Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 23 (20.3.1890)
- Date
- 1890-03-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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411 kischen Regierung mitgetheilt worden, daß diese Höhle für /immer den Juden als Eigenthum verbleibe und niemals verkauft werden dürfe. Feuilleton. W a t 1 u « g e n. Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung.» Einige Wochen waren verstrichen. Hugo hatte allmählich, wenigstens äußerlich, seine Fassung wieder gefunden, er hatte seine gewohnte Thätigkeit wieder ausgenommen. Wildau überhäufte ihn mit allen erdenklichen Beweisen von Liebe und Zärtlichkeit, er schien den Knaben jetzt mit doppelter Innigkeit zu lieben. Doch aus dem ehedem so frischen, lebhaften oft übermüthigen Knaben war ein Kopfhänger geworden, der sehr wenig sprach, und das Wenige leise, oft kaum verständlich. Er hatte sich von den Kameraden nahezu vollständig zurückgezogen, verkehrte fast mit keinem. Diese Veränderung erfüllte Wildau mit aufrichtiger Besorgniß. Der Arzt hatte gerathen, das dem Anscheine nach krankhaft veidüstcrte Gemüth des Knaben durch eine Reise zu zerstreuen, doch Hugo weigerte sich entschieden, vor den Ferien seine Studien zu unterbrechen, und zwingen wollte ihn Wildau nicht, umsoweniger als auch ihin gegenüber Hugo's Wesen vollständig verändert war. Es war an einem Sonntag, einem heiteren Wintertage, der Himmel klar, fast wolkenlos. Der Fluß war fest zugefroren und eine lebensfrohe Menge tummelte sich auf dem Eislaufplatz. Hugo saß daheim in seinem Zimmer, eines jener Bücher, ans denen er in ihren letzten Tagen der Verblichenen vorgelesen hatte, hielt er in den Händen und schien in seine Lektüre vertieft, als Wildau mit freundlichem Gruß auf ihn zutrat. „Guten Tag, mein licbcsKind, wie geht es Dir?" „Danke, gut," erwiderte Hugo matt, indem er seine Hand in die ihm dargebotene legte. Wildau schüttelte den Kopf. „Deine Hand ist heiß und Dein Antlitz ist bleich — ich fürchte, Kind, Du fühlst Dich nicht ganz wohl. Sage mir doch," fuhr er fort, indem er sich neben ihn setzte und liebevoll seinen Arm um ckhn schlang, „sage mir aufrichtig, schläfst Du gut?" „Wenig", flüsterte der Knabe. „Wenig? — und warum wenig? — stört Dich etwas? — Sei aufrichtig, liebes Kind", fuhr er in bittendem Tone fort, „was hindert Dich am Schlafen?" „Mir ist," erwiderte Hugo zögernd, „mir ist immer — als hörte ich die Mama beten — unaufhörlich — Tag und Nacht." Wildau, obgleich schmerzlich ergriffen von den Worten des Knaben, empfand dennoch eine Art Befriedigung, war es doch das erstemal, daß Hugo derartigen Fragen nicht auswich, vielmehr geneigt schien, dieselben eingehend zu beantworten; er glaubte, diese mittheilsame Stimmung nützen zu sollen, sich einen tieferen Einblick zu verschaffen in das verdüsterte Gemüth seines Kindes. „Und deßhalb kannst Du nicht schlafen?" fragte er mit leicht vibrireuder Stimme. Hugo neigte znstimmeud das Haupt. „Es ist so schrecklich," flüsterte er in sich erschauernd, „wenn Du wüßtest — wie das so schrecklich ist." Wildau zog ihn fester an sich. „Mein armes Kind!" Ein tiefer Seufzer, es war fast ein Aechzen, entrang sich der Brust des Knaben, er ließ das Haupt auf die Schulter des Vaters sinken, als wolle er bei ihm Schutz und Hilfe suchen. „Wenn Tu wüßtest, Papa, wie das so schrecklich ist — unaufhörlich ist cs mir als hörte ich Mama beten — bald das Vater unser, bald Ave Maria — und dann ist es mir, als ob Mama verlange, daß ich auch bete — und wenn ich das Vater unser gebetet habe — dann höre ich, wie Mama sagt, nun Ave Maria — und wenn ich anfangen will — jedesmal, wenn ich Ave sagen will — dann ist es mir, als würde mir der Hals zugezogen — ich kann nicht athmen — ich bringe das Wort nicht heraus — und dann höre ich Mama's zürnende Stimme: Du hast geschworen, Hugo! — Du hast geschworen! — und id) bringe es doch nicht heraus!" In immer zunehmender Erregung hatte der Knabe gesprochen, krampfhaft umklammerte er Wildau's Hand und hin unb wieder durchfuhr ein Zittern seinen Körper. „Armes Kind! — Deine Nerven sind angegriffen — wir müssen den Doctor kommen lassen." Hugo schüttelte abwehreud den Kopf. „Nein," stammelte er, „nein — das ist es nicht." „Was ist es nicht, Kind — was meinst Du?" Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Ich weiß nicht, was ich sagen wollte — oder doch — nein, Papa, lasse den Doctor nicht kommen — der Doctor kann mir nicht helfen — nein — nein — meine Nerven sind nicht angegriffen." „Doch, Kind, doch — das Ganze ist nichts anderes als Ueberreiztheit der Nerven." „Nein!" schrie Hugo auf mit heiserer Stimme, indem er sich plötzlich aufrichtete und mit rollenden Augen scheu nach allen Richtungen blickte.