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Der Israelit · 1890-03-31 · Heft 26 (31.3.1890) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
31 (1890)
Issue
Heft 26 (31.3.1890)
Date
1890-03-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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467 „Gottlob!" sprach er, „er ist wieder der Alte." Dann aber zuckte es schmerzlich um seine .Lippen, denn er erinnerte sich, wie die Dahingeschiedene auf dieses Pfeifen stets gehorcht hatte, das ihr die Heimkunft ihres Lieblings anzukündigen pflegte. „Guten Abend, Papa!" — Es war wieder die frische, fröhliche Knabenstimme, „was, Du fängst schon an zu packen?" „Ich suche nur einige Schriften, die ich mitnehmen will. Nun, wie geht's? hast Du Dich gut unterhalten mit Simon?" „Ausgezeichnet, Papa. Simon ist doch der beste und mir der liebste von allen meinen Kameraden; und er wird mich bei den anderen entschuldigen, er hat mir's versprochen." „Schön, mein Kind. Und nun wollen wir zu Tische gehen und dann in's Bett." „Simon meint, ich würde gar nicht schlafen können, vor Freude über die morgige Reise. Er war auch im vorigen Jahr während der Ferien in Wien und hat mir so viel davon erzählt, aber in der Nacht vor der Abreise hat er auch nicht schlafen können." „In dieser Beziehung wirst Du Dir hoffentlich kein Beispiel an ihm nehmen. — Aber nun komm." Als Wildau in später Nachtstunde an das Lager seines Kindes trat, fand er ihn in ruhigem sanften Schlummer, ein Lächeln umspielte die feingespaltenen Lippen und die Brust hob sich leicht und regelmäßig. Aber das ehedem so frisch blühende Angesicht war bleich und überaus schmal geworden. Wildau neigte sich über ihn und berührte mit seinen Lippen die hohe, schön gewölbte Knabenstirn. „Gott segne ihn!" flüsterte er in sich hinein. * * Die Reise war glücklich und dem Programm gemäß von statten gegangen. Mittags um zwölf Uhr hatte der Eisenbahnzug, in dem sie sich befanden, sich in Bewegung gesetzt und Abends um nenn hatten sie die Residenz erreicht, wo der Rittmeister von Werner mit seiner Equipage auf sie wartete. Er begrüßte die Ankommenden auf's herzlichste. „Willkommen, Du lieber, guter, alter Freund, sei mir tausendmal willkommen! und auch Du, Milchgesicht, mußt Dir den Willkommenkuß von dem alten Werner gefallen lassen. — War das eine Ueberraschung heute morgen, als Dein Telegramm angekommen ist. — Und eine Hetzjagd war das heute im ganzen Hause! — Meine Alte hätte gern das unterste zu oberst gekehrt, als ob Dir's dadurch bei uns besser gefallen hätte — und meine beiden Mädchen sind beständig von einem Zimmer in's andere gerannt, warum? — das weiß ich nicht — aber Dir zu Ehren ist's gewesen, das weiß ich bestimmt." Wildau bedauerte, daß sein Kommen — aber der Rittmeister ließ ihn nicht ausreden. „Was, Umstände? — Unsinn, Papperlapp, das ist nur das Gethue von den Weibsleuten. Von all den Geschichten, die sie gemacht haben, wirft Du sicher gar nichts bemerken, gerade so wenig als ich etwas davon merke. Aber meine Alte meint immer, je mehr sie sich freut, wenn ein guter Freund kommt, desto mehr Staub muß vorher aufgewirbelt werden. Und die beiden Mädels müssen selbstverständlich vollführen, was die Frau Mama befiehlt. — Sollst sie sehen, meine Mädels, Prachtmädels sind's, das muß sogar ich von ihnen sagen. — Meinen Jungen kennst Dn ja — ich glaube, er ist um zwei oder drei Jahre älter als Dein Hugo — aber im mindesten einen halben Kopf kleiner wird er sein und auch bedeutend schmäler." So plauderte der Rittmeister unaufhörlich, ohne einen Anderen zu Worte kommen zu lassen, und dabei drückte er die Hand des Freundes so kräftig, daß dieser wiederholt einen Schmerz empfand, während der Wagen über die Kaiserstraße dahinrollte, dem Landhause zu. Der alte Werner barg unter seinem rauhen Aeußern ein vortreffliches, überaus weiches Herz. Er war nicht immer so redselig wie heute, aber er sah den Freund zum erstenmal als Wittwer, das hatte ihn mächtig erschüttert, und er wähnte ihm wohlzuthun, wenn er ihm das Reden vorläufig ersparte. Endlich hatten sie das Ziel erreicht, der Wagen hielt vor dem hellcrleuchteten Landhause. Man hatte ihn schon von fern heranrollen sehen, Frau von Werner und ihre Kinder waren hinausgeeilt, die Ankommenden zu begrüßen. „Donnerwetter!" brüllte der Rittmeister, als er seiner Frau ansichtig ward, „Alte, was ficht denn Dich an? mit Deinem Rheumatismus bei solch' grimmiger Kälte kommst Du in's Freie! — Mach', daß Du hineinkommst! Du —" „Nun, nun", lachte Frau v. Werner, eine stattliche Erscheinung, Anfang der Vierziger, „laß' mich nur zuvor unsere lieben Gäste begrüßen. Willkommen, Herr Wildau!" Dieser schwang sich rasch aus dem Wagen und zog die ihm dargebotene Hand leicht an die Lippen. „Ich bitte inständigst, gnädige Frau, lassen Sie uns rasch hineingehen, Werner hat Recht, es ist hier zu kalt für Sie."

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