Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 19 (6.3.1890)
- Date
- 1890-03-06
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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348 Festung machten, entspann sich ein kurzer und heftiger Kamps, welcher zwar mit der Zurückwerfung der Kaiserlichen endete, allein auch uns große Verluste verursachte. Unter den Verwundeten war auch ich, dessen linkes Bein am oberen Schenkel durch den Streifschuß einer Kanonenkugel gebrochen wurde meine Wunde war eine schwere, die Aerzte konnten erst nach zwei Wochen mir versichern, daß mein Fuß nicht amputirt zu werden braucht, und es vergingen 2'/* Monate, bis ich mit Hilfe einer Krücke zu gehen vermochte. Ich konnte jedoch nicht ruhen denn nach meiner damaligen Auffassung fürchtete ich, daß wir den Feind rasch besiegen werden, und es war mir ein unerträglicher Gedanke, daß ich an diesem Erfolge nicht sollte theiluehmeu können. Ich meldete mich daher zum Dienst, und da ich nicht zu Fuße Dienst leisten konnte, übernahm ich die Adjutantur, so daß ich ein Pferd erhielt; die Krücke ward im Sattel versorgt. Anfangs März 1849 wurde das Bataillon nach Szegedin unter das Eommando Perczel dirigirt. Nun begann ein brillanter Feldzug. — Perczel's nahm Szt. Tamas, schlug die Serben bei den Römer-Schanzen, trieb sie über die Donau und befreite Peterwardein, darauf setzte er über die Theiß, schlug auch hier die Serben bei Kikinda, Groß-Becskerek und Uzdin und drang bis Paucsova vor. Hier kann ich wieder den Faden der Geschichte meines Jugendfreundes Moriz aufnehmen. In der Groß-Becskereker Schlacht, als die Unsrigen den Feind bereits ans vierhundert Schritte zugedrängt und jeder unserer Blessirten auf dem Platze, wo er fiel, liege« blieb, erhielt ich den Auftrag, zum Reserve-Eommandauten zu reiten um einen Befehl zu hiuterbriugcn. Der Ritt führte mich durch die Reihen unserer Verwundeten, als auf einmal ein auf der Erde liegender Blessirter mich laut anrief; ich sprengte hin, und nach kurzem Rachsinnen erkannte ich in dem Verwundeten meinen Jugendkameraden Moriz, der mit größter Freude, mit verklärtem Gesicht zu mir sagte: „Sehen. Herr Oberlieutenant, auch ich bin für das Vaterland verwundet worden." Ich stieg auf eine Minute vom Pferde, drückte ihm die Hand, und aus meine Frage, wo er verwundet sei, zeigte er mit größter Freude auf seine beiden Schenkel und sagte, daß ihm nicht nur der eine Schenkel wie mir, sondern die beiden Schenkel mittelst einer Kanonenkugel gebrochen seien. Ich hatte keine Zeit bei ihm zu verweileit, drückte ihm die Hand und versprach^ ihn nach der Schlacht aufzusuchen und ihm beiziWchen, doch mit meiner Gemüthsruhe war es zu EK.de; denn ich konnte mir denken, daß, wenn ich mit einem Schenkelbruch kaum dem Tode entgehen konnte, mein armer Freund den zwei Brüchen erliegen müsse. Die Schlacht dauerte bis spät in die Nacht hinein und endigte mit dem vollständigen Siege der Unseren. Nach der Schlacht eilte ich aus den Verbandplatz, wohin bereits unsere Tobten und Verwundeten gebracht worden waren. Ich sprach vor Allem mit den Aerzten, um Erkundigungen über den Zustand meines Freundes eiuzuholeu, leider war ihre Mittheiluug eine höchst betrübende, denn sie sagten, daß nicht nur die beiden Scher,kel gebrochen sind, sondern an einem Fuße auch die Ädern und Sehnen zerquetscht seien, so daß, wenn ich mit ihm reden wolle, ich mich beeilen müsse, denn in Folge der gänzlichen Erschöpfung habe er kaum mehr eine Viertelstunde noch zu leben. Ich eilte zu meinem Freunde und fand ihn regungslos mit geschlossenen Augen auf der Erde liegen. Ich faßte seine Hand, rüttelte ihn sanft und rief ihm zu: Moriz, Moriz, kennst Du mich nicht; ich bin'S, Dein Jugendfreund! Er öffnete die Augen und nickte ein wenig mit dem Kopfe, ich suchte ihn zu trösterr und sagte ihm, er werde ebenso geheilt werden rvie ich, ich schilderte ihm, mit welcher Freude ihn seine gute Mutter Wiedersehen, wie stolz sein Vater auf ihn sein werde, er aber gab auf diese Worte keinerlei Antwort. Als ich dies sah, fürchtete ich das Schlimmste, und selbst vom Schmerze überwältigt, schüttelte ich seine Hand noch einmal und ries ihm in's Ohr: Kamerad! Wenn Gott es so befohlen, iverden wir für das Vaterland auch sterben können. „Dulce etdecorum est pro patria mori!“ Hierauf als hätte er alle seine Kräfte sammeln wollen, athmete er tief auf und sagte leise: . .Igen a hazäert!" (Ja, für's Vaterland.) Das waren seine letzten Worte; beim bald kam ein Arzt und eonstatirte, daß der wackere junge Held ansgerungen habe. Ich eilte vom Platze, um meinen Thräneu freien Lauf lassen zu können; der Schmerz ergriff mich so heftig, als hätte ich meinen Bruder zu beweinen gehabt. Am folgenden Tage zeitlich Früh brach unser Lager auf, ich bat meinen Eommandanten, bis zur Beerdigung der gestern Gefallenen Zurückbleiben zu dürfen und begab rnich wieder auf den Verbandplatz. Da lagen dicht neben einander die Todten in Reihen und hinter ihnen ivar ein breiter, tiefer Graben aufgcworscn. Bald kam unser Feldparer, einFiauciskaner; er hielt eine kurze Rede, segnete die Todten ein und betete für ihr Heil - im Tode find wir Alle gleich. Dieses geineinschaftliche Grab bezeichnet gegenwärtig noch kein Mouemeut, bald jedoch wird ein würdiges Denkmal sich dort erheben, wo mit so vielen tapMeu/Helden auch mein jüdischer Jugendfreund und Kriegskamerad ruht. Verantwortliche Nedaction: Dr. L eh in a n n in Mainz. — E xpedition beS „Israelit und Ieschnrnn", Schottstr. Jir. 2, Mainz. Druck und Verlag der Ioh. Wirth'schen Hosbnchdrnckerei-Nctien-Gesellschaft in Mainz.