Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1890)
- Date
- 1890-03-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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355 vollsten Aufmerksamkeit, jeden freien Augenblick veri sie lauschte oft mit wonnetrunkenem Lächeln, denn brachten sie an ihrem Lager, und als die Weih- Hugo wußte gut zu lesen, jedes Wort, jeder Genachtsferien gekommen waren, wich Hugo vom j danke kam durch seine sympathische Vortragsweise frühen Morgen bis in die späte Nacht nicht von zur Geltung, und wenn zuweilen durch die unabihrer Seite. Stundenlang las er ihr vor aus re-! lässige Aufregung, in der er sich befand, die ligiösen Büchern, die sie am meisten liebte, und sie j Stimme ihm bebte oder vollständig versagte, dann hielt seine Hand und lauschte seinen Worten und j wähnte die Kranke, die fromme Lektüre habe ihn schaute mit unaussprechlicher Liebe in sein jugendj so mächtig ergriffen, und sie pries sich glücklich, lich schönes Angesicht, das durch die Sorge um sie j daß es ihr, wie sie wähnte, noch vergönnt war, von seiner gewöhnlichen Frische doch etwas einge-! durch ihr Leiden ihn für das zu begeistern, was büßt hatte. ) ihr das höchste. „Hugo, mein Kind," sprach Wildau zuweilen, j Doch der warmherzige Knabe hatte seine „Du mußt hinaus in's Freie, mußt frische Luft j Kräfte überschätzt, das unaufhörliche Reden hatte schöpfen, ich werde jetzt Deine Stelle bei der Mama - ihn vollständig heiser gemacht, er mußte sein Vorvertreten." I lesen sistiren. Aber der Knabe hatte längst bemerkt, daß die j Draußen fiel der Schnee in dichten Flocken Kranke sich nicht wohler zu fühlen schien, als wenn j und bedeckte Wald und Flur wie mit einem riecr bei ihr weilte, darum gab er Wildau's Vorstel-? sigen Leichentuche. Im Zimmer der Kranken lungen nicht so rasch nach, nur wenn derselbe ihm ' herrschte lautlose Stille, nur unterbrochen durch in gemessenen Worten Aufträge ertheilte, die ihn! ihre zuweilen röchelnden Athemzüge und durch das zum Fortgehen zwangen, ließ er sich dazu bewegen, j unauflässige Ticktack der Pendüle.' Aber rascher als man vermuihet hatte, hatte er Mau hatte die Kranke auf ihren Wunsch auf immer die ihm gewordenen Aufträge vollführt und ehe eine Chaiselongue gebettet und dieselbe der Art man sich dessen versah, war er wieder am Krankenj gestellt, daß ihr Auge dem Fenster zugewaudr war, bette. Wildau schüttelte jedes Mal mißbilligend! das auf den Garten führte. Zu beiden Seiten des den Kopf, denn es war ersichtlich, der Knabe strengte j Lagers faßen Wildau und Hugo, die Kranke hielt sich allzusehr an; aber das freundliche Lächeln der j von jedem eine Hand, als wolle sie sich mit ihren sanften Frau, die ihn über alles liebte, belohnte \ letzten Kräften anklammern an diese beiden Wesen, ihn überreich.! die ihr die theuersten auf Erden. Wiederholt war sie in Versuchung gewesen, den i Wildau's Blick weilte mit mitleidiger Zärtlich- Knaben zu dem Gelöbniß zu drängen, fortan jeden j feit auf dem Antlitze der so schwer Leidenden, hin Verkehr mit Nichtkatholiken zu meiden; doch die j und wieder neigte er sich zu ihr, ihr einige Trostes- Warnung des Geistlichen, der sie die Berechtigung; Worte zuzuflüstern, während Hugo, der gleichfalls nicht abzusprechen vermochte, hielt sie jedesmal i die beiden letzten Nächte durchwacht hatte, vom zurück.; Schlummer übermannt, mit geschlossenen Augen Aber ihre Kräfte schwanden mehr und mehr, I dasaß, den Kopf auf die Brust gesunken, von Tag zu Tag gewahrte man die Fortschritte i Die Kranke schlummerte nicht, hin und wieder des heimtückischen Nebels. j fielen ihr zwar die Augen zu, doch oft hob sie den Die Ferien waren zu Ende, der Unterricht Blick zu dem ihr so Theuren und dann schaute sie hatte wieder begonnen. j hinaus auf den Garten, wo die Schneeflocken oich- „Du könntest in die Schule gehen," sagte! 1er und dichter fielen. Wildau leise, „ich werde bis zu Deiner Heimkehr j Was sie sann? — Wildau suchte vergebens bei der Mama bleiben." j es zu erratheu. Plötzlich schauerte sie zusammen, Hugo hob den thränenumslorten Blick zu ihm j ihre Lippen bewegten sich, und schüttelte schweigend den Kopf und Wildau j „Was wünschest Du, Geliebte?" fragte er, drängte ihn nicht, denn er sah ein, er hätte der i ihre Hand leise drückend. Kranken dadurch die letzte Freude gekürzt; mehr j „Kalt," flüsterte sie, auf's Neue in sich er- und mehr näherte sie sich ihrer Auflösung, weit! schauernd, „'s ist kalt. — Hugo l — Hugo!" rascher als der Arzt vorausgesagt hatte. i „Hugo!" rief Wildau etwas lauter. Wildau und Hugo wichen nicht mehr von dem! Der Knabe fuhr empor und blickte schlaftrunken Bette der ihnen so theuren Kranken, nicht am Tage! und verwirrt um sich, und nicht in der Nacht. Hugo las ihr fast unauf- - „Die Mama hat Dich gerufen." hörlich vor aus den ihr so theuren Büchern und : Hugo neigte sich zu ihr und zog ihre zuckenden