Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 25 (27.3.1890)
- Date
- 1890-03-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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247 fährtin seines Lebens zu ruhen pflegte. Er unterdrückte einen Seufzer, er wollte in Hugo's Gegenwart keine weichherzige Stimmung in sich aufkvmmen lassen. Er entzündete die Gasflammen, rückte einen Sessel näher zum Tstch und lies; sich in demselben nieder. „Ah," sagte er sich zurücklehuend und die warme Luft des Zimmers in tiefen Zügen einalhmcnd, „hier thant man auf. Setze Dich zu mir, Kind, wir haben einiges zu überlegen." „Gleich, Papa," erwiderte Hugo, „ich bin gleich fertig." „Mit was bist Du gleich fertig V — was machst Du da?" „Ich stopfe Deine Pfeife, gleich ist sie voll." Er hatte das ehedem allabendlich gethan, doch schon seit Monaten nicht mehr daran gedacht. Lächelnd bot er sie ihm jetzt dar und ein brennendes Zündhölzchen dazu. Wildau nahm beides mit dankendem Kopfnicken und begann sofort zu rauchen, um eine aufsteigende Thräue zurückzudrängen. Hugo setzte sich an den Tisch dem Vater gegenüber und blickte hinüber zu dem leicht aufstcigcnden Dampfgeringel. „Ich habe Dir schon so lange nicht die Pfeife gestopft, Papa, — hast Du denn diese ganze Zeit hindurch nicht geraucht? — Ach, Papa, ich fürchte, ich habe Dir vielen Kummer bereitet — und ich hatte mir doch so fest vorgenommen, mein Möglichstes zu thuu, um Dich zu trösten in Deinem Schmerz — und statt dessen — o, verzeihe mir, Papa, verzeihe mir, von jetzt au wird alles anders werden." „Das hoffe auch ich, und eben deßhalb wollte ich mit Dir überlegen. Wie Du weißt, hat der Doctor schon längst erklärt, daß eine Reise Dir sehr wohlthättg sein werde. Aber Du wolltest absolut nichts davon hören. Doch jetzt —" „Jetzt wäre eine Reise überflüssig, Papa — ich versichere Dich — Deine gütigen Worte, Deine weise Erläuterungen haben mein krankes Gemüth bereits gesund gemacht." „Das gebe der Himmel. Aber auch Deine Nerven waren überreizt, und um diese zu beruhigen und zu kräftigen wollen wir den Rath des Arztes jetzt befolgen." „Hätte das nicht Zeit bis zu den Ferien?" bat Hugo, „was würde der Dircctor sagen? — mitten im Semester." „Dein Director hat gestern selbst mit mir davon angefangen', daß einige Wochen Erholung, respective Zerstreuung Dir dringend Noth sind, Du könntest später, wenn Du Dich wieder vollkommen frisch und wohl fühlst, das Versäumte mit Leichtigkeit uachholeu." Hugo versuchte noch einige Einwäude vorzubringen, Wildau unterbrach ihn mit freundlicher Entschiedenheit. „Genug, Kind! keine weitere Widerrede! — morgen Mittag reisen wir. Dixi!;‘ „Und wohin?" fragte Hugo mit lächelnder Resignation. „Zu meinem alten Freunde Werner in M... Er hat rllich schon so oft und so dringend aufgefordert, seinen vorjährigen Besuch zu erwidern, daß ich überzeugt bin, wir bereiten ihm durch unser Kommen eine Freude. Morgen früh werde ich ihn telegraphisch von unserer bevorstehenden Ankunft in Kenntnis; setzen; mittags reisen wir und Abends sind wir dort. Das Gut, das der alte Haudegen Sommer und Winter bewohnt, liegt zwar nicht an der Bahn und ist dennoch kaum eine halbe Stunde von der Residenz entfernt. Werner hat treffliche Pferde, seine Equipage wird uns jederzeit zur Verfügung stehen, so werden wir während einiger Wochen alle Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt mit Muße in Augenschein nehmen können. Morgen Vormittag habe ich tioch einiges zu ordnen, währenddessen kannst Du Deine Siebensachen in Ordnung bringen und darauf sehen, daß Liesbeth Kleider und Wäsche auch für mich in den Koffer schlichtet. Dann hast Du wohl auch noch einige Besuche zu machen, Dich von den Kameraden zu verabschieden. Freilich, morgen Vormittag wirst Du keinen zu Hause treffen, da werden sie sämmtlich in der Schule sein. Run, zn Kohu könntest Du heute Abend noch gehen, um Simon Adieu zu sagen, und könntest ihn gleichzeitig ersuchen, Dich bei den anderen zu entschuldigen." Das Lächeln, das seit langer Zeit zum ersten Mal das Antlitz des Knaben erhellt hatte, wich, eine gewisse Acngstlichkeit schien sich seiner bemächtigt zu haben, sein Athcm ging rascher, die Farbe in seinen Wangen stieg imb schwand. Beobachtend weilte Wildau'S Blick auf ihm, der jetzt träumerisch in die Gluth des Ofens starrte und sich mit den Händen wiederholt durch die Haare fuhr. Was hatte denn der Knabe schon wieder? „Papa," begann er endlich zögernd und mit gepreßter Stimme, „Papa — ich möchte noch eine Frage au Dich richten." „Sprich, liebes Kind, Du weißt, wie gern ich Dir antworte." Aber der .Knabe zögerte abermals, und zwischen jedem Satze zögernd, sprach er dann: „Du weißt, Papa — daß ich — daß ich gegen die Israeliten