu beiden Seiten da und machten der Polizei und Gendarmerie, die vollzählig aufgeboten war, die Arbeit leicht. Zwölf Herren hatten ein Comitö gebildet und unterstützten die Sicherheitsorgane in der Ordnung des langen Zuges. Vor dem Leichenwagen schritten, von ihren Lehrern und Lehrerinnen geführt, die Schüler und Schülerinnen der Unterrichtsanstalt der isr. Religionsgesellschaft. Wohl zweihundert Schritte mußte die theure Bürde von dem Leichenhause fortgefahren werden, um dem Trauerzuge Raum zur Aufstellung zu geben. Auch aus der Spalier bildenden Menge hörte man innige Klagelaute; da war mancher arbeitsunfähige Greis, der für empfangene Wohlthaten zu danken hatte, manches arme, alte Weib, das hier eine Stütze verloren. Hinter dem schwarzen Wagen schritten die