Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 25 (27.3.1890)
- Date
- 1890-03-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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FT'’» XXXI. Jahrgang. Erste Itilngf M.V 25 des „Israelit" & „Ieschurun". Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 24. März. Die infolge des Aufrufs aus Wüstensachsen bei uns eingegangen Spenden im Betrage von M. 438.65 haben wir heute an Herrn Provinzial-Rabbiner Dr. Cahn, Fulda, abgefandt. Das Verzeichniß der verehrltchen Spender, denen wir hierdurch im Namen der Unglücklichen unseren innigsten Dank sagen, erfolgt in einer der nächsten Nummern. Berlin, 20. März. Wir haben nun auch unsere Judendebatte, warum sollten wir unserer Schwesterstadt an der Donau nachstehend Es ist einmal alles im Leben der Mode unterworfen, und die parlamentarische Secirung der sogenannten Judenfrage steht jetzt in vollster Blüthe. Da finden wir es verzeihlich, daß der Vater dieses häßlichen Bastardkindes, das man „Antisemitismus" benamst, all sein Kriegszeug zusammenrafft, um nicht von den Rivalen in der österreichischen Kaiserstadt überholt zu werden. — Nun wir wollen es vor aller Welt bekennen, die Rede Stöckers, die derselbe heute im Abgeordnetenhause gehalten, ist nicht ohne Wirkung geblieben; sie hat ans uns eine niederschlagende Wirkung geübt. Wir wußten wohl, daß „jeder Jrrthum sein Auditorium hat", konnten aber nicht ahnen, daß sich diese Hörerschaft aus Männern zusammensetzt, die in normalen Zeiten der Intelligenz angehört, die sich in ruhigen Tagen aus das, was man Standesehre nennt, achtet. Heute waren die Leidenschaften entfesselt, man durste oder wollte dem tiefinnerften Fühlen freien Lauf lassen. Die erste Rede des Cultusministers hatte die gesetzgebende Körperschaft zu einer andächtigen Stimmung erhoben, man lauschte den Worten des gelehrten Ministers mit einer Ehrerbietigkeit, wie sonst nur in heiligen Hallen die Gemüther durchdringt. Der Herr Minister gab allen und jeden bedeutsame Winke, wie das geistige Leben und das körperliche Gedeihen der Jugend zu fördern sei. Da entfiel das Wort „Nationalvermögen" dem Schlußsatz des Ministers, das mußte den Funken im Herzen (?) des Agitators im Talar zu einer wogenden Flamme anfachen. An diesem „Nationalvermögen" darf die jüdische Jugend nicht theilhaben, der Wahn, als gelten auch ihr die trefflichen Weisungen des scharfsichtigen Meisters mußte ihnen geraubt werden. Da Hagelten nun wieder — allerdings in gelassener Ruhe — die Feuerkugeln nieder, um die Nachkommen der Patriarchen bis in die Tiefe der Seele hinein zu treffen. Wie jubilirte da die Schaar der konservativen Stützen des Staates, als die „jüdischen Elemente" hergeholt wurden, um wieder einmal die nervös Abgestumpften mit scharfer Würze zu traktiren. 1898 jüdische Schüler in der ein und halb Millionenstadt Berlin, das sind „unerträgliche" Zustände! 1898 wissensdurstige Menschen, denen weder Civilnoch Militärkarrisre als Lohn ihres heißen Ringen in Aussicht steht, wahrlich, wer soll da nicht von einem furchtbaren Bangen ergriffen werden? Und nun erst 1639 jüdische Schülerinnen, die sich in die Hähern Töchterschulen hineinwagen! Schauderhaft! — Die Conservativen thaten das Ihrige, um eine recht bestürzte Maske Zur Schau zu tragen. Das war gar jämmerlich anzusehen, wie so viele besorgte „Väter des Landes" der rechten Seite, voll Verzweiflung die Hände rangen, daß es mit dem preußischen Staate trotz seiner einsichtigen und Willensstärken Minister, so abwärts geht. — Was Wunder, daß Herr Stöcker sich vermißt dem Provinzialschulkollegium der Provinz Brandenburg seine Lektion zu ertheilen? Es muß Alles stürzen, was sich diesem Weisesten der Weisen nicht fügt. — 131 jüdische Knaben unter 1000 christlichen, 151 jüdische Mädchen unter 1100 christlichen Schülerinnen, das ist für Herrn St. eine Gefahr, an deren Abwehr;'man die besten Kräfte einsetzen muß. Aber mein Gott und Herr, wenn diese Reden vor 1900 Jahren gehalten worden wären und die von Herrn St. beabsichtigte Wirkung erzielt hätten, dann gäbe es heute kein wohldotirte Hofpredigerämter und keine reichbelaubten Villen für dieselben zum Ausruhen von dem süßen Geschäft des Hetzens der Menschenbrüder gegen einander. Liest man nur die Rede des Herrn St., so gewinnt man den Eindruck, als gäbe es gar kein Heim für die wissensdurstige christliche Jugend. Daß an 140 Schulen kein einziges jüdisches Kind zu endecken ist, verschweigt des Redners Unhöflichkeit. — Der wohl informirte Herr fürchtet, daß die Schulen von jüdischen Lehrkräften überfluthe^