Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 31 (1890)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1890)
- Date
- 1890-03-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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W mmmmrnmm 315 „Vollkommen, meine Gnädige, Hugo hat beim Unterricht noch nie eine an ihn gerichtete Frage unbeantwortet gelassen oder sie falsch bcwantwortet, er hat noch nie eine Störung während des Unterrichtes veranlaßt." „Und seine Aufmerksamkeit während des Religionsunterrichtes? — läßt auch die nichts zu wünschen übrig?" „Sie inquiriren streng," entgegncte der Pastor lächelnd, „was seine Aufmerksamkeit betrifft, so läßt sich allerdings nicht in Abrede stellen, daß dieselbe zuweilen — aber auch nur zuweilen — etwas zu wünschen übrig läßt. — Aber man kann ihm das nicht geradezu verübeln. Er ist ein überaus begabter Knabe, der sich alles merkt, was er auch nur ein einziges Mal gehört hat. In seiner Klaffe sitzen jedoch so und soviel beschränkte Köpfe, denen man jede Sache drei und auch vier Mal wiederholen muß, bevor sie dieselben erfassen. Da darf man es den Begabteren nicht übel nehmen, wenn ihnen die Unterrichtszeit zuweilen langweilig erscheint und sie während derselben an etwas anderes denken. Hauptsache ist, daß sie dasjenige inne haben, was zu wissen ihnen nothwendig ist."' Es entstand eine Pause. Frau Wildau blickte sinnend in das flackernde Feuer, ans die emporstrebende Lohe. — Einige Mal machte sie eine Bewegung mit den Lippen, als wolle sie sprechen, aber man vernahm keinen Laut. Endlich begann sie leise, ohne den Geistlichen anzublicken. „Und wie ist's denn — wie ist's denn — mit seinen Fragen?" „Ich kann versichern, daß er schon seit sehr, sehr langer Zeit keine Frage an mich gerichtet hat, die ich ihm ungern beantwortet hätte. Gnädige Frau können daher auch in dieser Beziehung vollkommen ruhig sein." Ein schwerer Seufzer hob ihre Brust. „Ruhig" — wiederholte sie kopfschüttelnd, „ruhig bin ich durchaus nicht — ruhig kann ich nicht sein." „Aber, gnädige Frau, ich wiederhole meine Versicherung —" „Daß Hugo keine ungeziemende Frage stellt — das glaube ich gern — aber was beweist das? — er ist klug und rücksichtsvoll. Aus seinem Schweigen läßt sich durchaus noch nicht auf seinen Glauben schließen." „Bitte sehr, meine Gnädige, da muß ich mir denn doch erlauben, meine entgegengesetzte Meinung geltend zu machen. Solange ich von einem Menschen nichts Böses sehe und kein ungläubiges Wort von ihm höre, solange muß ich ihn als einen braven, gläubigen Menschen achten und betrachten." Ein Seufzer hob abermals ihre Brust. „Brav — ja, er ist brav — sehr brav — ich glaube, es gibt kein braveres Kind als ihn. — Wollte ®ott, ich könnte in Bezug auf seinen Glauben eben so ruhig sein, wie in Bezug auf seine Bravheit." „Ich begreife in der That nicht, aus welchem Grunde die Gnädige in Betreff seines Glaubens nicht ruhig sein könnten." „Hochwürden begreifen das nicht — und es ist doch so naheliegend — ich habe von Anfang an für seinen Glauben gefürchtet. Mein Mann ist sein Ideal, all sein Streben geht dahin, in aller und jeder Beziehung demjenigen gleich zu werden, den er für seinen Vater hält." „Gott segne ihn, er ist ein braver Knabe und welch' schöneres Vorbild könnte er wählen, als Ihren edlen Gatten?" „Hochwürden!" rief Frau Wildau mit einer abwehrenden Bewegung, „sollten Ihnen die religiösen Grundsätze meines Mannes nicht bekannt sein?" „Ich glaube doch. Ich kenne Herrn Wildau als einen überaus braven, wohlthätigcn Mann, dem das Wohl seines Nächsten am Herzen liegt, fast wie sein eigenes — der das allgemeine Beste mit größter Selbstlosigkeit fördert — auch die Kirche ist ihm zu hohem Dank verpflichtet, beim Domban war seine Spende die bedeutendste." Frau Wildau trommelte ungeduldig mit der Fußspitze auf den Fußschemel. „Und daraus schließen Hochwnrden auf den rechten Glauben meines Mannes?" „Gewiß, gnädige Frau, dazu bin ich verpflichtet. Wir Menschen können und dürfen unsere Mitmenschen einzig und allein nach ihrem Thun, respective nach ihren Reden beurtheilen. — Gott allein prüft Herz und Nieren." Sie preßte die Lippen aufeinander. „Aber wenn unsere Mitmenschen uns einen Einblick in ihr Innerstes gestatten?" „Das können sie nur entweder durch ihr Thun oder durch ihr Reden. — Ich aber habe noch nie ein ungläubiges Wort von Herrn Wildau vernommen, habe jedoch zahllose hochherzige Handlungen von ihm gesehen — folglich —" „Ja, wenn Sie so denken, Hochwürden — daun begreife ich freilich, daß Sie weder meine Sorgen, noch meine Scrupel begreifen." „Nein, ich begreife sie nicht, gnädige Frau, und ich bitte Sie inftändigft, lassen auch Sie sie fahren alle jene Befürchtungen und Scrupel, zu denen Sie wahrhaftig keine Veranlassung haben. Hugo ist brav und ist Ihnen ergeben wie nur ein Sohn seiner Mutter ergeben sein kann. Und darum,